Therapie bei Hypertonie Grad I hinterfragen

Eine Analyse von 38 286 Datensätzen zeigt, dass eine antihypertensive Therapie die kardiovaskulären Risiken bei Niedrigrisiko-Patienten mit einer Hypertonie Grad I nicht verringert. Dafür erhöht die antihypertensive Therapie das Nebenwirkungsrisiko dieser Patienten.

Blutdruckmessung

Die meisten Leitlinien zum Management des Bluthochdrucks befürworten den Beginn einer antihypertensiven Therapie ab einem Hypertonie Grad I, darunter fallen alle Patienten mit einem unbehandelten Blutdruck von 140/90 - 159/99 mmHg. Die Leitlinien empfehlen den Therapiebeginn auch für Niedrigrisiko-Patienten.

Definition Niedrigrisiko-Patient bei Hypertonie Grad I

Zur Gruppe der Niedrigrisiko-Patienten gehören laut des Systematic COronary Risk Evaluation (SCORE)-Systems Patienten, die außer einer Hypertonie Grad I keine weiteren Risikofaktoren für eine kardiovaskuläre Erkrankung aufweisen. SCORE ist das Risikobewertungssystem für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Mortalität bei Hypertonie-Patienten der European Society of Cardiology (ESC), das in den 2018 ESC/ESH Hypertonie-Leitlinien veröffentlicht wurde [1].

Risiko der Hypertonie: Patienten zu wenig berücksichtigt

Bisher gibt es jedoch keine schlüssigen Belege für den Nutzen einer antihypertensiven Medikation bei Personen mit milder Hypertonie (Grad I), die der Niedrigrisiko-Population angehören. Die bislang verfügbaren Studien differenzierten bei der Nutzenanalyse der antihypertensiven Therapie zu wenig zwischen Patienten mit unterschiedlichem kardiovaskulärem Risiko, wie James P. Sheppard, Ph.D. BSc(Hons), PGCert, Forschungsdozent an der Universität Oxford, kritisiert.

Effekte der Therapie bei Niedrigrisiko-Patienten mit milder Hypertonie?

Eine britisches Wissenschaftler Team um Sheppard ging daher in einer großangelegten Kohortenstudie mit fast 40.000 Datensätzen, gezielt der Frage nach, welche Effekte eine antihypertensive Therapie bei Niedrigrisiko-Patienten mit einer Hypertonie Grad I hat. Die Forscher interessierten sich dabei vor allem für das Mortalitätsrisiko, das kardiovaskuläre Risiko und das Nebenwirkungsrisiko bei Patienten mit und ohne antihypertensiver Therapie [2].

Herkunft der Datensätze

Die longitudinale Kohortenstudie wurde mit elektronischen Krankenakten des Clinical Practice Research Datalink (CPRD) durchgeführt. In der CRPD werden die anonymisierten Patientendaten aus Allgemeinpraxen im gesamten Vereinigten Königreich gesammelt. In die aktuelle Analyse flossen die Daten von Patienten im Alter von 18 - 74 Jahren ein, die bei einem geringen kardiovaskulären Risiko unter einer Hypertonie Grad I litten. Personen mit kardiovaskulären Erkrankungen oder kardiovaskulären Risikofaktoren wurden ausgeschlossen.

Gematchte Kohorten

Eine antihypertensive Therapie seit über einem Jahr bei Analysebeginn erhielten 19.143 Patienten. In dieser Gruppe befanden sich 56% Frauen mit einem mittleren Alter von 54 Jahren und einem mittleren Blutdruck vor der Behandlung bei 146/89 mmHg. In der Gruppe ohne Therapie befanden sich gematchte, also mit der Therapiegruppe vergleichbare, 19.143 Patienten.

Keine Unterschiede beim Nutzen

Im Beobachtungszeitraum von median 5,8 Jahren starben in der Kohorte ohne Therapie 4,04% der Patienten, in der Gruppe mit antihypertensiver Therapie waren es 4,49%. Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz traten in der Therapiegruppe bei 3,75% der Patienten auf, ohne Therapie erkrankten 3,66%. Allenfalls für das Auftreten eines akuten Koronarsyndroms ohne Infarkt konnte eine minimale Risikoverringerung unter antihypertensiver Therapie verzeichnet werden.

Nebenwirkungen vermehrt in Therapiegruppe

Das Nebenwirkungsrisiko war insgesamt eher gering. Die antihypertensive Therapie war jedoch mit einem deutlich erhöhten Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen verbunden. In der Therapiegruppe kam es zu mehr behandlungsbedürftigen Fällen von Hypotonie, Synkopen und akuten Nierenschäden.

Fazit

Die Autoren räumen ein, dass bei einer retrospektiven Studie und dem relativ kurzen medianen Beobachtungszeitraum Verzerrungen nicht ausgeschlossen werden. Dennoch empfehlen sie, eine antihypertensive Therapie bei Niedrigrisiko-Patienten mit Hypertonie Grad I nur nach vorsichtiger und sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken einzuleiten.

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 16.11.2018

Quelle:
  1. Williams et al. (2018): 2018 ESC/ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. European Heart Journal, DOI: doi.org/10.1093/eurheartj/ehy339
  2. Sheppard et al. (2018): Benefits and Harms of Antihypertensive Treatment in Low-Risk Patients With Mild Hypertension. JAMA Internal Medicine, DOI: 10.1001/jamainternmed.2018.4684
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