Aktuelle Herz-Diät-Trends auf dem Prüfstand

Mythos oder Wahrheit? Das American College of Cardiology hat aktuelle Diät-Trends zur Prävention und Therapie von kardiovaskulären Erkrankungen auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin überprüft und die Ergebnisse dieses „Diät-TÜVs“ als Leitfaden veröffentlicht.

Ernährung Herzgesundheit

Die spezifische „Herz-Diät“ gehört zu den Eckpfeilern der Prävention und Therapie von kardiovaskulären Erkrankungen. Jedes Jahr werden Patienten mit neuen Empfehlungen zur gesunden Ernährung oder mit Anpreisungen neuer „Superfoods“ mit Wunderwirkung auf Herz und Kreislauf bombardiert.

Doch was ist eigentlich wirklich herzgesund, was schadet dem Herz und den Gefäßen, und was ist schlicht ein moderner und lukrativer Ernährungsmythos?

Lebensmittel im Diät-TÜV

Der Rat zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen des American College of Cardiology  (American College of Cardiology’s (ACC’s) Prevention of Cardiovascular Disease Council) hat die Evidenzlage aktueller Diätempfehlungen zur Vorbeugung und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen überprüft und veröffentlicht [1]. Im Einzelnen wurden folgende Lebensmittelgruppen der Prüfung unterzogen:

  • Milchprodukte
  • Zucker
  • Hülsenfrüchte
  • Kaffee
  • Tee
  • Alkoholika
  • Energy Drinks
  • Pilze
  • fermentierte Lebensmittel und Meeresalgen
  • Fisch und Omega-3-Fettsäuren
  • Vitamin B12.

Möglichst fettarme Milchprodukte

Unter Milchprodukten fassen die Experten in erster Linie Süßmilcherzeugnisse wie Vollmilch, Butter und die meisten Käse zusammen, wohingegen saure Milchprodukte wie Kefir und Joghurt als fermentiere Lebensmittel behandelt werden (s.u.).

Heterogene Datenlage

Die Meta-Analyse von 20 randomisierten kontrollierten Studien, die die kardiovaskulären Folgen des Konsums von  Süßmilchprodukten evaluierten, ergab, dass diese Milchprodukte unabhängig von ihrem Fettgehalt zu einer Gewichtszunahme und einem nicht-signifikanten Anstieg von Low-density-Lipoprotein-Cholesterin (LDL-C) führten. Eine weitere Metaanalyse zeigte, dass der Verzehr von Butter oder vollfetten Käse im Vergleich zu Tofu oder fettreduziertem Käse die LDL-C Spiegeln erhöhte. In einer prospektiven Studie mit fast 121.000 Teilnehmern konnte kein Zusammenhang zwischen Gewichtszunahme und dem Konsum von Käse, Vollmilch oder fettreduzierter Milch festgestellt werden. Kein Zusammenhang besteht nach Studienlage zwischen Milchverzehr und Blutdruck.

In Anbetracht der unklaren Datenlage und der wichtigen Rolle von Milchprodukten als Vitamin- und Mineralstofflieferanten, empfehlen die Experten einen maßvollen Verzehr vorzugweise fettarmer Milchprodukte.

Süßes Gift: Die tägliche Überdosis Zucker

Zucker ist nicht nur in Süßspeisen enthalten, sondern wird heutzutage vielen Fertigprodukten und Getränken zur Geschmacksverbesserung zugefügt. Für den Zusammenhang zwischen hohem Zuckerkonsum und dem Risiko von kardiovaskulären Erkrankungen besteht eine eindeutige Evidenz. Die Experten empfehlen eine zuckerarme Vollwertkost und einen stark limitierten Verzehr von Fertiggerichten. Mit Zucker gesüßte Getränke sollten überhaupt nicht verzehrt werden.

Zuckerunterricht empfohlen

Die Autoren empfehlen, Risikogruppen und Patienten im Lesen und Verstehen der Angaben auf Lebensmittelverpackungen zu schulen. Die Patienten sollten insbesondere über die verschiedenen Bezeichnungen von Zucker, wie beispielsweise Glukose-Fruktose-Sirup, Maissirup usw., in den Lebensmitteldeklarationen aufgeklärt werden. Insgesamt sollten Frauen höchstens 100 kcal (entspricht ca. 25g) an zugefügten Zucker zu sich nehmen, Männer höchstens 150 kcal.  

