Antikörper Struktur 3d

Zwei Antikörper, Erenumab und Galcanezumab, könnten für Migräne-Patienten bald in der Prophylaxe eingesetzt werden. Erenumab hat im Juli 2018 die EU-Zulassung erhalten und wurde im November 2018 in den Markt eingeführt. Galcanezumab wurde von der EMA im September 2018 zur Zulassung empfohlen.

Die monoklonalen Antikörper binden selektiv an den Calcitonin Gene-related Peptide (CGRP)-Rezeptor (Erenumab) oder an CGRP selbst (Galcanezumab). CGRP gehört zu den proinflammatorischen Neuropeptiden und besitzt eine stark gefäßerweiternde Wirkung. Das Peptid ist zentral an der Schmerzauslösung und an der neurogenen Entzündung – und somit an der Entstehung und Aufrechterhaltung - von Migräneattacken beteiligt.

CGRP nicht nur im Nervensystem lokalisiert

Nach bisherigen Erfahrungen sind die Antikörper gut verträglich. Trotzdem gibt es natürlich Nebenwirkungen und Risiken bei der Anwendung. Diese erläuterte Dr. Lars Neeb, Kopfschmerzzentrum der Charité Universitätsmedizin Berlin, in einem Vortrag auf der Neurowoche 2018 [1].

Zu Beginn des Vortrages zeigte Neeb die Verteilung von CGRP im Organismus auf. CGRP besitzt eine stark gefäßerweiternde Wirkung in zerebralen, koronaren und renalen Gefäßen. Das Neuropeptid kommt im gesamten zentralen und peripheren Nervensystem und den perivaskulären Nerven aller Organe vor. Daneben ist CGRP in nicht-neuronalen Zellen, etwa Endothelzellen, Adipozyten und Keratinozyten lokalisiert. Auch Immunzellen (B-Lymphozyten und Makrophagen) produzieren CGRP.

Lange Halbwertszeit bedenken

Neben der ubiquitären Verbreitung von CGRP im Körper spielt auch die Verweildauer im Hinblick auf Nebenwirkungen eine Rolle. Der Referent stellte eine Studie vor, in welcher der Effekt von Galcanezumab über mehr als sechs Wochen anhielt.

Bisher gutes Nebenwirkungsprofil in Studien

Die STRIVE-Studie zeigte für Erenumab ein Nebenwirkungsprofil, das auf Placeboniveau liegt [2]. Allerdings wurden in dieser und anderen Studien Migräne-Patienten ohne Komorbiditäten untersucht. Unerwünschte Ereignisse, die von Studienteilnehmern berichtet wurden, waren unter anderem Nasopharyngitis, Infektionen der oberen Atemwege, Konstipation oder Schmerzen an der Injektionsstelle.
Bei 2,5% der Patienten der Placebo-Gruppe und bei jeweils 2,2% in den beiden Verumgruppen (Erenumab 70 mg und 140 mg) kam es zu einem unerwünschten Ereignis, das die Teilnehmer zum Studienabbruch veranlasste.

CGRP-Blockade und Komorbiditäten

Wie sich die Gabe von CGRP- und CGRP-Rezeptor-Antikörpern beim Vorhandensein von Komorbiditäten auswirkt, wurde bisher vor allem in Tiermodellen untersucht, so Neeb. Es wird vermutet, dass CGRP eine protektive Rolle in verschiedenen Pathologien spielt:

  • Arterieller Hypertonus
  • Herzinfarkt
  • Schlaganfall
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
  • Inflammation
  • Sepsis
  • Wundheilung.

Die präsentierten Studienergebnisse legen nahe, dass es unter CGRP-Blockade unter anderem zu einer schlechteren Blutdruckregulation, zur Aufhebung der kardioprotektiven Wirkung, zur Verschlechterung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen und zu Wundheilungsstörungen kommen kann.

Fazit

Insgesamt sei das Nebenwirkungsprofil der CGRP- und CGRP-Rezeptor-Antikörper sehr gut, so Neeb. Die Auswirkungen der Blockade und damit der Wegfall der CGRP-Wirkung in verschiedenen Pathologien ließen sich derzeit noch nicht sicher abschätzen.

Erste Erfahrungen aus den USA

In den USA gibt es bereits größere Erfahrungen mit dem Einsatz monoklonaler Antikörper bei Migräne-Patienten. Dort würden Ärzte vor allem über Konstipation und respiratorische Effekte bei den Patienten berichten, so Professor Dr. Hans-Christoph Diener, einer der Vorsitzenden der wissenschaftlichen Sitzung.

Um die Auswirkungen der CGRP-Blockade einschätzen zu können, seien weitere tierexperimentelle Studien und Langzeitbeobachtungen nötig, so Neeb abschließend.

Autor: Dr. Melanie Klingler

Stand: 30.10.2018

Quelle:
  1. Dr. Lars Neeb: „ Modulation von CGRP in der Kopfschmerztherapie: potenzielle Risiken “, Neurowoche, Berlin, 30.10.2018
     
  2. Goadsby et al. (2018): A Controlled Trial of Erenumab for Episodic Migraine. New England Journal of Medicine, DOI: 10.1056/NEJMoa1705848