Frühgeburt

Auch wenn die Neonatologie enorme Fortschritte gemacht hat, ist es für das Kind immer noch am besten, wenn es möglichst reif zur Welt kommt. Das heißt, dass eine Schwangerschaft bei Risiko-Patientinnen möglichst lange aufrechterhalten werden sollte. Um den Halteapparat des Beckens zu entlasten wurde empfohlen, Schwangere mit hohem Frühgeburtsrisiko bis zur Niederkunft ins Bett zu legen. Dies war jahrzehntelang Standard in der Geburtshilfe. Und wurde kaum hinterfragt. Die Autoren der neuen Leitlinie sind jedoch jetzt auf die Suche nach wissenschaftlichen Belegen zum Nutzen der Bettruhe gegangen. Allerdings erfolglos: Es ergaben sich keine gesicherten Hinweise, dass Bettruhe das Frühgeburtsrisiko senkt.

Risiko für Thromboembolien steigt

Vielmehr macht der dauerhafte Aufenthalt in der Horizontalen Probleme: Das Risiko für Beinvenenthrombosen und damit für Thromboembolien steigt mit der Immobilisation. Außerdem führt Bettlägerigkeit zu Muskel- und Knochenabbau – das heißt Einschränkungen am Bewegungsapparat, die sich eine junge Mutter nach der Geburt nicht leisten kann. Sie muss schließlich fit sein, um ihr Kind versorgen zu können.

Körperliche Schonung

Auch die generelle Empfehlung einer allgemeinen körperlichen Schonung bei Schwangeren − mit und ohne Risikofaktoren für eine Frühgeburt − konnte nicht ausreichend belegt werden. Zwar können berufliche Belastungen wie schweres Heben, mehr als sechsstündiges tägliches Stehen oder Schichtarbeit das Risiko für eine Frühgeburt steigern, doch sind diese Risiken meist nur gering. Die Leitlinie weist darauf hin, dass der Arbeitgeber eine aktuelle, individuelle Gefährlichkeitsprüfung durchzuführen hat. Mit diesen Informationen sollten Schwangere von ihrem Frauenarzt individuell über den notwendigen Grad der Schonung beraten werden. 

Für die Praxis bedeutet dies, dass man die Risiko-Patientin zwar arbeitsunfähig schreibt, aber keine strenge Bettruhe mehr verordnet.

Wichtigster Parameter für Frühgeburt: Zervix-Verkürzung

Verkürzt sich die Zervixlänge während des 2. Trimenon, ist dies mit einem späteren Auftreten einer spontanen Frühgeburt assoziiert. Das größte Risiko für eine spätere Frühgeburt haben Frauen mit einer frühen und ausgeprägten Zervix-Verkürzung.

Die Bestimmung der Zervixlänge sollte laut der neuen Leitlinie besser sonographisch statt digital erfolgen. In der Leitlinie wurden folgende Normwerte für eine Einlingsschwangerschaft festgelegt.

Die Zervixlänge sollte:

  • vor der 22. SSW > 40mm betragen
  • zwischen der 22. und 32. SSW bei 40 mm liegen
  • nach der 32. SSW etwa bei 35 mm liegen.

Wird die Strecke vor der 34. SSW vaginalsonographisch mit 25 mm oder kleiner gemessen, gilt sie als verkürzt. Bei einer Patientin, die bereits eine Frühgeburt hatte, wird ab der 16. SSW die Zervixlänge regelmäßig gemessen, auch wenn keine Symptome vorliegen.

Progesteron-Therapie jetzt in die Leitlinie aufgenommen

Neu an der Leitlinie ist auch, dass einer Progesteron-Therapie zu den empfohlenen Maßnahmen gehört, die eine Frühgeburt hinauszögern sollen. Bisher wurde Progesteron nur off-label eingesetzt.

Die Empfehlung der Leitlinie lautet: In der Sekundärprävention einer Frühgeburt sollten Schwangere mit einer Einlingsschwangerschaft, deren Zervixlänge vor 24+0 SSW 25 mm oder weniger beträgt,  täglich Progesteron intravaginal erhalten (200 mg Kapsel/tgl. oder 90 mg Gel/tgl.). Die Applikation soll bis 36+6 SSW erfolgen. Bei einer diagnostizierten Zervixverkürzung jenseits der 24+0 SSW reiche die Datenlage noch nicht aus, um die prophylaktische Progesterongabe zu empfehlen, so die Leitlinien-Autoren.

Autor: Angelika Ramm-Fischer (Ärztin)

Stand: 13.05.2019

Quelle:
  1. Leitlinienprogramm deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie (OEGGG), Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG); Prävention und Therapie der Frühgeburt. AWMF-Registernummer 015-025, Leitlinienklasse S2k, 2019, Version1.0