Verhütung per App

Die Zahl von Verhütungs-Apps steigt. Welche Apps sich auf dem Markt befinden und wie es um die Sicherheit dieser Methode bestellt ist, verrät dieser Artikel.

Kondom und Smartphone

Seit den 1960er Jahren gibt es Methoden zur natürlichen Empfängnisverhütung. Alle funktionieren nach dem Prinzip, durch die Messung unterschiedlicher Parameter (z. B. Basaltemperatur, Beurteilung der Beschaffenheit des Zervikalschleims) eine sichere Aussage über die fruchtbaren Tage zu bekommen. Trugen Frauen ihre Messergebnisse früher noch in kleine Faltblätter ein, übernehmen heute innovative digitale Helfer die Sammlung der Daten.

Zahl der Zyklus-Apps steigend

Seit Jahren kommen immer mehr Zyklus-Apps auf den Markt. Sie versprechen durch die Messung bestimmter Parameter eine einfache und sichere Kontrolle des fertilen Fensters. Teils versprechen die Hersteller gar eine kontrazeptive Sicherheit wie bei der Pille. Doch Experten warnen: Die meisten Apps sind weder durch Studien ausreichend geprüft noch taugen sie zur seriösen Empfängnisverhütung. Zudem sagen weder TÜV-Siegel, CE-Klassifizierung oder die jüngste FDA-Zulassung einer Verhütungs-App etwas über die Verhütungssicherheit aus. Denn die Institutionen führen keine eigenen Studien durch, sondern verlassen sich auf Herstellerangaben.

Viele Apps liefern ungenaue Ergebnisse

Seit Jahren wächst der Markt an medizinischen Apps insgesamt stetig. Niemand weiß genau, wie viele Medizin-Apps es gibt, geschätzt sind es rund 131.000. Doch das Geschäft ist unübersichtlich und schnelllebig. Generell eröffnen die digitalen Helfer auf dem Smartphone neue Chancen: Sie bieten Aufklärung, unterstützen bei der Therapie oder erinnern an die tägliche Einnahme von Medikamenten oder die Messung von Körperdaten. Nicht selten stiften sie aber auch Verwirrung oder liefern ungenaue Ergebnisse. Daher warnen aktuell Fachleute auf dem 62. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie beispielsweise vor der stetig zunehmenden Auswahl an Verhütungs-Apps.

Verhütungs-Apps: verschiedene Kategorien

Aktuell lassen sich diese erhältlichen Verhütungs-Apps in drei Kategorien unterteilen.

Prognose-Apps

Prognose-Apps sagen das fertile Fenster voraus, indem sie Durchschnittswerte beispielsweise der Länge vorausgegangener Zyklen verarbeiten. Beispiele sind Clue, Flo, Maya, Period Tracker und „Mein Eisprungsrechner“. Experten kritisieren, dass Informationen aus dem aktuellen Zyklus in diesen Apps keine Rolle spielen – obwohl für die Vorrausage des fertilen Fensters die physiologischen Grundlagen und die Variabilität des Zyklus unbedingt einbezogen werden müssten. Schließlich schwanken sowohl die Länge als auch die fertile Phase bei zwei von drei Frauen um mehr als sieben Tage.

Kalkulo-thermale Apps überspringen aktuellen Zyklus

Nicht täuschen lassen sollte man sich zudem von sogenannten kalkulo-thermalen Apps. Dazu zählen zum Beispiel die Produkte Natural Cycles oder Ovolane. Diese Apps bestimmen zwar den prinzipiell aussagekräftigen Temperaturanstieg. Der Wert lässt sich jedoch nur für die Vorhersage im Folgezyklus, nicht aber für die Vorhersage im aktuellen Zyklus verwenden. Das Fazit der Gynäkologen: Alle Apps, die lediglich Prognosen abgeben, sind aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht nicht ernst zu nehmen.

NFP-Apps setzen verantwortungsvollen Umgang voraus

Die zweite Kategorie sind sogenannte NFP-Apps: Sie bestimmen die fruchtbaren Tage des aktuellen Zyklus. Die Apps fußen auf der bekannten NFP-Methode, also der morgendlichen Messung der Basaltemperatur, der Registrierung der Beschaffenheit des Zervikalschleims und der Beurteilung des Muttermundes. Entsprechende Apps heißen zum Beispiel Lady Cycle, myNFP, Neome oder lily.

Wollen Frauen sehr sicher verhüten, kann man heute noch nicht auf evidenzbasierte Varianten dieser symptothermalen Methode verzichten, wie die Sektion Natürliche Fertilität der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin e. V. (DGGEF) empfiehlt. Voraussetzungen für die Nutzung einer solchen NFP-App ist jedoch, dass die Nutzerin gelernt hat, ihren Körper zu beobachten und dass sie Zugang zu einem qualifizierten Beratungsservice hat. Fazit der Experten: Die NFP-Apps sind unterschiedlich sicher. Studien, die deren Sicherheit belegen, fehlen bisher.

Apps mit neuen Parametern nicht sicher

Eine Reihe von innovativen Apps messen neue, bisher zur Zykluskontrolle nicht eingesetzte Parameter. Das sind zum Beispiel die Hormonkonzentrationen in Urin oder im Speichel, die periphere nächtliche Körpertemperatur oder der nächtliche Ruhepuls. Frauen, die eine solche App wie beispielsweise Ava verwenden, tragen ein Armband, das die Werte an die App überträgt. Fazit der Experten: Obwohl seit Jahrzehnten diverse biochemische oder physikalische Parameter auf ihre Eignung zur Bestimmung des fertilen Fensters getestet wurden, gibt es bis heute keinen Parameter, der auch nur annähernd genau ist. Bestehende Korrelationen sind so ungenau, dass sie keinesfalls für eine Verhütung herangezogen werden sollten. Fazit der Experten: Die ersten Ergebnisse zu den auf dem Markt befindlichen neuen Entwicklungen sind nicht sehr ermutigend.

Autor: Beate Wagner (Ärztin)

Stand: 14.11.2018

Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG), Pressemeldung, November 2018

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