Hülsenfrüchte in Hülle und Fülle

Hülsenfrüchte (Leguminosen) wie Bohnen, Erbsen, Linsen, Kichererbsen sind fettarm aber reich an wertvollen pflanzlichen Proteinen und Ballaststoffen sowie an Cholesterin-senkenden Polyphenolen und Saponinen. Ein hoher Verzehr von Hülsenfrüchten ist mit einer Verbesserung der Blutglukose, LDL-C, des systolischen Blutdrucks und des Gewichts verbunden. Er führt auch zu einer Verringerung des Risikos für die Koronare Herzkrankheit (KHK). Hülsenfrüchten sollten daher Bestandteil jeder „Herz-Diät“ sein, raten die Autoren.

Rehabilitation des Kaffees

Die angeblich gesundheitsschädlichen Wirkungen von Kaffee sind mittlerweile widerlegt. Es besteht kein Risiko für Arrhythmien, Hypertonie oder Hyperlipidämie bei Kaffeegenuss.  
Kaffee enthält bioaktive Polyphenole, die einerseits den bitteren Geschmack hervorrufen, andererseits aber auch für die positiven gesundheitlichen Wirkungen von Kaffee verantwortlich sind. Die Polyphenole können den Glukose-Metabolismus und die Insulinsensitivität verbessern. Studien zeigten, dass Kaffee den Blutdruck nur bei Personen kurzfristig erhöht, die das Getränk nicht gewohnt sind. Bei gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern hat das Getränk keinen Einfluss auf den Blutdruck oder die Entwicklung einer Hypertonie.

Kaffee senkt das Sterberisiko

Großangelegte Studien und Metaanalysen zeigen, dass habitueller Kaffeegenuss das Risiko der Gesamtmortalität und der Mortalität aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen senkt. In einer aktuellen Studie reduzierte der Konsum von mehr als vier Tassen Kaffee pro Tag das Sterberisiko der Teilnehmer um 18% gegenüber den Teilnehmern, die keinen Kaffee tranken.

Aufgrund seiner vielen von Studien belegten, positiven gesundheitlichen Wirkungen empfehlen die Autoren den Kaffeegenuss. Sie warnen jedoch vor dem Genuss von Kaffee-basierten Fertiggetränken, denn diese enthalten häufig hohe Konzentrationen an zugefügten Fetten und Zucker, die die gesundheitlichen Vorteile des Kaffees mindern können.

Abwarten und Tee trinken

Tee hat einen hohen Gehalt an verschiedenen Antioxidantien, darunter Flavonoide und Polyphenole. Die Datenlage bei Tee ist weniger eindeutig als bei Kaffee. In Beobachtungsstudien war ein hoher Teekonsum ohne den Zusatz von Süßungsmitteln, Milch oder Milchersatzprodukten mit einer Besserung der kardiovaskulären Gesundheit und verbesserten Blutfettwerten verbunden. Da mit dem Teegenuss keine gesundheitlichen Risiken verbunden sind, haben die Autoren auch nichts gegen ihn einzuwenden.

Alkohol bitte in Maßen

Die Effekte von Alkohol auf den Organismus unterscheiden sich stark nach Alter, Geschlecht und genetischer Prädisposition. Es gibt Hinweise, darauf dass ein mäßiger Konsum von Alkohol (gleich welcher Art) positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit hat. Diese sind jedoch nicht von ausreichend hoher Evidenz, dass Alkoholkonsum zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen empfohlen werden könnte. Wer Alkohol trinken möchte, sollte aufgrund der bekannten Gesundheitsrisiken (Suchtgefahr, Leberschädigung, erhöhtes Krebsrisiko) den Genuss auf die allgemein empfohlene Menge begrenzen.

Energy Drinks besser nicht

Die Datenlage hinsichtlich der Auswirkungen von Energy Drinks und kardiovaskulärer Gesundheit ist begrenzt und von geringer Evidenz. Es gibt jedoch Hinweise auf Vorfälle, in denen ein Zusammenhang vom Genuss von Energy Drinks mit erhöhtem Blutdruck, Nervosität, Ruhelosigkeit, Krampfanfällen, Arrhythmien, Koronarspasmen und plötzlichen Todesfällen bestehen könnte. Solange keine eindeutigen Daten zur Verfügung stehen und es Hinweise auf gesundheitsschädliche Wirkungen gibt, raten die Experten vom Genuss von Energy Drinks ausdrücklich ab.

