Patientin bei Aerztin

„Nur ein Bruchteil der Alzheimer-Patienten wird adäquat diagnostiziert“, sagte Privatdozent Dr. Juraj Kukolja, Chefarzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Helios Universitätsklinikum Wuppertal, bei seinem Vortrag anlässlich der Neurowoche 2018 [1].

Identifikation Erkrankter in frühem Stadium möglich

Mittlerweile ist es durch Bestimmung von Biomarkern im Liquor, Magnetresonanz- und Positronen-Emissionstomographie (PET) jedoch möglich, die Alzheimer-Erkrankung im Anfangsstadium zu erkennen. Dadurch entstehen Chancen. „Personen, die ein erhöhtes Risiko haben, in späteren Jahren an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, können noch im Stadium ihrer kognitiven Gesundheit identifiziert werden“, so Kukolja.

„Es ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren eine weniger invasive und kostengünstige Frühdiagnostik der Alzheimer-Erkrankung möglich wird“, so der Neurologe weiter. Japanischen und australischen Wissenschaftlern ist es gelungen Amyloid beta im Blut nachzuweisen [2].

Therapeutische Konsequenz noch nicht gegeben

Bisher ergibt sich aus der verbesserten Diagnostik noch keine therapeutische Konsequenz. Die symptomatische Therapie ist weiterhin die einzige Therapieoption. Versuche, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, blieben bisher erfolglos. „Die Studien mit Antikörpern, welche die Alzheimer-typischen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn beseitigen sollten, waren erfolglos“, sagte Kukolja. Es seien nur mehr wenige Amyloid-Antikörper „im Rennen“.

Tau-Protein im Fokus

Dennoch werde weiterhin intensiv an der genaueren Charakterisierung der Alzheimer-Pathologie und an alternativen Therapiemöglichkeiten geforscht, berichtet der Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Die Alzheimer-Forschung hat das Tau-Protein, welches sich neben Amyloid im Gehirn von Alzheimer-Patienten ablagert, und entzündliche Prozesse, welche bei der Erkrankung entstehen und sie befeuern, im Fokus“, berichtete Kukolja.

Die Analyse von PET-Untersuchungen konnte zeigen, dass die Ausprägung und Ausdehnung von Tau-Ablagerungen die Dynamik und Schwere der Alzheimer-Demenz besser vorhersagen als Amyloid [3]. Aktuell laufen mehrere klinische Studien mit Präparaten gegen das Tau-Protein.

Inflammation und Alzheimer

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt in der Erforschung eines möglichen Zusammenhangs zwischen Entzündungen und der Pathologie der Alzheimer-Demenz. Sowohl im Maus-Modell als auch beim Menschen konnten Studien nachweisen, dass die Alzheimer-Pathologie mit entzündlichen Reaktionen einhergeht.

Beispielsweise konnten Forscher in einer Reihe von Experimenten an transgenen Mäusen zeigen, dass Amyloid beta zu einer entzündlichen Reaktion mit Aktivierung einer Kaskade von Proteinkomplexen führt. Diese Proteinkomplexe fördern ihrerseits die Bildung von krankhaften Amyloid beta-Aggregaten. Die Kenntnis dieser Mechanismen bietet einen weiteren Ansatzpunkt für Therapien.

Fazit

Trotz des frühen Wissens um die Alzheimer-Erkrankung, hat dies bisher keine Konsequenzen für die Behandlung. „Wir wissen schon früh um die Alzheimer-Erkrankung, doch das hat weiterhin keine therapeutischen Konsequenzen, da alle bisherigen Behandlungsversuche mit Antikörpern gegen die Alzheimer-typischen Ablagerungen im Gehirn gescheitert sind“, so der Neurologe. „Tau-Proteine und entzündliche Veränderungen bieten vielversprechende Ansatzpunkte für eine kausale Therapie der Alzheimer-Demenz“, sagte Kukolja im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen.

Autor: Dr. Melanie Klingler

Stand: 02.11.2018

Quelle:
  1. Privatdozent Dr. Juraj Kukolja: „PET, Liquor, Bluttest – was bringt die verbesserte Demenz-Diagnostik?“, Fachpressekonferenz, Neurowoche, Berlin, 02.11.2018
     
  2. Nakamura et al. (2018): High performance plasma amyloid-β biomarkers for Alzheimer’s disease. Nature, DOI: https://doi.org/10.1038/nature25456
     
  3. Bejanin et al. (2017): Tau pathology and neurodegeneration contribute to cognitive impairment in Alzheimer’s disease. Brain, DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awx243