Antihypertensiva besser abends einnehmen

Der systolische Blutdruck nachts im Schlaf hat sich als aussagekräftiger Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse erwiesen. Eine Studie mit 19.000 Patienten zeigt, dass das kardiovaskuläre Risiko bei abendlicher Einnahme der Antihypertensiva um 45% gesenkt wird.

Arzneimitteltherapiesicherheit

Hintergrund

Bluthochdruck ist mit erhöhten kardiovaskulären Risiken, wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Herztod verbunden. Antihypertensiva senken den Blutdruck und tragen so zur Vorbeugung von Risiken und Folgeerkrankungen durch den Bluthochdruck bei. Bislang gab es keine Empfehlungen, wann im Verlauf des Tages die Blutdrucksenker am besten eingenommen werden sollten, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Traditionsgemäß verordnen viele Ärzte eine Einnahme morgens, um den morgendlichen Blutdruck, der infolge der physiologischen Aufwachreaktion Spitzenwerte aufweisen kann, zu kontrollieren.

Nächtlicher Blutdruck als Prädiktor

Verschiedene Studien haben jedoch gezeigt, dass ein erhöhter systolischer Blutdruck nachts während des Schlafs mit höheren kardiovaskulären Risiken verbunden ist als eine systolische Hypertonie tagsüber. Der Gedanke, dass eine abendliche Einnahme von Antihypertensiva den nächtlichen Blutdruck besser kontrollieren und dadurch auch die kardiovaskulären Risiken effektiver senken könnte, lag nahe und wurde nun in der Hygia Chronotherapie Studie unter Leitung von Prof. Dr. Ramon C. Hermida an der Universität von Vigo in Spanien überprüft.

Zielsetzung der Studie

Das Ziel der Hygia Chronotherapie Studie war es, festzustellen, ob die Einnahme von Antihypertensiva vor dem Schlafengehen abends das Risiko von kardiovaskulären Ereignissen stärker verringert als eine morgendliche Medikation nach dem Aufwachen.

Methoden

An der kontrollierten prospektiven Multicenter-Center Studie nahmen 19.084 Patienten mit der Diagnose Hypertonie (10614 Männer/8470 Frauen) teil. Die Studie wurde an 40 spanischen Versorgungszentren und mit 292 Ärzte durchgeführt. Eine Hälfte der Patienten (9.552) wurden angewiesen ihre antihypertensive Tagesdosis komplett abends vor dem Schlafengehen einzunehmen, die andere Hälfte (9.532) erhielt, die Anweisung die Blutdrucksenker morgens nach dem Aufwachen zu nehmen.

Blutdruckprofil und primäre Endpunkte

Im Rahmen der Eingangsuntersuchung wurde ein ambulantes 48-Stunden-Blutdruckprofil angefertigt. Diese Untersuchung wurde mindestens einmal jährlich im Verlauf der mehrjährigen Studie durchgeführt. Als primäre Endpunkte der Studie wurden Herztod, Herzinfarkt, eine koronare Revaskularisation, Herzinsuffizienz oder Schlaganfall definiert.

Ergebnisse

Der mediane Beobachtungszeitraum betrug 6,3 Jahre. Die Abendgruppe hatte gegenüber der Morgengruppe nachts und tagsüber einen signifikant niedrigeren durchschnittlichen Blutdruck. Darüber hinaus sank der Blutdruck der Abendgruppe nachts stärker ab als der der Morgengruppe.  

Bei 1752 Patienten wurde ein primärer Endpunkt dokumentiert (274 Herzinfarkt, 302 koronare Revaskularisation, 521 Herzinsuffizienz und 345 Schlaganfall). Die Ergebnisse der beiden Gruppen wurden, um Faktoren wie Lebensalter, Geschlecht, Typ 2 Diabetes, chronische Niereninsuffizienz, Rauchen, HDL-Cholesterin-Werte und vorangegangene kardiovaskuläre Ereignisse bereinigt.

Kardiovaskuläre Ereignisse

Patienten, die die Blutdrucksenker abends einnahmen, erlitten gegenüber den Teilnehmern, die morgens ihre Medikamente nahmen, signifikant weniger kardiovaskuläre Ereignisse (Hazard Ratio [HR] 0,55 / 95% Konfidenzintervall [CI] 0,50–0,61, P< 0.001). Umgerechnet senkte die abendliche Einnahme der Antihypertensiva das kardiovaskuläre Gesamtrisiko um 45%. Im Einzelnen verringerte die Medikation am Abend das Risiko für einen kardiovaskulären Tod um 66%, für Herzinfarkt um 44%, für eine koronare Revaskularisation um 40%, für Herzinsuffizienz um 42% und für Schlaganfall um 49%.

Fazit

Die Ergebnisse der Hygia Chronotherapie Studie erhärten die Feststellung, dass der nächtliche Blutdruck ein besserer Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse ist als der Blutdruck tagsüber. Die Autoren empfehlen, statt einer isolierten Blutdruckmessung in der Praxis routinemäßig ambulante 48-Stunden Blutdruck-Tagesprofile anzufertigen. Die Studie zeigt auch, dass mit einer abendlichen statt einer morgendlichen Einnahme der antihypertensiven Medikation das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse stark verringert werden kann. Nicht klar ist allerdings, ob dies auch für Schichtarbeiter, die nachts arbeiten und tagsüber schlafen, gilt.

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 28.10.2019

Quelle:

Hermida, Crespo, Domínguez-Sardiña et al. Bedtime hypertension treatment improves cardiovascular risk reduction: the Hygia Chronotherapy Trial. European Heart Journal 2019. 0, 1-12 DOI: 10.1093/eurheartj/ehz754

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