Pilze reich an Vitamin D

Pilze enthalten verschiedene bioaktive Stoffe wie Ergothionin, Betaglukane und Vitamin D. Diese Stoffe können nachweislich antioxidative, antiatherosklerotische, immunmodulatorische, cholesterin- und blutdrucksenkende Effekte entfalten. Studien zeigen, dass Pilze antioxidative und antiinflammatorische Wirkungen haben und daher möglicherweise positive Effekte auf Begleiterkrankungen haben, die das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen. Zu diesen Begleiterkrankungen gehören unter anderem das metabolische Syndrom, Diabetes Mellitus vom Typ 2 und Adipositas. Die Experten empfehlen daher den Verzehr von Pilzen.

Zusammen bewertet: Fermentierte Lebensmittel und Seealgen

Zu den fermentierten Lebensmitteln zählen die Autoren Nahrungsmittel, die mithilfe von probiotischen Kulturen hergestellt wurden und diese auch enthalten. In der Regel sind das sauervergorene Produkte, wie beispielsweise Sauerkraut, Joghurt, Kefir oder Kimchi, ein koreanisches Kohlprodukt. Probiotische Kulturen sollen das Darmmikrobiom unterstützen. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf immunmodulatorische und antinflammatorische Wirkungen der Probiotika.

Bioaktive Stoffe in Seealgen

Seealgen sind reich an Ballaststoffen, Antioxidantien und bioaktiven Peptiden. In Beobachtungsstudien wurden sie erfolgreich zu Gewichtskontrolle eingesetzt. Sie zeigen antiinflammatorische, Cholesterin- und Blutdruck-senkende Effekte und sollen die Insulinsensitivität erhöhen. Die Mikroalge Spirulina gehört zu den Cyanobakterien und stammt aus dem Süßwasser. Sie soll Cholesterin-senkend wirken.

Beobachtungsstudien und klinische Untersuchungen zeigen, dass sowohl fermentierte Nahrungsmittel als auch Seealgen positive Effekte auf die Gesundheit von Herz und Kreislauf, Dyslipidämien und die Gewichtskontrolle haben können. Die Evidenzlage ist allerdings eher schwach. Die Autoren empfehlen daher nicht ausdrücklich den Verzehr, raten aber auch nicht davon ab.

Omega-3-Fettsäuren nicht nur im Fisch enthalten

Omega-3 Fettsäuren verbessern das Blutfettprofil und können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Fetter Seefisch galt bislang als die Quelle für Omega-3-Fettsäuren schlechthin. Angesichts der dramatisch schrumpfenden Fischbestände und der teilweise hohen Belastung mit Umweltgiften bei Fisch, rücken nun auch Omega-3-Fettsäuren pflanzlicher Herkunft, zum Beispiel aus grünem Blattgemüse, Leinsamen, Walnüssen oder Sojaöl, in den Fokus des Interesses. Während die Omega-3-Fettsäuren aus Fisch vorwiegend Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) enthalten, ist der Hauptbestandteil von pflanzlichen Omega-3-Fettsäuren Alpha-Linolensäure (ALA).

Es besteht eine gewisse Evidenz, dass sich sowohl die tierischen als auch die pflanzlichen Omega-3-Fettsäuren positiv auf die kardiovaskuläre Gesundheit auswirken, daher empfehlen die Autoren ihren Verzehr.

Vitamin B12

Es gibt keine Evidenz, dass Vitamin B12 einen präventiven Effekt auf die Entwicklung von kardiovaskulären Erkrankungen hat. Es sollte grundsätzlich nur bei solchen Personen supplementiert werden, bei denen ein nachgewiesener Mangel an Vitamin B12 besteht.  

Fazit

Eine gesunde Ernährung ist die Basis einer effektiven Gesundheitsvorsorge. Viele Verbraucher und Patienten wissen das und versuchen, sich gesund zu ernähren. Bei der Vielzahl der Informationen und Produkten fällt den Laien eine Orientierung häufig schwer. Tatsächlich gibt es weder die perfekte Diät und noch ein wunderwirkendes Superfood, wie es die Werbung häufig nahe legt. Für den Arzt ist es daher wichtig, hinsichtlich der Ernährungstrends auf dem Laufenden zu bleiben, damit er seine Patienten fundiert beraten kann.

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 21.08.2018

Quelle:
  1. Freeman et al. (2018): A Clinician’s Guide for Trending Cardiovascular Nutrition Controversies. Journal of the American College of Cardiology, DOI: 10.1016/j.jacc.2018.05.030
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