Hypertonie: Kluft zwischen Leitlinien und Kassen

Zur Verbesserung des Therapieerfolgs bei Hypertonie empfehlen die neuen Leitlinien Fixdosis-Kombipräparate. Die Krankenkassen übernehmen jedoch nur in wenigen Fällen die Mehrkosten. Die Deutsche Hochdruckliga fordert eine Anpassung der Arzneimittelvereinbarungen.

Medikamente und Kosten

Zur Behandlung der Hypertonie empfehlen die neuen europäischen Leitlinien der European Society of Hypertension (ESH) und der European Society of Cardiology (ESC), die 2018 veröffentliche wurden, Kombinationen von ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) und Kalziumantagonist oder Thiaziddiuretikum bereits ab Therapiebeginn [1]. 

Weniger Pillen – höhere Therapietreue

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Anzahl der verordneten Medikamente die Therapietreue von Patienten beeinflusst: Je mehr einzelne Präparate der Patient täglich einnehmen muss, desto höher ist das Risiko, dass er von sich aus einzelne Medikamente absetzt oder sogar die gesamte Therapie abbricht und so den Therapieerfolg gefährdet.

Kombi-Präparate verbessern den Therapieerfolg

Für die Hypertonie-Therapie sind „tablettensparende“ Fixdosis-Kombinationspräparate mit zwei bis drei Wirkstoffen verfügbar. Die neuen Leitlinien empfehlen den Einsatz dieser blutdrucksenkenden Fixdosis-Kombinationspräparaten in der „2 in 1“ oder „3 in 1“ Formulierung ausdrücklich zur Verbesserung des Behandlungserfolgs bereits in der Initialisierungsphase der Therapie.

Senkung des Nebenwirkungsrisikos

Aufgrund der Synergie der Wirkstoffe im Kombipräparat können die Dosen der einzelnen Wirkstoffe niedriger gehalten werden und so das Nebenwirkungsrisiko gesenkt werden. Was wiederum der Therapietreue zu Gute kommt. „Medikamente, die Nebenwirkungen verursachen, werden öfter von den Patienten ohne Rücksprache mit dem Arzt weggelassen“, erklärt Professor Dr. Bernhard K. Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL®, Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention [2].

Evidenzbasierte Empfehlungen

Die Verwendung von fixen Kombinationspräparaten kann über die Verbesserung der Therapietreue die Zahl von Schlaganfällen, Herzinfarkten und anderen Folgen der Hypertonie senken. „Die Empfehlungen der europäischen Leitlinie sind evidenzbasiert. Wenn die europäischen Leitlinienexperten Fixdosis-Kombinationen empfehlen, ist die Datenlage so, dass ein signifikanter Vorteil für diese Therapie nachgewiesen wurde“, kommentiert Krämer.

Regress für leitliniengerechte Verschreibung?

Die Kombinationspräparate sind jedoch teurer als die Monopräparate. In den Arzneimittelvereinbarungen ist daher ein Verordnungsanteil von nur 3,5% vorgesehen – Ärzten, die mehr verschreiben, droht ein Regress. Eine Anpassung der Arzneimittelvereinbarungen an die neuen Leitlinien ist daher erforderlich.

Off-Label Problem

Der Medikationskatalog der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat die neuen Leitlinien ebenfalls noch nicht berücksichtigt. Ein Problem ist darüber hinaus, dass viele Kombinationspräparate nicht für die Erstlinientherapie zugelassen sind. Das führt dazu, dass eine leitliniengerechte Therapie zum Teil nur über Off-Label-Verordnungen durchgeführt werden kann, so die Deutsche Hochdruckliga.

Appell der Deutschen Hochdruckliga

Krämer fordert: „Wir fordern eine schnelle Umsetzung der Leitlinienempfehlung, und zwar auch abrechnungstechnisch, damit die niedergelassenen Ärzte und vor allem die auf die Behandlung von Hypertonie spezialisierten Hypertensiologen DHL® ihre Patienten leitliniengerecht versorgen können.“

Senkung der Folgekosten

Die leitliniengerechte Behandlung dient in erster Linie der optimalen Versorgung der Patienten, zahlt sich aber auch für die Allgemeinheit aus. Krämer erklärt: „Statt Milliarden auszugeben, um Folgeerkrankungen von Bluthochdruck zu therapieren, sollten wir im Sinne der Sekundärprävention in eine effizientere Bluthochdrucktherapie investieren, die nachweislich teure Folgekomplikationen verhindern kann“.

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 27.11.2018

Quelle:
  1. Williams et al. (2018): 2018 ESC/ESH Guidelines for the Management of Arterial Hypertension. European Heart Journal, DOI: doi.org/10.1093/eurheartj/ehy339
     
  2. Pressemitteilung der Deutschen Hochdruckliga, Pressemeldung, 22. November 2018
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