Neue Leitlinie zu Diabetes im Alter

Auf einer Pressekonferenz am 28. März 2019 in Berlin erörterten Experten aus Medizin und Pflegewissenschaften die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Diabetes im Alter, die Inhalte der neuen Leitlinie sowie Fort- und Weiterbildungsangebote für Pflegefachkräfte.

Diabetes

Die neuen Leitlinien

Aufgrund der demographischen Entwicklungen ist davon auszugehen, dass Diabetologen und Pflegefachkräfte künftig viele geriatrische Patienten mit Diabetes versorgen werden. Die NVL Leitlinien zur Therapie des Diabetes mellitus lassen sich nicht einfach auf ältere Menschen mit Diabetes übertragen. Daher hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) die evidenzbasierte S2k-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes im Alter“ [1] ausgearbeitet. „Bei dieser Patient*innengruppe sind der Erhalt der Lebensqualität und der Eigenständigkeit am wichtigsten“, erklärt

Professor Dirk Müller-Wieland, Präsident der DDG, von der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum der RWTH Aachen.
Anhand von Ressourcen und Defiziten lasse sich der Funktionszustand kategorisieren und damit die Therapie besser planen. Gerade Unterzuckerungen stellen eine Gefahr für ältere Patienten dar. Daher sollte die Vermeidung von Hypoglykämien Vorrang vor einem normnah eingestellten Blutzucker haben.

„Eine erfolgreiche Diabetesbehandlung hängt von einer Vielzahl kognitiver Leistungsbereiche ab.“ Defizite können die Therapie beeinträchtigen und Patienten durch Behandlungsfehler gefährden. Menschen mit Diabetes und Demenz benötigen daher die Unterstützung von Pflegenden. „Die Leitlinie beinhaltet daher erstmalig auch ein separates Kapitel zum Thema Pflege und ist damit wegweisend für die evidenzbasierte Pflege und deren Orientierung an interdisziplinären Versorgungsleitlinien“, so Müller-Wieland [1].

Die Leitlinie richtet sich an ältere Menschen mit Typ-1 und Typ-2 Diabetes mellitus (Alter: >70 Jahre). Sie trägt zusätzlichem Handlungsbedarf Rechnung, der aus der Multimorbidität älterer Menschen mit Diabetes resultiert. Neue Behandlungsverfahren (kontinuierliche Glukosemessung und sensorunterstützte Pumpentherapie) wurden in die aktualisierte Version der Leitlinie einbezogen.

Im Folgenden sind die Empfehlungen stichpunktartig, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder die Darstellung verschiedener fachlicher Sichtweisen, wiedergegeben.

Diagnostik und Screening

Folgende Empfehlungen zu Diagnostik und Screening führt die neue Leitlinie auf:

  • Grundsätzlich sind die diagnostischen Kriterien für Diabetes im Alter nicht anders als bei jüngeren Patienten. Es gelten also die WHO-Kriterien.
     
  • Eine signifikante Verbesserung klinischer Endpunkte konnte bislang durch Diabetes-Screening nicht klar belegt werden. Für die funktionell wenig eingeschränkten Patienten wird ein Screening-Intervall von zwei Jahren empfohlen. Für die funktionell abhängigen Patienten orientieren sich die Empfehlungen an den Vorgaben der International Diabetes Federation (IDF) von 2013.
     
  • Zur Erfassung der medizinischen, psychosozialen und funktionellen Probleme und Ressourcen des älteren Menschen mit Diabetes, mit dem Ziel einen umfassenden Behandlungs- und Betreuungsplan zu entwickeln, sollte ein umfassendes geriatrisches Assessment durchgeführt werden.
     
  • Im Falle einer vom älteren Menschen mit Diabetes selbständig durchgeführten Insulintherapie soll eine regelmäßige Überprüfung der praktischen und kognitiven Fähigkeiten erfolgen. Insbesondere bei beginnender Demenz sind Kognitionstests sinnvoll, um sicher zwischen selbständiger Insulingabe oder nötiger Fremdhilfe zu unterscheiden.

