Angststörung

Der Begriff Angststörung umfasst eine Gruppe psychischer Erkrankungen, die mit einer übertriebenen Angstreaktion bei Abwesenheit einer realen Bedrohung einhergehen.

Synonyme

Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst/ Paniksyndrom/ Panikneurose), Agoraphobie (Platzangst), Phobie (phobische Störung/ krankhafte Angst/Furcht), soziale Phobie (soziale Angststörung)

Definition

Angststörung

Unter dem Begriff Angststörung wird eine Gruppe psychischer Störungen zusammengefasst, die mit einer unangemessenen, übertriebenen, unrealistischen oder auch grundlosen Angstreaktion beim Fehlen einer realen äußeren Bedrohung einhergehen.

Zu der Gruppe der Angststörungen gehören insbesondere die Panikstörung, die generalisierte Angststörung sowie die Phobien (Agoraphobie, soziale Phobie, spezifische Phobien).

Panikstörung

Die Panikstörung ist durch Panikattacken, also plötzlich, anfallsartig auftretende wiederkehrende Angstattacken in unspezifischen Situationen gekennzeichnet.

Generalisierte Angststörung

Bei der generalisierten Angststörung treten die Ängste chronisch und in unspezifischen Situationen auf.

Phobien

Phobien sind durch Ängste vor spezifischen Situationen/Objekten charakterisiert. Die soziale Phobie bezeichnet die Angst vor sozialen Situationen, in denen der Betroffene im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, während die Agoraphobie die Angst vor bestimmten Orten und Situationen wie beispielsweise öffentlichen Plätzen oder Menschenansammlungen beschreibt.

Epidemiologie

Die Lebenszeitprävalenz für Angststörungen beträgt 14-29%. Sie sind damit die häufigsten psychischen Erkrankungen. Frauen sind häufiger als Männer von Angststörungen betroffen. Die Erkrankung tritt insbesondere im Alter zwischen 18 und 34 Jahren auf, wobei die verschiedenen Angststörungen einen unterschiedlichen Beginn aufweisen. Spezifische Phobien treten im Median bereits mit sieben Jahren auf, während sich generalisierte Angststörungen erst später zeigen - im Median erst mit 31 Jahren.
Die Agoraphobie ist mit ca. 55% die häufigste spezifische Phobie, gefolgt von der sozialen Phobie (ca. 22%).

Ursachen

Die Angst vor realen Gefahren z.B. Verletzungen ist eine natürliche Schutzreaktion, die das Überleben sichert. Eine pathologische Angst hingegen stellt eine unrealistische bzw. übersensitive Reaktion dar, die meist eine natürliche Basis hat. Bei der generalisierten Angsterkrankung kommt es zu einer übertriebenen Ausprägung der Realangst. Auch die spezifischen Phobien gehen auf eine ursprünglich natürliche Reaktion zurück. So stellte die Furcht vor Schlangen, Spinnen, Raubkatzen etc. einen Überlebensvorteil dar. Die spezifischen Phobien werden daher heutzutage als übertriebene Ausprägungen der angeborenen Urängste angesehen.

Die soziale Phobie wird beispielsweise als ein überhöhtes Ausmaß der natürlichen sozialen Zurückhaltung interpretiert.

Bei der Panikstörung/Agoraphobie kommt es wahrscheinlich zu einer gesteigerten Reaktion auf körperliche Warnsignale.

Risikofaktoren

Für die Auslösung von Angststörungen werden verschiedene Risikofaktoren, die die multifaktorielle Genese widerspiegeln, diskutiert:

Psychosoziale Faktoren

Kindheitstraumata wie beispielsweise der Tod eines Elternteils, Scheidung, Alkoholmissbrauch in der Familie, sexueller Missbrauch, sind bei Patienten, die an Panikstörungen leiden, signifikant häufiger anzutreffen.

Nicht nur Traumata in der Vergangenheit, sondern auch aktuelle Traumata wie beispielsweise Trennungen oder der Tod eines nahestehenden Menschen, können das Auftreten von Angststörungen begünstigen.

Erziehung

In retrospektiven Studien konnte gezeigt werden, dass bestimmte ungünstige Erziehungsstile mit Angststörungen assoziiert sein können. Auch prospektive Studien konnten einen negativen Einfluss bestimmter Verhaltensweisen wie beispielsweise abweisende oder überprotektive Eltern zeigen.

Sozioökonomische Faktoren

Eine höhere Prävalenzrate an Angststörungen konnte bei unteren sozialen Schichten und beim Vorliegen von Arbeitslosigkeit gezeigt werden.

Genetik

In Zwillingsuntersuchungen konnte ein genetischer Einfluss für das Auftreten von Angststörungen demonstriert werden. Dies trifft besonders für die Agoraphobie zu (67%).

Pathogenese

Zur Erklärung der Pathogenese von Angststörungen existieren verschiedene lerntheoretische Störungsmodelle.

