Blutdruckmessung beim Arzt

Hintergrund

Im Laufe der Zeit haben sich für die Erkrankung Bluthochdruck die Grenzwerte zur Diagnose sowie die vorherrschenden Auffassungen, ob der isolierte diastolische oder der isolierte systolische Blutdruck-Wert oder beide für kardiovaskuläre Ereignisse verantwortlich sind, verändert. In den 60-er Jahren war der diastolische Wert ausschlaggebend für kardiovaskuläre Ereignisse. Dies änderte sich u.a. mit der Framingham Heart Studie, die zeigte, dass der systolische Wert der wichtigere Prädiktor sei. Diese Meinung hielt sich bis in die 2000-er Jahre.

Auch die aktuelle Leitlinie der amerikanischen Gesellschaften von 2017 berücksichtigt den diastolischen Wert für das kardiovaskuläre Risiko nicht. Jedoch wird von den Ärzten immer noch sowohl der diastolische als auch der systolische Wert dokumentiert. Bei den Grenzwerten zur Diagnose der Hypertonie sind sich die Leitlinien nicht einig. Die amerikanische Leitlinie setzt einen Grenzwert von 130/80 mmHg fest, während dieser in anderen Leitlinien auf 140/90 mmHg festgelegt wurde.

Zielsetzung

Ziel dieser amerikanischen Studie war es herauszufinden, ob die isolierte diastolische bzw. systolische Hypertonie unabhängig voneinander das Risiko von kardiovaskulären Ereignissen voraussagen kann. Ebenfalls wurde analysiert, ob die Beziehung zwischen diastolischer und systolischer Hypertonie und den kardiovaskulären Ereignissen durch die festgesetzten Grenzwerte beeinflusst wird.

Methodik

Für die retrospektive Kohortenstudie wurden die Daten von ca. 1,3 Millionen erwachsenen Patienten, die sich in ambulanter Behandlung befanden, einer multivarianten Cox Überlebensanalyse des kombinierten Endpunktes unterzogen. Der primäre Endpunkt war eine Kombination aus dem erstmaligen Auftreten eines Myokardinfarktes, eines ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfalls im Beobachtungszeitraum und einer nachgewiesenen Hospitalisierung mit einer der oben genannten Ereignisse im Entlassbrief. Der Tod wurde als primärer Endpunkt ausgeschlossen. 

Die Patienten mussten sich zu Beginn des Beobachtungszeitraumes mindestens einer Blutdruckmessung unterzogen haben sowie mindestens zwei weiteren Blutdruckmessungen über einen Zeitraum von acht Jahren erhalten haben.

Ergebnisse

Insgesamt wurden bei den 1.316.363 Patienten 44.286 kardiovaskuläre Ereignisse im Beobachtungszeitraum von acht Jahren dokumentiert. Hiervon waren: 24.681 Myokardinfarkte, 16.271 ischämische und 3.334 hämorrhagische Schlaganfälle. Unter Einbeziehung der diastolischen bzw. systolischen Hypertonie konnten folgende Ergebnisse analysiert werden:

  • Insgesamt konnte die Hypertonie bei einem Grenzwert von ≥ 140/90 mmHg bei 18,9% aller Patienten diagnostiziert werden, während es bei dem geringeren Wert von ≥ 130/80 mmHg 43,5% der Patienten waren.
  • Steigende systolische Blutwerte sind mit einem steigenden Risiko von kardiovaskulären Ereignissen assoziiert.
  • Eine J-Kurven Beziehung zeigte sich bei diastolischen Blutwerten und dem kombinierten Endpunkt mit dem höchsten Risiko sowohl in den niedrigsten als auch in den höchsten Dezilen. Dies kann zumindest teilweise durch das Alter und anderen Kovariablen erklärt werden.
  • Im Überlebensmodel konnte der kombinierte Endpunkt sowohl für die kontinuierliche systolische Hypertonie (≥ 140 mmHg) als auch für die diastolische Hypertonie (≥ 90 mmHg) unabhängig voneinander prognostiziert werden. Dies galt auch für den niedrigeren Grenzwert von (≥130/80 mmHg) und mit systolischen und diastolischen Blutwerten als Prädiktoren ohne Berücksichtigung der Grenzwerte für die Hypertonie.
  • Subgruppen-Analysen zur Rasse, ethnischen Gruppen oder Geschlecht zeigten vergleichbare Resultate.
  • Die isolierte diastolische Hypertonie war auch mit dem kombinierten Endpunkt assoziiert, wenn keine systolische Hypertonie vorlag. Die isolierte systolische Hypertonie ohne Vorliegen einer diastolischen Hypertonie hat jedoch eine größere Auswirkung auf das Auftreten von kardiovaskulären Ereignissen.
  • Die Verwendung des logistischen Regressionsmodel schätzt das Risiko eines Myokardinfarktes, des ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfalles über die Breite von systolischen und diastolischen Blutdruckwerten. Studienteilnehmer mit einem systolischen Wert von ca. 160 mmHg haben ein 4,8%iges Risiko nach acht Jahren den kombinierten Endpunkt zu erreichen, während es nur 1,9% sind bei einem Wert von ca. 136 mmHg. Bei einem diastolischen Blutdruck von ca. 96 mmHg liegt das Risiko bei 3,6% während es bei einem Wert von ca. 81 mmHg ebenfalls bei nur 1,9% liegt.

Fazit

Zusammenfassend zeigt sich, dass sowohl die systolische als auch die diastolische Hypertonie unabhängig voneinander kardiovaskuläre Ereignisse voraussagen können. Der größere Effekt liegt jedoch bei der systolischen Hypertonie. Dies war unabhängig von der Wahl des Grenzwertes für die Hypertonie (≥ 140/90 mmHg vs. ≥ 130/80 mmHg), die je nach Leitlinie variieren. Die Ergebnisse stehen im Gegensatz zur Framingham Heart Studie und zeigen, dass der diastolische Wert bei der Behandlung der Hypertonie nicht vernachlässigt werden darf.

Autor: Dr. Anja von Au (Medizinjournalistin)

Stand: 21.08.2019

Quelle:
  1. Flint et al. (2019): Effect of Systolic and Diastolic Blood Pressure on Cardiovascular Outcomes. New England Journal of Medicine 019;381:243-51. DOI: 10.1056/NEJMoa1803180