Therapieziele

Die folgenden Therapieziele werden in der Leitlinie aufgeführt:

  • Das Therapieziel der Betroffenen ist meist der Erhalt der Autonomie, soll jedoch vom älteren Menschen mit Diabetes selbst formuliert werden.
     
  • Das Therapieziel des Behandlers sollte eine an die Ressourcen und Defizite adaptierte Therapie zum Erhalt der Lebensqualität unter Vermeidung von akuten Komplikationen, speziell Hypoglykämien, sein. Individuelle Aspekte bezüglich Lebensqualität sollen aktiv erfragt werden.
     
  • Für Blutdruck, Glukosestoffwechsel und Lipidstatus sollen individualisierte Therapieziele vereinbart werden.
     
  • Das HbA1c-Ziel sollte an die vermutete Lebenserwartung angepasst werden. Die folgenden Zielkorridore/Zielwerte sollten nach heutigem medizinischem Wissensstand im Regelfall angestrebt werden:
PatientengruppeBegründungHbA1cBlutglukose vor MahlzeitenBlutdruck*
Wenig Begleiterkrankungen
Kognitiv nicht eingeschränkt
(funktionell unabhängige Patienten)
Lebenserwartung > 15 Jahre
Vorteile einer intensiven Therapie können erlebt werden
6,5-7,5%
(47,5-58,5 mmol/mol)
 
100-125 mg/dl
5,6-6,9 mmol/l
 
Über 80 Jahre:
<150 mmHg
60-80 Jahre: <140* mmHg (ESC/ESH)
Sehr alte oder multimorbide oder kognitiv leicht eingeschränkte Patienten (funktionell leicht abhängige Patienten)Lebenserwartung  < 15 Jahre
Vorteile einer intensiven Therapie können nicht erlebt werden
Erhöhtes Hypoglykämie- und Sturzrisiko
≤ 8,0%
(63,9 mmol/mol)
 
100-150 mg/dl
5,6-8,3 mmol/l
 
Sollte < 150 mmHg
Pflegeabhängige oder kognitiv stark eingeschränkte Patienten
(funktionell stark  abhängige Patienten)
Begrenzte Lebenserwartung< 8,5%
(69,4 mmol/mol)
110-180 mg/dl
6,1-10 mmol/l
individuelle Therapieentscheidung, die den Gesamtkontext des Patienten einbezieht (da keine Zielwertevidenz)
End of LifeIndividuell mit Ziel der Symptomfreiheit   

* bei über 80-jährigen gelten die HYVET Zielwerte

  • Es sollen Therapieformen mit möglichst geringem Hypoglykämierisiko gewählt werden, z. B. Substanzen, die per se kein oder nur ein sehr geringes Hypoglykämiepotential haben. Dies betrifft z. B. Metformin, Acarbose, DPP-4-Inhibitoren, GLP-1-Analoga, SGLT-2-Inhibitoren und in begründeten Ausnahmefällen auch das Pioglitazon, solange sie nicht in Kombination mit Sulfonylharnstoffen oder Insulin eingesetzt werden.
     
  • Dyslipidämie

    o    Bei Personen mit Diabetes sowie sehr hohem Risiko (z. B. bei KHK, schwerer Nierenschädigung oder mit einem oder mehreren kardiovaskulären (CV)-Risikofaktoren und/oder Organschädigung) sollte ein Ziel-LDL-Cholesterin von < 1,8 mmol/l (< 70 mg/dl) oder eine ≥ 50% LDL-Cholesterin-Reduktion angestrebt werden.

    o    Bei Personen mit Diabetes ohne funktionelle Einschränkungen (ohne andere CV-Risikofaktoren und ohne Organschädigung) sollte ein Ziel-LDL-Cholesterin von < 2,5 mmol/l (< 100 mg/dl) angestrebt werden.

    o    Für Personen mit Diabetes mit funktionellen Einschränkungen sollte der Einsatz von Statinen auf individueller Basis geprüft werden.

    o    Zur LDL-C Senkung sollten Statine als Erstlinientherapie eingesetzt werden.

