Koronare Herzkrankheit: Trügerische Stabilität

Bei der Definition der Koronaren Herzkrankheit wird zu wenig berücksichtigt, dass die zugrundeliegende Arteriosklerose eine systemische und fortschreitende Erkrankung ist und die betroffenen Patienten äußerst heterogen hinsichtlich ihrer Risiken sind.

Herzfrequenz

Hintergrund

Die chronische Koronare Herzkrankheit (KHK) ist eine Arteriosklerose der Herzkranzgefäße. Ihr Leitsymptom bei fortgeschrittenem Stenosierungsgrad ist die stabile Angina pectoris. Die stabile Angina pectoris ist als vorübergehender, drückender oder einschnürender Thoraxschmerz definiert, der durch psychischen Stress oder Anstrengung ausgelöst wird, und durch Ruhe oder die Verabreichung von Nitroglyzerin gelindert bzw. beendet werden kann [1].

Kritik am Begriff „stabil“

Die stabile Angina pectoris steht als Leitsymptom der chronischen KHK der instabilen Angina pectoris als Teil des unmittelbar lebensbedrohlichen Akuten Koronarsyndroms gegenüber. Verschiedene Experten kritisieren den Begriff „stabil“ im Zusammenhang mit der chronischen KHK jedoch als irreführend. Sie argumentieren, dass die Arteriosklerose pathophysiologisch ein fortlaufender Prozess und kein statischer Zustand ist, wie der Begriff „stabil“ impliziert. Darüber hinaus sei die Arteriosklerose in der Regel eine systemische Erkrankung, die nicht nur die Koronargefäße betrifft.

Bessere Prävention durch mehr Differenzierung?

Die Kritiker des Begriffs „stabil“ führen die zum Teil hohen Raten schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse bei KHK mit stabiler Angina Pectoris unter anderem auch auf die mangelhafte Differenzierung der unterschiedlichen Krankheitsbilder zurück. Sie fordern daher, dass die Begrifflichkeiten und Definitionen im Zusammenhang mit der KHK überdacht und reformiert werden. Um diese Forderung zu untermauern, hat ein Team Europäischer Wissenschaftler Veröffentlichungen zum Thema ausgewertet und seine Ergebnisse in einem Review zusammengefasst[2].

Zielsetzung

Die Autoren untersuchten, ob der Begriff der stabilen koronaren Herzkrankheit der Vielfältigkeit der Erkrankung gerecht wird oder ob diese Begrifflichkeit eher irreführend ist. Sie gehen auch der Frage nach, ob differenziertere und dem Risiko verschiedener Patientengruppen angepasste Definitionen der KHK die Sekundärprävention und Therapie optimieren könnten.

Methodik

Neben zahlreichen prospektiven und retrospektiven klinischen Studien (z. B. PROSPECT, PEGASUS-TIMI 54, TRA 2 P-TIMI 50, COMPASS, CANTOS und IMPROVE IT) nutzten die Forscher auch die Daten des REACH Registry für ihre Analyse. REACH steht für Reduction of Atherothrombosis for Continued Health und ist die Bezeichnung einer internationalen, prospektiven Beobachtungsstudie für Atherothrombotische Ereignisse, in deren Rahmen rund 70.000 nicht stationäre Patienten über bis zu sechs Jahre begleitet wurden.

Ergebnisse

Bei der Analyse der Daten kamen die Autoren zu zwei wesentlichen Ergebnissen:

  • Trotz leitliniengerechter Behandlung erleiden bis zu 35% der chronischen KHK-Patienten ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis innerhalb von fünf Jahren nach der Erstdiagnose stabile Angina pectoris.
  • Das Risiko für das Eintreten eines solchen Ereignisses bei bestehender „stabiler“ KHK wird maßgeblich von der Kombination systemischer und spezifischer vaskulärer Risikofaktoren bestimmt.

Risikofaktoren

Zu den systemischen Risikofaktoren für das Eintreten eines schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis bei bestehender KHK zählen neben Alter und Geschlecht, vor allem Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Chronische Nierenerkrankung und Herzinsuffizienz. Als spezifische vaskuläre Risikofaktoren nennen die Autoren bereits erlittene Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall usw.), das Vorliegen der Arteriosklerose in verschiedenen Gefäßbetten (bei 24,8% der KHK-Patienten nachgewiesen) und eine bereits erfolgte Revaskularisation (Marker für die Schwere der Arteriosklerose).

Fazit

Die Autoren fordern, dass die Begrifflichkeit zur Beschreibung der chronischen koronaren Herzkrankheit überdacht werden muss. Sie sollte mehrere Subgruppen mit unterschiedlichen Risiko für zukünftige koronare Ereignisse differenzierter erfassen. Darüber hinaus warnen die Autoren davor, den systemischen und fortschreitenden Charakter der Krankheit zu unterschätzen. Die Autoren sind der Überzeugung, dass spezifischere Definitionen und eine differenziertere Risikostratifizierung der Diagnostik, Behandlung und Prävention der Patienten zu Gute kämen.

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 16.09.2019

Quelle:
  1. Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK – Langfassung, 5. Auflage. Version 1. 2019 [cited: YYYY-MM-DD]. DOI: 10.6101/AZQ/000419
     
  2. Fox, Metra, Morais et al. (2019) The myth of ‘stable’ coronary artery disease. Review Nature Reviews Cardiology DOI: 10.1038/s41569-019-0233-y
     
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