Risiko von Medikationsfehlern bei antihypertensiven Kombinationspräparaten

Bei antihypertensiven Kombinationspräparaten besteht ein erhöhtes Risiko von Überdosierungen aufgrund doppelter Verschreibung von Wirkstoffen aus der gleichen Stoffklasse.

Blaue Kapseln

Hintergrund

In der Therapie der Hypertonie hat sich die Kombinationstherapie mit verschiedenen auf einander abgestimmten Wirkstoffen bewährt. Aufgrund der synergistischen Effekte ist die Kombinationstherapie häufig wirkungsvoller als eine Behandlung mit nur einem Wirkstoff (Monotherapie). Darüber hinaus erlaubt die Kombinationstherapie häufig auch eine Dosisreduktion der einzelnen Wirkstoffe und kann so verträglicher sein als eine Monotherapie. Tatsächlich können viel Hypertonie-Patienten ihren Zielblutdruck nur mithilfe von Wirkstoffkombinationen erreichen.

Freie Kombination oder fixe Formulierung

Der Arzt kann die Kombinationstherapie selbst zusammenstellen, indem er die Einzelpräparate mit den entsprechenden Wirkstoffen verschreibt oder er greift auf die fertigen Kombinationspräparate mit fixer Formulierung der Wirkstoffe und ihrer Dosierung zurück. Die selbst zusammengestellte Kombinationstherapie hat den Vorteil, dass die Dosierungen der einzelnen Wirkstoffe auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden können. Die fertigen Kombinationspräparate hingegen erfreuen sich großer Beliebtheit, weil sie die Tablettenlast der Patienten senken und so die Arzneimitteleinnahme vereinfachen. Die Vereinfachung der Tabletteneinnahme kann die Therapieadhärenz der vielfach älteren und komorbiden Patienten fördern.

Unbekannte Risiken bei Kombinationspräparaten

Bislang wurde jedoch nicht untersucht, ob die fertigen Kombinationspräparate möglicherweise zu mehr Medikationsfehlern in Form unbeabsichtigter doppelter Verschreibungen von Wirkstoffen der gleichen Stoffklasse führen oder das Risiko von Arzneimittelwechselwirkungen, insbesondere bei komorbiden Patienten, erhöhen können.

Zielsetzung

Die aktuelle Studie [1] untersuchte, ob bei fertigen Kombinationspräparaten zur Hypertonie-Therapie ein höheres Sicherheitsrisiko hinsichtlich doppelter Verschreibungen und Arzneimittelwechselwirkungen besteht als bei der freien Zusammenstellung von Einzelpräparaten für die Kombinationstherapie.

Methodik

Die Autoren führten eine retrospektive Beobachtungsstudie anhand der Verschreibungsdaten durch, die vom Irischen Primary Care Reimbursement Service (Rückerstattungsdienst der Irischen öffentlichen Gesundheitsversorgung) archiviert wurden. Berücksichtigt wurden Rezepte aus dem Jahr 2015, in denen Erwachsenen ein fertiges Kombinationspräparat oder die entsprechenden Monopräparate einzeln zur Kombinationstherapie der Hypertonie verschrieben worden waren.

Gezielte Suche nach Dopplungen

Die Rezepte wurden gezielt auf Dopplungen von Wirkstoffgruppen mit antihypertensiver Wirkung (ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptorenblocker, Kalziumkanalblocker oder Betablocker) hin untersucht. Produkte, die den gleichen Wirkstoff enthielten, wurden nicht als Dopplungen betrachtet, weil man hier von der Absicht des Arztes ausging.

Darüber hinaus wurden die Rezepte daraufhin begutachtet, ob ein Risiko von Arzneimittelwechselwirkungen zwischen den antihypertensiven Präparaten und anderen Medikamenten auf dem gleichen Rezept bestand. Eine Ausnahme bestand für Hypotonie als Wechselwirkung, weil dies eventuell vom verschreibenden Arzt bewusst beabsichtigt worden war.

Berücksichtigung von Patientendaten

Miteinbezogen in die Analyse der Rezepte wurden folgende Daten und Informationen:

  • Alter und Geschlecht des Patienten
  • Der Typ des antihypertensiven Medikaments
  • Die tägliche Gesamtdosis an Antihypertensiva.

Das relative Risiko der fertigen Kombinationspräparate und der freien Kombination wurde sowohl roh berechnet als auch mithilfe einer Propensity-Score-Matching-Analyse angepasst an die Charakteristika der Verschreibung und der Patientendaten ermittelt.  

Ergebnisse

In der Studie wurden insgesamt 459465 Rezepte für 49283 Patienten analysiert. Für fertige Kombinationspräparate wurden 307833 (67.0%) Rezepte und für die Kombinationen von Einzelpräparaten wurden 15163 Rezepte ausgestellt. Die Patienten waren im Durchschnitt 67,1 Jahre alt.

Fertige antihypertensive Kombinationspräparate wurden selten gemeinsam mit anderen Medikamenten zur Behandlung kardiovaskulärer Krankheiten verschrieben. Doppelte Verschreibungen kamen in 0,8% der untersuchten Rezepte vor. Am häufigsten handelte es sich dabei um Wirkstoffe aus der Klasse der Kalziumkanalblocker. In 10,6% der Rezepte wurden Wirkstoffe mit einem Wechselwirkungspotential (am häufigsten Amlodipin und Simvastatin) verschrieben.

Risikovergleich Kombinationspräparat vs. freie Kombination

Das rohe relative Risiko für doppelte Verschreibungen war bei den Kombinationspräparaten gegenüber den freien Kombinationen um das 1,46 fache erhöht. Angepasst um Verschreibungs- und Patientencharakteristika lag das relative Risiko bei den Kombinationspräparaten um das 2,06 fache höher. Hinsichtlich des Potentials von Arzneimittelwechselwirkungen gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Verschreibungsarten.

Fazit

Verglichen mit der freien Kombination einzelner Wirkstoffe weist die Verschreibung fertiger Kombinationspräparate gegen Hypertonie ein höheres Risiko doppelter Verschreibung von Wirkstoffen aus der gleichen Stoffklasse auf. In Anbetracht der Vorteile fixer Kombinationen ist dieses Risiko zwar nicht besonders hoch, sollte aber bei der Verschreibung von Kombinationspräparaten berücksichtigt werden, um die Gefahr von Nebenwirkungen aufgrund einer Überdosierung durch eine doppelte Verschreibung zu minimieren.

Autor: Barbara Welsch (Medizinjournalistin)

Stand: 14.08.2018

Quelle:
  1. Moriarty et. al (2018): Fixed-dose combination antihypertensives and risk of medication errors. Heart, DOI: 10.1136/heartjnl-2018-313492

 

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