Folgeerkrankungen

Für Folgeerkrankungen gelten die Aussagen der Nationalen VersorgungsLeitlinien (NVL) Diabetes und Retinopathie, Nephropathie, diabetisches Fußsyndrom und Neuropathie. Dort getroffene Aussagen gelten prinzipiell für alle Menschen mit Diabetes, auch solche im Alter.

In der neuen Leitlinie werden weitere Besonderheiten der Therapie von Folgeerkrankungen bei Menschen mit Diabetes im Alter erläutert.

  • Retinopathie:

    o    Regelmäßige ophthalmologische Kontrollintervalle sollten etabliert und eingehalten werden, bei unauffälligem Befund alle 2 Jahre. Bei Vorliegen eines höheren Risikos sollte einmal jährlich eine Kontrolluntersuchung stattfinden.
     
  • Diabetischer Fuß:

    o    Es wird eine Differenzierung der Maßnahmen nach Patientengruppen (funktionell leicht abhängige Patienten, funktionell stark abhängige Patienten und Palliativ-Patienten) empfohlen.

    o    Bei der Auswahl des Schuhwerkes soll die Sturzgefahr mitberücksichtigt werden.
     
  • Vaskuläre Folgeerkrankungen

    o    Koronare Herzerkrankung (KHK): Metaanalysen deuten darauf hin, dass zur Revaskularisation von Koronargefäßen bei älteren Menschen mit Diabetes mit Eingefäßerkrankung die perkutane Koronarintervention (PCI) von Vorteil ist, während bei Dreigefäßerkrankung die Bypassoperation die bessere Wahl ist.

    o    Akutes Koronarsyndrom: Eine Insulintherapie sollte bei älteren Menschen mit Diabetes und einer Hyperglykämie > 180 mg/dl (10 mmol/l) in der Akutphase eines akuten Koronarsyndroms unter Beachtung der Komorbiditäten begonnen werden.

    o    Schlaganfall: Im Rahmen eines akuten Schlaganfalles sollten älteren Menschen mit Diabetes bei einem Blutglukosespiegel > 198 mg/dl (11 mmol/l) konsequent mit Insulin behandelt werden, da es Hinweise gibt, dass eine Hyperglykämie den Schlaganfallvolumen vergrößert und mit einem schlechteren funktionellen Ergebnis assoziiert ist.

Nichtmedikamentöse Therapie

Die aufgeführten Maßnahmen zur nichtmedikamentösen Therapie beinhalten:

  • Auch ältere Menschen mit Diabetes sollen an einer strukturierten Diabetesschulung teilnehmen. Für die Gruppe der funktionell abhängigen älteren Menschen mit Diabetes steht aktuell ein spezielles, evaluiertes Schulungsprogramm zur Verfügung. Wenn möglich sollten An- und Zugehörige an einem solchen Programm (mit)teilnehmen.
     
  • Bewegung und Sturzneigung

    o    Das mögliche Sturzrisiko älterer Menschen mit Diabetes sollte überprüft werden.

    o    Bei Menschen mit erhöhtem Sturzrisiko sollte die Medikation in Hinblick auf Medikamente, die die Sturzneigung erhöhen (z. B. Neuroleptika, Hypnotika, Sedativa) überprüft werden.

    o    Die Visusleistung sollte regelmäßig überprüft werden und falls nötig und möglich das Angebot zur Korrektur unterbreitet werden.  

    o    Funktionell leicht oder stark eingeschränkte Personen und deren An- und Zugehörige sollten über Möglichkeiten zur Sturzprävention und auf häusliche Sturzgefahren (Mangelnde Beleuchtung, fehlende Haltegriffe in Bad und Toilette etc.) hingewiesen werden.

    o    Funktionell leicht oder stark abhängige Menschen, insbesondere Menschen mit Frailty und Diabetes, sollten Möglichkeiten zum Kraft- und Ausdauertraining angeboten werden.  

    o    Ältere Menschen mit Diabetes sollten zur Bewegung motiviert werden.
     
