Weißkittelhypertonie birgt Gefahr für Spätfolgen

Ist die Weißkittelhypertonie ein harmloses Phänomen? Daten einer aktuellen Metaanalyse widerlegen diese Vermutung.

Blutdruckmessung beim Arzt

Wenn Patienten zum Termin beim Arzt erscheinen, lässt sich das oft direkt körperlich messen: Es kommt zum sogenannten Weißkittelhochdruck. Dabei steigt zunächst der in der Praxis gemessene Blutdruck an. Auch bei wiederholten Messungen in der Praxis bleiben die Werte bei ≥140 mmHg/ ≥90 mmHg. Misst der Patient zuhause noch einmal nach oder erfolgt eine 24-Stunden-Messung, liegt der Blutdruck wieder im Normbereich.

Weißkittelhypertonie und kardiovaskuläre Prognose

Erstmals hatte der bekannte Bluthochdruckforscher Giuseppe Mancia den Weißkittelhypertonus 1983 beschrieben. Nicht selten wurde diese Konstellation seitdem als harmlos eingestuft. Wissenschaftlich aber war immer unklar, ob und wie sich diese Hypertonie beim Arzt langfristig auf die kardiovaskuläre Prognose der betroffenen Patienten auswirkt.

Studie untersucht Weißkittelhypertonie

Eine neue Metaanalyse zeigt nun deutlich: Ein Weißkittelphänomen ist für Menschen, die dagegen keine Blutdrucksenker einnehmen, signifikant mit einem höheren Risiko für Hertzkreislaufprobleme und einen früheren Tod verbunden.

Die Analyse bezog insgesamt 27 Studien mit mehr als 64.000 Patienten ein. Es wurden mehr als 25.000 Menschen mit unbehandelter Weißkittelhypertonie (WKH) beziehungsweise einem unter blutdrucksenkender Therapie beobachteten Weißkitteleffekt (WKE) mit rund 36.500 normotensiven Kohortenteilnehmern verglichen. Die Nachbeobachtungszeit lag im Mittel bei acht Jahren.

Unbehandelte Weißkittelhypertonie birgt deutliche Gefahren

Das Ergebnis der Studie: Patienten mit einer WKH haben ein um 36 Prozent höheres Risiko für spätere kardiovaskuläre Ereignisse. Das heißt mehr als jeder dritte Unbehandelte, der in der Praxis erhöhte Blutdruckwerte aufwies, nicht aber in der häuslichen 24-Stunden-Messung, hatte ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen. Ähnliche Daten waren auch in früheren Studien festgestellt worden. Neu ist den Autoren der Metaanalyse hingegen, dass in dem untersuchten Zeitraum auch deutlich mehr Menschen der Weißkittelfraktion ohne Blutdrucktherapie sowohl an kardiovaskulären Komplikationen als auch aus anderen Gründen sterben: Das Risiko für einen Tod lag um 33 Prozent höher als bei Menschen mit normalem Blutdruck.

Vor allem Herzpatienten und Ältere mit WKH sind gefährdet

Wurde der Schlaganfall im Endpunkt „kardiovaskuläre Ereignisse“ berücksichtigt, zeigte sich hingegen ein minimiertes Risiko. Es erlitten also deutlich weniger Patienten mit WHK später einen Schlaganfall. Einschränkend muss gesagt werden, dass sich dieser Befund auf eine Studie mit nur einer kleinen Patientenzahl bezieht. Ein deutlich weniger ausgeprägtes Risiko ergab sich zudem in Studien, in denen deutlich jüngere Menschen (also unter 55 Jahren) eingeschlossen oder solche mit kardiovaskulären Vorerkrankungen ausgeschlossen waren. Bei ihnen waren die erhöhten Risiken für kardiovaskuläre Spätfolgen teilweise nicht mehr signifikant nachweisbar. Bei Menschen, die gegen ihren Weißkittelhochdruck bereits medikamentös behandelt wurden, gab es keine bösen Überraschungen: Sie mussten weder kardiovaskuläre Folgen noch einen früheren Tod durch kardiale Komplikationen oder aus anderen Gründen fürchten.

Mit gesundem Lebensstil entgegenwirken

Den Autoren der Metaanalyse müsse der „deutliche Anstieg“ der Herz-Kreislauf-Komplikationen und des Sterberisikos in der Untersuchung Konsequenzen haben für den zukünftigen Umgang mit Patienten mit einer isolierten Praxishypertonie: Betroffenen müsse noch deutlicher empfohlen werden, den Blutdruck auch regelmäßig ambulant zu messen oder messen zu lassen. Und die Patienten sollten mithilfe von Lebensstiländerungen der Entwicklung einer dauerhaften Hypertonie selbst verstärkt entgegenwirken. Zu Lebensstiländerungen zählen eine gesunde Ernährung, Rauchstopp, Gewichtsverlust und Sport. Zudem müssten entsprechende Patienten engmaschiger auf die Entwicklung einer manifesten Hypertonie hin überwacht werden.

Bei Patienten, bei denen der Blutdruck bereits medikamentös gesenkt wird, sollte dies nicht übermäßig aggressiv geschehen. Einschränkend muss zu der Metaanalyse gesagt werden, dass sie teils Studien mit einbezieht, in denen für einzelne kardiovaskuläre Endpunkte wie zum Beispiel Schlaganfall nur eine kleine Fallzahl an Patienten eingeschlossen war.

Autor: Beate Wagner (Ärztin)

Stand: 21.06.2019

Quelle:

Cohen et al. (2019): Cardiovascular Events and Mortality in White Coat Hypertension: A Systematic Review and Meta-analysis. Annals of Internal Medicine, DOI: 10.7326/M19-0223

  • Auf Whatsapp teilenTeilen
  • Auf Facebook teilen Teilen
  • Auf Twitter teilenTeilen
  • DruckenDrucken
  • SendenSenden