Frauen mit Herzinfarkt zögern beim Notruf

Frauen mit einem Herzinfarkt alarmieren den Notruf im Durchschnitt mehr als eine halbe Stunde später als männliche Patienten. Die Verzögerung der medizinischen Versorgung führt zu einer Verlängerung der ischämischen Phase und kann die Langzeitprognose verschlechtern.

Herz Röntgen

Frauen mit Infarkt

Ein Myokardinfarkt entsteht häufig durch den Verschluss eines Koronargefäßes und der daraus folgenden Ischämie im Versorgungsgebiet. Es besteht das Vorurteil, dass Herzinfarkte in erster Linie ein Männerproblem seien. Dabei sind Frauen genauso von Infarkten betroffen wie Männer. Sie sind allerdings in der Regel 8 bis 10 Jahre älter als Männer, wenn sie ihren ersten Herzinfarkt erleiden.

Der weibliche Infarkt

Während Männer vor allem über Schmerzen in der Brust und im linken Arm klagen, berichten Frauen bei vergleichbarer Schmerzintensität häufig über Rücken-, Schulter- oder Magenschmerzen bei einem Myokardinfarkt. Den meisten Laien sind jedoch nur die Schmerzen in Brust und linkem Arm als Infarktzeichen bekannt. Frauen identifizieren ihre Schmerzen aufgrund der anderen Lokalisation daher häufig nicht als Infarktsymptome [1].

Rasche Behandlung

Beide Geschlechter profitieren von einer zeitnahen Öffnung des blockierten Koronargefäßes, z. B. durch einen Stent. Je rascher der Blutfluss wieder hergestellt werden kann, desto mehr Herzmuskelgewebe kann gerettet werden. Folgerisiken wie eine Herzmuskelschwäche oder das Todesrisiko können durch eine schnelle Reperfusion verringert werden. Dennoch kommt es immer wieder zu Verzögerungen bei der medizinischen Versorgung von Myokardinfarkten.

Schweizer Studie

In einer retrospektiven Studie wurde nun untersucht, ob es geschlechtsspezifischen Verzögerungen bei der Behandlung von Herzinfarktpatienten gibt [2]. Analysiert wurden die Daten von 4.360 Patienten (967 Frauen/3.393 Männer) mit einem Herzinfarkt mit ST-Hebung (ST-segment elevation myocardial infarction [STEMI]), die von 2000 bis 2016 im Triemli Hospital in Zürich mit einem Stent behandelt wurden.

Endpunkte der Studie

Als primäre Endpunkte wurden die patientenbedingte und die systembedingte Verzögerung festgelegt:

  • Die patientenbedingte Verzögerung wurde definiert als die Zeit zwischen dem Beginn der Symptome und dem Alarmieren einer Klinik, eines ärztlichen Notdienstes oder des Hausarztes.
  • Die systembedingte Verzögerung beinhaltete den Zeitraum ab der Alarmierung bis zur Öffnung des verschlossenen Gefäßes.

Als sekundärer Endpunkt interessierte die Mortalität der Patienten im Hospital.

Verbesserte Systeme

Während des sechzehnjährigen Beobachtungszeitraums konnte die systembedingte Verzögerung bei Männern und Frauen gleichermaßen reduziert werden. Die patientenbedingte Verzögerung verringerte sich nur bei den Männern. Bei den Frauen blieb sie über den Studienzeitraum unverändert. Frauen warteten durchschnittlich 37 Minuten länger als Männer, bis sie medizinische Hilfe riefen.

Mortalität im Hospital

Die Mortalität im Hospital lag bei den Frauen (5,9%) signifikant höher als bei den Männern (4,5%). Dr. Matthias Meyer, Kardiologe am Triemli Hospital erklärt dies so: „Wie erwartet, trugen die akuten Komplikationen infolge eines Infarkts mehr zur Mortalität im Hospital bei als die Verzögerungen. Aber wir wissen von vorangegangenen Studien, dass Verzögerungen Prädiktoren für die Langzeitmortalität sein können.“

Aufklärung der Patienten

Um patientenbedingte Verzögerungen zu vermeiden, sollten Laien über alle möglichen Symptome eines Infarkts aufgeklärt werden. Meyer appelliert: „Jede Minute zählt bei einem Herzinfarkt. Erste Anzeichen können Unwohlsein verbunden mit Schmerzen in Brust, Kehle, Hals, Magen oder den Schultern sein, das mehr als 15 Minuten andauert. Häufig ist es begleitet von Übelkeit, kaltem Schweiß, Schwäche, Kurzatmigkeit oder Angstgefühlen.“

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 02.01.2019

Quelle:
  1. European Society of Cardiology (ESC), Pressemitteilung, 11. Dezember 2018
     
  2. Meyer et al. (2018) Gender differences in patient and system delay for primary percutaneous coronary intervention: current trends in a Swiss ST-segment elevation myocardial infarction population. European Heart Journal: Acute Cardiovascular Care, DOI: 10.1177/2048872618810410
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