Polymedikation

Mehr als 5 Millionen GKV-Versicherte nahmen 2011 fünf oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe in Arzneimitteln zur systemischen Therapie dauerhaft ein, 600.000 davon sogar zehn oder noch mehr Arzneimittel. Hier erfahren Sie mehr zu Ursachen und Risiken der Polymedikation.

Patient regt sich auf

Definition

Eine Polymedikation, Polypharmazie oder auch Multimedikation liegt dann vor, wenn ein Patient parallel mehrere verschiedene Medikamente als Dauermedikation einnimmt. In der Regel spricht man von einer Polymedikation, wenn der Patient mindestens 5 Arzneimittel gleichzeitig einnimmt.

Ursachen einer Polymedikation

Die Degam-Leitlinie „Hausärztliche Leitlinie Multimedikation“ nennt für die Polymedikation verschiedene Ursachen:

  • Multimorbidität und deren leitliniengerechte, medikamentöse Behandlung
  • Mehrere Therapeuten, unzureichende Kommunikation untereinander
  • Fehlen eines Medikationsplanes
  • Verschreibungskaskaden, also dass bei unerwünschten Nebenwirkungen neue Arzneimittel gegen diese Nebenwirkungen verordnet werden, anstatt das auslösende Medikament zu tauschen
  • Unkritische Übernahme der Therapie bei Entlassung des Patienten aus dem Krankenhaus
  • Unabgestimmte Selbstmedikation der Patienten
  • Kein Absetzen erfolgloser Therapien
  • Kein Absetzen erfolgreicher Therapien (Wurde z.B. ein Reflux mit Protonenpumpenhemmern erfolgreich behandelt, aber das Medikament danach nicht mehr abgesetzt.)
  • Unveränderte Weiterführung der Medikation trotz Änderung der Risikofaktoren (Gewicht, Rauchstopp, etc.) oder des Krankheitsbildes
  • Rabattvertragsmedikationen, die dazu führen, dass der Patient den Überblick verliert und möglicherweise identische Substanzen verschiedener Hersteller parallel einnimmt.
  • Erwartungshaltung von Patienten und Ärzten (Ärzte gehen davon aus, dass Patienten die Ausstellung einer Verordnung erwarten)

Medikationsplan

Seit Oktober 2016 haben Patienten, die dauerhaft drei oder mehr verordnete Medikamente einnehmen, Anspruch auf einen vom Arzt erstellten Medikationsplan nach § 31a SBG V. Laut KBV wurden im ersten Halbjahr 2017 für 74.500 Patienten Medikationspläne ausgestellt.

Schwierigkeiten bei der Erfassung einer patientenindividuellen Polymedikation

Um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern, ist die Kenntnis der Gesamtmedikation eines Patienten eine Grundvoraussetzung. Leider gibt es hier immer wieder Diskrepanzen zwischen den diversen Informationsquellen (Arzt, Patient, Apotheker).

Laut der Bundesvereinigung der deutshen Apothekerverbände (ABDA)  liegt der Anteil der Selbstmedikation bei 37,4% aller Arzneimittelpackungen. Den Ärzten ist diese Selbstmedikation in der Regel nicht bekannt. Auch die Apotheken verfügen über Informationen, die den Ärzten nicht bekannt sind, so z.B. die aktuell abgegebenen Rabattarzneimittel, deren Teilbarkeit und Hersteller.

In Apotheken durchgeführte Studien zum Medikationsplan

Eine Studie mit 500 Apothekenpatienten in Westfalen-Lippe kam zu folgenden Ergebnissen:

  • Nur bei 6,5% aller Patienten entsprach der Medikationsplan auch der tatsächlichen Einnahmepraxis
  • Bei 41% wies der Medikationsplan andere Präparatenamen aus
  • 30% aller Medikationspläne waren lückenhaft
  • 18% der Medikationspläne enthielten Arzneimittel, die nicht mehr eingenommen wurden
  • 11% der Medikationspläne wiesen andere Dosierungen als die tatsächlich eingenommenen aus

Eine weitere Studie mit 648 Apothekenpatienten in Bayern zeigte bei 63% aller Medikationspläne Auffälligkeiten wie unerwünschte Wechselwirkungen, unklare Anwendung von Arzneimitteln und Überversorgung mit Arzneimittel.

Unerwünschte Folgen einer Polymedikation

Vorliegende Untersuchungen aus verschiedenen Ländern einschließlich Deutschland haben gezeigt, dass etwa 5 Prozent aller Krankenhauseinweisungen die Folge unerwünschter Arzneimittelwirkungen sind und ein Viertel davon vermieden werden könnten. Nach diesen Untersuchungen kann davon ausgegangen werden, dass in Deutschland rund 250 000 Krankenhauseinweisungen jährlich auf vermeidbare Medikationsfehler zurückzuführen sind.¹ In Deutschland wird die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Polymedikation auf 16.000 bis 25.000 pro Jahr geschätzt.²

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 04.09.2018

Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) "Hausärztliche Leitlinie Multimedikation"

Moßhammer D, Haumann H, Mörike K, Joos S: Polypharmacy—an upward trend with unpredictable effects. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 627–33. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0627

Faktenblatt der ABDA zur Polymedikation, Stand 16. April 2018, https://www.abda.de/

¹Medikationsplan gemäß § 31a SGB V – Erfahrungen und Fortentwicklung Drucksache des Deutschen Bundestag 19/849

²Pressemitteilung der Süddeutschen Zeitung SZ , https://www.sueddeutsche.de/wissen/medikamente-und-nebenwirkungen-bis-zu-todesfaelle-durch-medikamente-1.793240

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