Arzt hält die Hand einer älteren Dame

Statine schützen vor kardiovaskulären Erkrankungen wie Myokardinfarkt und Schlaganfall. Dieser Effekt ist jedoch erst nach mehreren Jahren zu erwarten. Deshalb werden die Cholesterinsenker auch hauptsächlich jüngeren Patienten verordnet. Den Daten einer aktuell in The Lancet veröffentlichten Meta-Analyse zufolge profitieren aber auch Senioren von einer Statin-Therapie [1]. Experten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) gehen davon aus, dass die Schutzwirkung insbesondere zu erwarten sei, wenn bereits arteriosklerotische Folgeschäden oder ein Diabetes bestehen. Damit sind Statine durchaus eine Option für ältere Patienten. Die Entscheidung über eine Verordnung sollte jedoch individuell geprüft und gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden.

Methodik der Meta-Analyse

Die Ergebnisse der aktuell in The Lancet veröffentlichten Meta-Analyse basieren auf 28 randomisierten kontrollierten Studien mit Schwerpunkt einer Statin-Therapie. Die Wirkung der Lipidsenker wurde in sechs verschiedenen Altersgruppen (≤ 55 Jahre, 56 – 60, 61 – 65, 66 – 70, 71 bis 75 und > 75 Jahre) beurteilt und verglichen. Alle eingeschlossenen Studien mussten mindestens 1.000 Probanden umfassen und wenigstens zwei Jahre andauern. Gesamt konnten so Daten von mehr als 186.000 Teilnehmern ausgewertet werden. Knapp 15.000 (8%) von ihnen waren älter als 75 Jahre.

Der Effekt von Statinen wurde anhand von ernsten vaskulären und koronaren Ereignissen, Schlaganfällen und koronaren Revaskularisationen sowie der kardiovaskulären Mortalität und der Krebsinzidenz als Rate Ratio (RR) pro 1,0 mmol/l Reduktion der LDL-Cholesterin-Konzentration erfasst.

Ergebnisse

Zusammenfassend publizierten die Forscher der Oxford Universität, dass eine Statin-Therapie in fast allen Altersgruppen die Rate ernster vaskulärer und koronarer Ereignisse signifikant senken konnte. Eine Signifikanz wurde lediglich in der Gruppe der Patienten über 75 Jahre verfehlt. In dieser relativ kleinen Patientenpopulation war nur ein geringer Nutzen hinsichtlich KHK, pAVK oder Schlaganfall feststellbar. Darüber hinaus wirkte sich eine Statin-Gabe in keinem Alter auf die nicht-vaskuläre Mortalität, den Krebstod oder die Krebsinzidenz aus.

Statin-Verordnung auch bei älteren Personen sinnvoll

Die Auswertung der Meta-Analyse zeigt, dass Statine unabhängig vom Alter die wichtigsten vaskulären Ereignisse reduzieren. Damit wäre eine Statin-Therapie auch bei älteren Menschen sinnvoll, resümiert Professor Helmut Schatz, Endokrinologe und Vorstandsmitglied der DGE. Bislang werden die Cholesterinsenker im Alter nur zurückhaltend verschrieben. „Viele Ärzte sind der Auffassung, dass sich die Behandlung bei hochbetagten Menschen – wegen der einzuplanenden Zeit bis zur einsetzenden Wirkung – nicht mehr lohne“, so Schatz [2]. Dabei gibt er zu bedenken, dass sich etliche Senioren auch im höheren Alter einer guten körperlichen Gesundheit und biologischen Verfassung erfreuen. Zudem zeigen klinische Studien, dass eine kardiovaskuläre Protektion bereits nach wenigen Jahren zu erwarten ist. Deshalb könnte auch diese Altersgruppe von einer Statin-Gabe profitieren, folgert der Endokrinologe.

Reduzierte Rate kardiovaskulärer Erkrankungen bei Patienten über 75 Jahren

Um seine Meinung zu untermauern, verweist Schatz auf das allgemeine Risiko kardiovaskulärer Vorerkrankungen bei Patienten über 75 Jahren. Die Meta-Analyse ergab zwar, dass eine Statin-Behandlung mit steigendem Alter die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle proportional geringer senkt, der Effekt jedoch vorhanden ist. Da aber das Risiko und die Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit dem Alter ansteigen, könnten Statine – absolut betrachtet – dennoch eine Vielzahl kardiovaskulärer Ereignisse verhindern, so Schatz.

Risikofaktor Diabetes

Auch Patienten mit anderen Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 könnten von einer Statin-Gabe profitieren. „Menschen mit erhöhtem Blutzucker haben ein besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse, das durch Statine gesenkt werden kann“, erklärt Professor Matthias M. Weber, Leiter der Endokrinologie der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Mediensprecher der DGE. Dabei verweist er auf eine 2018 im britischen Ärzteblatt veröffentlichte Auswertung von Krankenversicherungsdaten aus Katalonien [3]. „Eine Behandlung mit Statinen senkte bei 75- bis 85-jährigen Menschen mit Diabetes das Herz-Kreislauf-Risiko um fast ein Viertel und das Sterberisiko um 16%“, erklärt Weber. „Insbesondere für ältere Menschen mit Diabetes mellitus oder bereits bestehenden Folgeerkrankungen durch Gefäßverkalkung wie Verschlusserkrankungen der Beingefäße, Schlaganfälle oder Herzinfarkte kann die Einnahme von Statinen sehr wichtig und sinnvoll sein“, fasst der Endokrinologe die veröffentlichten Ergebnisse zusammen.

Fazit

Möglicherweise ist es Zeit für ein Umdenken bei der Verordnung von Statinen. Professor Schatz rät Ärzten, mit älteren Patienten über ihre individuelle Krankheitssituation und den möglichen Nutzen einer Statin-Therapie zu sprechen. Eine Entscheidung sollte im Anschluss gemeinsam („shared decision“) getroffen werden. Auch Weber empfiehlt, die Option einer medikamentösen Cholesterinsenkung individuell zu prüfen. Darüber hinaus setzen die Endokrinologen auf die Bedeutung von Aufklärung und Information der Patienten. Wie Bluthochdruck verursachen erhöhte Cholesterinwerte in der Regel keine Beschwerden – und erzeugen somit auch keinen Leidensdruck. Wie jedes Medikament wirken aber auch Statine nur, wenn sie eingenommen werden. Und diese Chance ist umso höher, je besser der Patient über den Nutzen der Therapie informiert ist. Denn nur ein überzeugter Patient wird seine Tabletten auch einnehmen, ist Weber überzeugt.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 11.03.2019

Quelle:
  1. Armitage et al. (2019): Efficacy and safety of statin therapy in older people: a meta-analysis of individual participant data from 28 randomised controlled trials. The Lancet 2019, DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31942-1
     
  2. Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, Pressemitteilung, 5. März 2019
     
  3. Ramos et al. (2018): Statins for primary prevention of cardiovascular events and mortality in old and very old adults with and without type 2 diabetes: retrospective cohort study. British Medical Journal, DOI: https://doi.org/10.1136/bmj.k3359