  • Ernährung

    o    Die Planung und Umsetzung krankheitsspezifischer Ernährungsweisen sollte im Bedarfsfall durch ein multiprofessionelles Team unter Einbeziehung von ernährungsspezifischem Sachverstand erfolgen.  

    o    Die Kalorienaufnahme sollte an den Bedarf angepasst werden.

Medikamentöse Therapie

  • Generell wird Glibenclamid nicht empfohlen. Das besondere Risiko für Hypoglykämie sollte berücksichtigt werden.
     
  • DPP4-Inhibitoren können bei älteren Menschen mit Diabetes eingesetzt werden.

    o    Vorteile können sich insbesondere im Hinblick auf Therapieadhärenz (geringe Einnahmefrequenz erforderlich), Hypoglykämiegefahr, Gewichtsneutralität und bei höhergradiger Niereninsuffizienz (Dosisreduktion) zeigen.
     
  • GLP-1-Analoga können bei älteren Menschen mit Diabetes in Einzelfällen eingesetzt werden.

    o    Vorteile können sein: geringes Hypoglykämierisiko, Gewichtsabnahme falls diese auch Therapieziel ist, für Liraglutid: verminderte kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität, für Dulaglutid und retardiertes Exenatid: die einmal wöchentliche Gabe. Die Notwendigkeit der Injektion, auftretende Übelkeit und Erbrechen als unerwünschte Nebenwirkungen sollten beachtet werden.
     
  • Auch für älteren Menschen mit Diabetes soll Metformin als medikamentöse Therapie der ersten Wahl eingesetzt werden.

    o    Vorteile können sein: verringerte kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität, geringe Hypoglykämiegefahr. Nachteile können ein: gastrointestinale Beschwerden und Verstärkung einer Kachexie, Kontraindikationen wie z. B. Niereninsuffizienz Stadium 4 (GFR < 30).

    o    Wenn Metformin eingesetzt wird, soll sorgfältig darauf hingewiesen werden, Metformin in Situationen abzusetzen/zu pausieren, wenn das Risiko für eine akute Verschlechterung der Nierenfunktion besteht (Untersuchung mit Röntgenkontrastmittel, Operationen in Vollnarkose, fieberhafte Erkrankungen, Exsikkose oder Magen-Darminfekte).

    o    Bei einer neu zu etablierenden pharmakologischen Therapie sollte Metformin langsam aufdosiert werden um das Risiko für gastrointestinale Unverträglichkeit zu reduzieren; die Nierenfunktion sollte alle 3–6 Monate überprüft werden.
     
  • SGLT-2-Hemmer können bei älteren Menschen mit Diabetes eingesetzt werden.

    o    Vorteile können sein: Senken der Blutglukosewerte ohne eigenes Hypoglykämierisiko und für Empagliflozin eine verminderte kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität und eine nephroprotektive Wirkung bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes und vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung.  

    o    Substanzspezifische Einschränkungen des Einsatzes im höheren Lebensalter und bei eingeschränkter Nierenfunktion sollen berücksichtigt werden. Während des Einsatzes sollen erhöhte Risiken, z. B. für mykotische genitale Infektionen, Polyurie, Exsikkose und Verschlechterung der Nierenfunktion beachtet werden. Das Risiko für ein vermehrtes Auftreten von Diabetischen Ketoazidosen ist bei korrekter Verordnung vernachlässigbar.
     