Lerntheoretische Störungsmodelle

Panikstörung/Agoraphobie

Das sogenannte „Teufelskreis der Angst“-Modell besagt, dass bei einer Panikstörung harmlose Änderungen physiologischer Funktionen wie z.B. eine Erhöhung der Herzfrequenz, als physische Bedrohung z.B. Herzinfarkt, fehlinterpretiert werden. Dies führt zum Auftreten von weiteren Angstsymptomen, die dann ihrerseits wieder als körperliche Fehlfunktion missinterpretiert werden. Es kommt zu einer Panikattacke. Andere Forscher deuten eine Panikattacke als Kampf- oder Fluchtreaktion, in der alle Symptome gleichzeitig anstatt nacheinander auftreten.

Generalisierte Angststörung

Bei der generalisierten Angststörung werden Stimuli (äußere/innere Reize, körperliche Symptome) fälschlicherweise mit einer bedrohlichen Situation in Zusammenhang gebracht. Eine negative Verstärkung dieser Situation kann durch den Versuch der Unterdrückung von Sorgen erfolgen.

Soziale Phobie

Bei der sozialen Phobie wird eine bestimmte soziale Situation, als Gefahr bewertet.

Die Betroffenen zeigen überdurchschnittlich oft überhöhte Ansprüche an das eigene Auftreten in sozialen Situationen. Auch eine negative Sicht auf die eigene Person („ich bin minderwertig, dumm etc.“) bzw. auf die Mitmenschen („die Anderen sind überkritisch, überlegen, etc.“) können soziale Situationen ungünstig beeinflussen und diese bedrohlich erscheinen lassen. Zu einer negativen Antizipation zukünftiger ähnlicher Situationen kann auch eine retrospektive negative Bewertung von sozialen Situationen führen. Als Folge werden diese Situationen vermieden (Fluchtverhalten).

Psychodynamische Theorien

Bei den psychoanalytischen Theorien stehen Konflikte im Vordergrund, die zu unangemessenen (neurotischen) Lösungsversuchen führen. Diese führen dann zum Auftreten von Krankheitssymptomen.

Panikstörung

Der psychodynamische Erklärungsansatz für das Entstehen einer Panikstörung sieht kindliche Traumata und intrapsychische Konflikte im Zentrum der Pathogenese. Diese Traumata und Konflikte können bei gleichzeitigem Vorliegen einer dispositionellen Vulnerabilität zu einer erhöhten Trennungs- und Verlustangst führen. Im Rahmen einer Panikattacke werden zudem konflikthafte zwischenmenschliche Beziehungen verstärkt. Hierdurch fühlen sich die Patienten abhängig und haben Angst diese Beziehungen zu verlieren. Es treten vermehrt Verlustängste auf und die Angsttoleranz wird reduziert.

Generalisierte Angststörung

Psychoanalytische Ansätze sehen bei der generalisierten Angststörung ichstrukturelle Defizite, also eine verminderte Fähigkeit, Sicherheit, Gewissheit und Ruhe herzustellen, im Fokus der Pathogenese. Häufig finden sich bei den betroffenen Patienten auch widersprüchliche und verunsichernde Beziehungserfahrungen mit den Eltern in der Vergangenheit. Die Betroffenen streben in hohem Maße nach Sicherheit. Sie suchen Präsenz und beruhigenden Zuspruch von Bezugspersonen. Insbesondere kritische Lebensereignisse wie beispielsweise ein Arbeitsplatzverlust oder der Verlust des Partners, aber auch kleine Abweichungen der Lebenssituation wie beispielsweise Reisen oder Umzüge, können zum Auftreten von Symptomen führen.

Soziale Phobie

Im Zentrum des psychodynamischen Erklärungsansatzes für die Pathogenese der sozialen Phobie steht der Wunsch nach Akzeptanz und Bestätigung bei gleichzeitig antizipierter Demütigung bzw. Beschämung durch das Gegenüber.

Neurobiologie

Vermutlich spielen in der Entstehung von Angststörungen auch krankhafte Veränderungen in den Neurotransmittersystemen eine Rolle. Für weiterführende Informationen wird auf die Fachliteratur verwiesen.

Symptome

Das Leitsymptom der Angststörungen ist die Angst.

Panikstörung

Patienten, die an einer Panikstörung leiden, weisen plötzliche, anfallsartig auftretende wiederkehrende Panikattacken in unspezifischen Situationen auf. Diese Attacken dauern ca. 5-10 Minuten an. Während der Panikattacke können zudem vegetative Symptome, wie Schwitzen, Zittern, Herzrasen, Atemnot, Hyperventilation, Erstickungsgefühl, Schwindel, Bauchschmerzen und Übelkeit auftreten. Die Patienten erleiden in der Zeit oft Todesängste und Kontrollverlustängste. Auch eine Derealisation und/oder Depersonalisation kann auftreten.

Generalisierte Angststörung

Die Symptome der generalisierten Angststörung treten unabhängig von der Situation und als Dauerzustand (über Wochen und Jahre) auf. Die Patienten können zu dem Konzentrations- und Schlafstörungen zeigen. Sie berichten häufig über Palpitationen, Herzrasen, Zittern, Schwindel und Mundtrockenheit. Auch Bauchschmerzen können auftreten.

