Blutentnahme

Hintergrund

Einer der weltweiten Hauptgründe einer Patientenvorstellung in der Notaufnahme ist, Brustschmerzen mit Verdacht auf einen möglichen Myokardinfarkt (MI). Für die sichere Diagnosestellung erfolgt neben dem Elektrokardiogramm (EKG) und der Erfassung der klinischen Symptome, die Bestimmung von Troponin im Blut.

Troponin ist ein Proteinkomplex, der in den Zellen des Herzmuskelgewebes vorkommt. Kommt es zu einer Schädigung des Gewebes, z.B. durch einen akuten MI, wird Troponin ins Blut freigesetzt. Liegt die Troponin-Konzentration über einem festen Grenzwert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Diagnose MI gefestigt.

Die Bestimmung der Troponin-Konzentration im Blut allein, macht es schwierig einen MI von anderen Myokardschädigungen zu unterscheiden. Es sind mindestens zwei Blutbestimmungen über einen zeitlichen Verlauf notwendig und ein Grenzwert muss überschritten werden. Die Empfehlungen zu den zeitlichen Abständen hierzu variieren zwischen ein und sechs Stunden.

Zielsetzung

Zielsetzung der Studie war die Entwicklung eines Algorithmus als Risiko-Kalkulator, der basierend auf dem Anstieg der Troponin-Konzentration in einem definierten Messzeitraum, die Wahrscheinlichkeit eines akuten MI und das 30-Tage Outcome berechnet. Der Algorithmus basiert auf den folgenden Parametern: Gesamt-Konzentration an Troponin bei Vorstellung in der Notaufnahme, dynamische Veränderung der Troponin-Konzentration über die Zeit und das Zeitintervall der Blutentnahmen [1].

Methodik

Es wurden in die Datenauswertung insgesamt 22.651 Patienten aus 15 internationalen Kohorten eingeschlossen. Die Patienten stellten sich mit Symptomen eines möglichen Myokardinfarktes in der Notaufnahme vor. Bei allen Patienten wurde durch Blutentnahme bei der Eingangsuntersuchung eines der beiden hochsensitiven Troponine I oder T bestimmt. Weitere Bestimmungen erfolgten in einem Zeitraum von bis zu dreieinhalb Stunden. Die Patienten wurden entsprechend der weiteren Blutentnahmen in zwei Gruppen, die frühe Wiederholungsprobennahme (>45 – 120 min) oder die späte Wiederholungsprobennahme (> 120 – 210 min) unterteilt. Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt wurden ausgeschlossen.

Ergebnisse

Die Datenauswertung von insgesamt 22.651 Patienten lieferte die folgenden Erkenntnisse:

  • Ein MI wurde in 15,3% der Patienten diagnostiziert.
  • Geringe Konzentrationen an hochsensitivem Troponin (<6 ng/l Troponin I) im Blut oder eine geringe absolute Konzentrationserhöhung (< 4 ng/l Troponin I nach 45 – 120 min) sind mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit eines MI assoziiert (negativer prädiktiver Wert = 99,5%).
  • Das Risiko innerhalb der nächsten 30 Tage einen MI zu erleiden oder daran zu sterben lag bei dieser Niedrig-Risikogruppe bei 0,2%.
  • 56,5 % aller Patienten gehören nach den oben genannten Kriterien zu dieser Niedrig-Risiko-Gruppe.
  • Bei der Hoch-Risikogruppe wurden folgende Kriterien festgelegt: > 100 ng/l hoch-sensitives Troponin T oder ein Konzentrationsanstieg > 12 ng/l nach 120 - 210 min des Troponins T.  Der positive prädiktive Wert ist 76,5%.
  • 14,7 % der Patientenpopulation konnte der Hoch-Risikogruppe zugeordnet werden und das 30 Tage-Risiko auf einen MI oder Tod liegt bei 4,8%.

Fazit

Der in dieser Studie auf Algorithmen basierte Risikokalkulator „Compass MI“ berechnet die Wahrscheinlichkeit eines akuten MI bei symptomatischen Patienten in der Notaufnahme. Er basiert auf dem Anstieg der Troponin-Konzentration im Blut während des Messzeitraumes. Patienten dürfen hiermit auf eine schnellere und sichere Diagnose hoffen und Ärzte haben mit dem online verfügbaren „Compass MI“ ein weiteres Werkzeug bei der Diagnosestellung an der Hand. „Wir haben das in den medizinischen Leitlinien niedergeschriebene Konzept zur Diagnose eines akuten Herzinfarkts aufgebrochen“, sagt Professor Dr. Stefan Blankenberg, Ärztlicher Leiter des Universitären Herz- und Gefäßzentrums [2].

Autor: Dr. Anja von Au (Medizinjournalistin)

Stand: 08.07.2019

Quelle:
  1. Neumann et al. (2019): Application of High-Sensitivity Troponin in Suspected Myocardial Infarction. N Engl J Med, DOI: 10.1056/NEJMoa1803377
     
  2. Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Pressemeldung, 27. Juni 2019