  • Eine Insulintherapie sollte begonnen werden, wenn durch Lebensstiländerungen und/ oder orale Antidiabetika das individualisierte Therapieziel nicht erreicht werden kann bzw. orale Antidiabetika aufgrund von Kontraindikationen nicht mehr verabreicht werden dürfen oder dadurch Polypharmazie reduziert werden kann.

    o    Vor einer Insulintherapie sollte entschieden werden, ob Insulin als Monotherapie oder in Kombination mit oralen Antidiabetika gegeben werden soll. Welche Therapie an Insulin gewählt wird, entscheiden vor allem die kognitiven und feinmotorischen Fähigkeiten sowie das soziale Umfeld und das Therapieziel.
     
  • Antihypertensive Therapie

    o    Ältere Menschen mit Diabetes profitieren von einer effektiven Blutdrucksenkung, dies gilt auch für Patienten über 80 Jahre in guter körperlicher und geistiger Verfassung.

    o    Es liegt nur unzureichende Evidenz für die antihypertensive Behandlung bei gebrechlichen, über 80-jährigen Menschen mit Diabetes vor, so dass hier eine individualisierte Therapie erfolgen sollte.

    o    Es besteht keine Evidenz für die unterschiedliche Wirksamkeit von antihypertensiven Medikamenten in jüngeren oder älteren Patienten. Alle antihypertensiven Hauptklassen können empfohlen werden.

    o    Wegen häufigen Komorbiditäten und Polypharmazie sollte bei älteren Menschen mit Diabetes im besonderen Maße auf bekannte unerwünschte Arzneimittelwirkungen geachtet werden.
     
  • Thrombozytenaggregationshemmung

    o    In der Primärprävention sollte Acetylsalicylsäure (ASS) bei älteren Menschen mit Diabetes nicht eingesetzt werden.

    o    In der Sekundärprävention sollten ältere Menschen mit Diabetes ASS erhalten.

Technische Hilfsmittel zum Diabetesmanagement

Mechanische Hilfsmittel wie altengerechte Blutglukosemessgeräte oder altengerechte Insulin-Pens sind seit Jahren etabliert, während elektronische Hilfsmittel (z. B. Medikamentendosen mit Erinnerungsfunktion) oder auch digitale Hilfsmittel (PC-Programme oder Apps) noch nicht in den breiten Einsatz gelangt sind.

Grundsätzlich sollten technische Hilfsmittel für Ältere mit Diabetes möglichst intuitiv zu bedienen sein und keine Kenntnisse im Umgang mit Medien wie PC oder Smartphone voraussetzen. Bezüglich der mechanischen Bedienbarkeit gilt es, die eingeschränkte Feinmotorik Älterer zu beachten. 

Blutglukose-Selbstkontrolle

Die Blutglukoseselbstkontrolle soll individuell und im Rahmen der Möglichkeiten (Selbstversorgungskompetenz) des älteren Menschen mit Diabetes sowie der ihn versorgenden An- und Zugehörigen erfolgen [Bundesärztekammer (BÄK) 2013].

Geriatrische Syndrome und spezielle Situationen im hohen Lebensalter

Im hohen Lebensalter sind geriatrische Syndrome und spezielle Situationen zu beachten:

  • Harninkontinenz

    o    Die diabetische Zystopathie ist häufig mit der diabetischen Neuropathie assoziiert. Eine Polyneuropathie sollte daher stets Anlass für die Untersuchung der Blasenfunktion sein.

    o    Bei älteren Menschen mit Diabetes sollte mindestens einmal jährlich ein Inkontinenzassessment erfolgen.  

    o    Blasenverweilkatheter sollten möglichst vermieden werden.

    o    Medikamentöse Therapie

    * Cholinergika, bei Co-Medikation: vor Neuverordnung die bestehende Medikation (wie bspw. Furosemid, Digitoxin, Theophyllin, Nifedipin, Prednisolon und Cimetidin) auf anticholinergene Nebeneffekte prüfen und ggf. anpassen

    * Alphablocker

    * Duloxetin bei Belastungsinkontinenz

    * SGLT2-Inhibitoren, bei rezidivierenden Harnwegsinfekten sollte eine Gabe von SGLT-2 Inhibitoren kritisch überdacht werden

    * Tadalafil/PDE 4-5 Hemmer darf bei Prostatahyperplasie gegeben werden.  
     
