Neue S2k-Leitlinie zur besseren Versorgung Frühgeborener

Eine neue Leitlinie soll die prä- und postnatale Versorgung bei Frühgeburten verbessern und wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen geben.

Frühgeburt

Eine Frühgeburt ist bis heute mit einem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. Definiert ist sie als eine Geburt vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche. Betroffen sind etwas mehr als acht von hundert Neugeborenen. Die Inzidenz von Kindern, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren werden, liegt bei 1,28%.

Deutschland hat hohe Frühgeburtenraten

Insgesamt hat sich die Zahl der Frühgeburten seit zehn Jahren zwar nicht verändert. Im europäischen Vergleich weist Deutschland jedoch eine hohe Rate auf. Experten der Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der DGGG e.V. (AGG) haben daher auf dem 62. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) Anfang November 2018 in Berlin die Erstellung einer neuen S2k-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Frühgeburt initiiert.

Leitlinie soll perinatale Sterblichkeit senken

Die Leitlinie soll maßgeblich dazu beitragen, zukünftig die hohen Zahlen der perinatalen Sterblichkeit und die der Früh- und Spätfolgen zu senken. Unter den Kindern, die vor der 28 . Schwangerschaftswoche geboren werden, starb 2017 aufgrund der schlechten Startbedingungen noch rund jedes dritte. Die perinatale Mortalität war damit rund fast 300 Mal so hoch wie bei reifgeborenen Babys. Selbst von den Kindern, die zwischen der 28. und 31. Schwangerschaftswoche geboren werden, sterben noch 8%. Frühgeborene jünger als 28. Schwangerschaftswochen wiegen oft nicht mehr als 500 Gramm, sie müssen intensivmedizinisch betreut werden.

Oft bleiben Schäden lebenslang bestehen

Viele der Überlebenden erleiden typische Folgeschäden. Denn nahezu alle Organe sind noch nicht ausgereift und sehr verletzlich. Das Gehirn, die Lungen, die Augen und das Immunsystem beispielsweise sind für die postpartalen Umstände noch nicht ausreichend gewappnet. Je eher ein Kind geboren wird, desto größer ist sein Risiko für beispielsweise zerebrale Schäden oder die nekrotisierende Enterokolitis (NEC). Durch einen Mangel an Surfactant entsteht oft das Atemnotsyndrom (RDS: respiratory distress syndrome), als Folge der künstlichen Beatmung eine bronchopulmonalen Dysplasie. Neben respiratorischen Störungen und Herzanomalien treten zudem Visus- und Hörverluste auf.

Allein die unmittelbaren Kosten für die neonatologische Versorgung von extrem Frühgeborenen werden derzeit auf mindestens 100.000 Euro beziffert. Zudem entstehen erhebliche Folgekosten. Denn die Kinder sind durch diese teils schwerwiegenden Entwicklungsstörungen nicht nur unmittelbar nach der Geburt betroffen. Viele Frühchen bleiben zeitlebens beeinträchtigt oder behindert. Die Kosten für die spätere Betreuung und Förderung dieser Frühchen sind immens, zudem entstehen für die Familien enorme psychosoziale Belastungen. Die Frühgeburt ist einer der Hauptrisikofaktoren für disability-adjusted life years (verlorene Jahre aufgrund von Krankheit, Behinderung oder frühem Tod).

Neue Leitlinie mit wissenschaftlich fundierten Handlungsempfehlungen

Die Leitlinie „Prävention und Therapie der Frühgeburt“ ist bereits in der Entwicklung. Als Ziele definierten die Experten, Ursachen für eine vorzeitige Geburt zu eruieren, entsprechende Risikopatinnen rechtzeitig zu erkennen und diese präventiv zu behandeln. Der AGG zufolge sollen zudem Experten der verschiedenen Fachgesellschaften, Berufsgruppen, Anwender und Patientenvertreter in einem interdisziplinären Prozess den aktuellen Forschungsstand zusammentragen. Und daraus Geburtsmedizinern, Gynäkologen und anderen Fachärzten konkrete Handlungsempfehlungen für den Klinikalltag an die Hand geben.

Hochrisikopatientinnen rechtzeitig erkennen

Gynäkologen erkennen Hochrisikopatientinnen frühzeitig mit einem Mix an diagnostischen Maßnahmen: die Identifikation von Risikofaktoren, die sonographische Messung der Zervixlänge und mehrere biochemische Testverfahren. Zu den Methoden, um eine Frühgeburt zu verhindern oder hinauszuzögern, gehören – je nach Alter und Entwicklungsstand des Föten – die Applikation von Progesteron sowie beispielsweise bei Zervixinsuffizienz der operative Muttermundverschluss oder die Therapie mit einem Zerklageband oder -pessar. Bei einer drohenden Frühgeburt vor der 34. Schwangerschaftswoche erhalten Frauen zusätzlich Kortison, um die Reifung der Lungen beim Kind zu beschleunigen. Ist die Frühgeburt nicht mehr aufzuhalten, sollte das unreife kindliche Gehirn mit Magnesium geschützt werden. Aufgrund von Lageanomalien des Feten ist häufig eine Sectio caesarea indiziert. Auch das späte Abnabeln oder mehrfache Ausstreichen der Nabelschnur bei Geburt, das zu einer Steigerung des neonatalen Blutvolumens führt, hilft die Morbidität der Kinder zu verringern.

Aktuelle Studienergebnisse werden offene Fragen beantworten

Doch welche Patientinnen profitieren genau von der Anlage einer Zerklage? Wann ist der beste Zeitpunkt für die Therapie der Lungenreife? Und wie sieht das professionelle Management bei einem frühen vorzeitigen Blasensprung aus? Die von der AGG angeregte Leitlinie wird zahlreiche offene Fragen zur Prävention, Therapie und dem postpartalen medizinischen und psychosozialen Management der Frühgeburt durch profunde wissenschaftliche Arbeiten klären – und so die Morbidität und Mortalität betroffener Kinder zukünftig mit verringern.

Autor: Beate Wagner (Ärztin)

Stand: 14.11.2018

Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG), Pressemeldung, November 2018

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