  • Frailty und Sarkopenie

    Frailty und Sarkopenie sind geriatrische Syndrome, die eine hohe Prävalenz in der älteren Bevölkerung aufweisen und dazu dienen, deren Heterogenität bezüglich Funktionsstatus und Prognose zu beschreiben. Das Vorliegen eines Typ-2-Diabetes begünstigt das Auftreten einer Sarkopenie und/oder einer Frailty.

    o    Ein Sarkopenie-/Frailty-Screening sollte bei älteren Menschen mit Diabetes erfolgen, um den besonderen Erfordernissen dieser, durch negative Gesundheitsereignisse wie Pflegeheim- und Krankenhausaufnahmen sowie zunehmendem häuslichen Pflegebedarf, besonders gefährdeten Patientengruppe, besser gerecht zu werden.

    o    Ein praxistaugliches Sarkopenie-/Frailty-Screening kann durch die Verwendung von Fremdbeurteilungs-Fragebögen erfolgen.

    o    Eine optimierte Ernährung sowie adaptierte Trainingsprogramme sollten die Basis der Therapie bei Sarkopenie und Frailty darstellen.

    o    Bei älteren Menschen mit Diabetes sowie erhöhter Sturz- und Frakturrate sollten Maßnahmen zur Sturzprophylaxe durchgeführt werden.
     
  • Chronische Schmerzen

    Eine gestörte Glukosetoleranz und Diabetes stehen eng mit dem Auftreten täglicher chronischer Schmerzen in Zusammenhang. Daher sollten selbst Patienten mit diskret gestörter Glukosetoleranz möglichst frühzeitig ein standardisiertes, validiertes Schmerzmanagement erhalten – dies mit besonderem Blick auf chronisch neuropathischen und nichtneuropathischen Schmerz. Dem Vorschlag der WHO (2012) folgend, soll die individuell abgestimmte Schmerzmitteltherapie entlang eines Stufenschema erfolgen:

    o    Stufe 1: Nicht-Opioidanalgetika in Kombination mit Adjuvanzien: (Antikonvulsivum, Neuroleptikum, Anxiolytikum, Glucocorticoid)

    o    Stufe 2: Niederpotente Opioidanalgetika und Nicht-Opioidanalgetika und Adjuvanzien

    o    Stufe 3: Hochpotente Opioidanalgetika und Nicht-Opioidanalgetika und Adjuvanzien

    Bezüglich Diagnostik und Behandlung bei neuropathischen Schmerzen wird auf die Empfehlungen der Nationalen VersorgungsLeitlinie "Neuropathie bei Diabetes im Erwachsenenalter" verwiesen [Bundesärztekammer (BÄK) 2011].
     
  • Depression
    o    Bei älteren Menschen mit Diabetes soll einmal jährlich ein Depressionsscreening durchgeführt werden. Bei positivem Ergebnis soll ein validiertes, altersspezifisches Verfahren durchgeführt werden.

    o    Bei älteren Menschen mit Diabetes und Depressionen sollte wegen des erhöhten Suizidrisikos besonders auf Anzeichen einer möglichen Suizidalität geachtet werden.

    o    Die für Menschen mit Depressionen empfohlenen evidenzbasierten Therapiemaßnahmen haben auch für ältere Menschen mit Diabetes Gültigkeit und sollten bei Depressionen angewendet werden.

    o    Interventionen, die körperliche Aktivität und soziale Kontakte fördern, sollten in der Depressionsbehandlung angewendet werden.

    o    Bei der medikamentösen antidepressiven Behandlung soll bei älteren Menschen insbesondere auf das Nebenwirkungsprofil der Medikamente, mögliche Medikamenteninteraktionen, die Verträglichkeit, die Einfachheit der Einnahme sowie die Interaktion mit dem Glukosestoffwechsel geachtet werden.
     
  • Demenz

    o    Bei älteren Menschen mit Diabetes sollte einmal jährlich ein Screening der kognitiven Leistungsfähigkeit mit einem validierten Verfahren durchgeführt werden.

    o    Die kognitiven Anforderungen der Diabetesbehandlung sollten an die kognitive Leistungsfähigkeit des älteren Menschen mit Diabetes angepasst werden.  

    o    Schulungsmaßnahmen sollten an die kognitive Leistungsfähigkeit der älteren Menschen mit Diabetes angepasst sein und die Komplexität der vermittelten Inhalte und des Sprachniveaus entsprechend adaptiert werden.

    o    Körperliche Aktivierung und Aktivität sollte im Rahmen der vorhandenen körperlichen Fähigkeiten eines älteren Menschen mit Diabetes und Demenz gefördert werden

    o    Im frühen Stadium einer Demenz sollte ein Advance care planning mit dem älteren Menschen mit Diabetes getroffen werden, um später im Sinne des Patienten/der Patientin entscheiden zu können.

    o    Die Anlage einer PEG (perkutane endoskopische Gastrostomie)-Sonde im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz soll nicht erfolgen.

    o    Gegebenenfalls kann eine Beratung durch ein Ethikkomitee hilfreich sein.

    o    Bei bereits vorhandener PEG-Sonde sollte keine diabetesspezifische Sondenkost verwendet werden.
     
  • End-of-Life-Situationen

    Die Leitlinie enthält Empfehlungen zu Therapiezielen, Diagnostik und Behandlung von Folgeerkrankungen, dem Blutglukosemonitoring, Dialyse und Symptomkontrolle am Lebensende sowie zur Implementierung des neuen Palliativ- und Hospizgesetzes.

Besonderheiten der Pflege

Zu den Pflegeschwerpunkten geriatrischer Patienten mit Diabetes sollen vor allem folgendes gehören: die Hypoglykämievermeidung, Prävention des diabetischen Fußsyndroms, Erfassung von Schmerzen (insbesondere auch mit Blick auf Polyneuropathien), die Beobachtung der Haut, Wundassessments und -management sowie die Förderung der Mundgesundheit, die Erfassung der Ernährungssituation, Kontinenzerhaltung und -förderung und das Erfassen von Mobilitätseinschränkungen/Sturzgefahr.

Der Injektionsort von Insulin soll mit Blick auf die Resorptionsgeschwindigkeit des Insulins, eventuell vorhandene Hautläsionen oder Lipohypertrophien gewählt und in einem Rotationsschema festgehalten werden.

Ältere Menschen mit Diabetes, die ihre Insulintherapie und Stoffwechselkontrolle selbst durchführen, sollten regelmäßig – insbesondere aber auch bei Neueinstellungen und Umstellungen der Therapie – auf ihre kognitiven und sensomotorischen Fähigkeiten hin betrachtet werden. Hierfür eignen sich bestimmte Tests aus dem geriatrischen Assessment.

US-amerikanische Leitlinien

Schon im März 2019 waren auch gemeinsam von der European Society of Endocrinology, der Gerontological Society of America, und der Obesity Society entwickelte Leitlinien zur Behandlung des Diabetes bei älteren Erwachsenen vorgestellt worden.

Autor: Dr. Elke Schlüssel (Medizinjournalistin)

Stand: 07.05.2019

Quelle:
  1. Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter, 2. Auflage, 2018
     
  2. Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Pressemeldung einschließlich Leitlinienreport, 28. März 2018
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