Phobien

Die Angstsymptome treten bei den Phobien in spezifischen Situationen auf. Die Intensität der Angst kann von leichtem Unbehagen bis hin zum Auftreten von Panikattacken reichen. Die Patienten neigen ferner zur Vermeidung der angstauslösenden Stimuli.

Komorbiditäten

Von Angststörungen betroffene Patienten leiden häufig an psychischen Komorbiditäten. Hierzu zählen insbesondere Depressionen, andere Angststörungen, Suchterkrankungen und somatoforme Störungen. Auch Persönlichkeitsstörungen kommen bei Patienten mit Angststörungen gehäuft vor. Zu beachten ist, dass Angsterkrankungen mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen.

Auch somatische Pathologien wie Schilddrüsenerkrankungen, Arthritis, Migräne, Allergien oder Atemwegserkrankungen sind häufig bei Patienten mit Angststörungen zu finden.

Diagnostik

Die Diagnostik von Angststörungen beginnt mit einer Anamnese der Patienten. Diese sollte mindestens eine Fremdanamnese, Entwicklungsanamnese und eine Aktualanamnese beinhalten. Da Angsterkrankungen häufig mit somatischen Symptomen wie Luftnot, Schmerzen, Herzrasen etc. einhergehen können, müssen somatische Differentialdiagnosen ausgeschlossen werden. Hierzu sollte entsprechend der AWMF Leitlinie mindestens eine ausführliche Anamnese mit körperlicher Untersuchung, EKG mit Rhythmusstreifen und eine Laboruntersuchung erfolgen. Die Laboruntersuchung sollte mindestens ein Blutbild, eine Blutzuckerbestimmung, eine Bestimmung der Elektrolyte und die Erfassung des Schilddrüsenstatus beinhalten. Bei Bedarf sollte auch eine Lungenfunktion und/oder kranielle Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) und/oder ein Elektroenzephalogramm (EEG) durchgeführt werden.

Ist eine somatische Diagnose ausgeschlossen, empfiehlt die AWMF Leitlinie beim Verdacht des Vorliegens einer Angststörung die Durchführung eines offenen Interviews sowie die Verwendung von Screeningfragen und strukturierter Befunderhebung zur Überprüfung des Vorhandenseins von z.T. spezifischen Symptomen der einzelnen Angststörungen. Die Diagnose der Angststörungen wird entsprechend der Klassifikation der ICD-10 gestellt:

Panikstörung/Agoraphobie

Die Patienten sollten nach plötzlich einsetzenden Angstanfällen, die mit Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Luftnot, Todesangst usw. einhergehen, gefragt werden. Da die Panikstörung in vielen Fällen mit einer Agoraphobie verbunden ist, sollte zudem ermittelt werden, ob die Betroffenen in engen Räumen, öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Menschenmengen, Angst bzw. Beklemmungsgefühle verspüren. Zudem soll erfragt werden, ob diese Situationen aus Angst vermieden werden.

Generalisierte Angststörung

Bei dem Verdacht auf das Vorliegen einer generalisierten Angststörung, sollte überprüft werden, ob die Patienten häufig nervös oder angespannt sind. Zudem sollte abgefragt werden, ob die Patienten sich mehr Sorgen machen als andere Menschen und oft befürchten, dass ein Unglück geschehen könnte. Häufig können die Patienten nicht angeben, wovor sie konkret Angst haben.

Soziale Phobie

Liegt der Verdacht vor, dass der Patient an einer sozialen Phobie leidet, sollte er gefragt werden, ob er in Situationen Angst hat, in denen er vermutet, dass seine Mitmenschen ihn kritisieren oder ihn als dumm, peinlich oder ungeschickt bewerten könnten.

Spezifische Phobie

Um das Vorliegen einer spezifischen Phobie beurteilen zu können, sollte der Betroffene gefragt werden, ob bestimmte Dinge oder Situationen wie beispielsweise Hunde, Spinnen, Höhen oder Spritzen in ihm Angst auslösen.

Fragebögen

Zum Screening und zur strukturierten Diagnosestellung können wissenschaftlich validierte Fragebögen wie beispielsweise der Patient Health Questionnaire for Depression and Anxiety (PHQ-4), das Structured Clinical Interview for DSM-IV (SCID) oder auch das Mini-International Neuropsychiatric Interview (MINI;DSM-IV;ICD-10) verwendet werden.

Ist die Diagnose gestellt, können zur Bestimmung des Schweregrades symptomspezifische Fremdbeurteilungs-, oder Selbstbeurteilungsskalen verwandt werden, wie beispielsweise die PAS (Panik und Agoraphobie-Skala) für die Panikstörung/Agoraphobie oder die LSAS (Liebowitz Social Anxiety Scale) für die soziale Phobie. Für weiterführende Informationen wird auf die Fachliteratur verwiesen.

Therapie

Als Indikationen für den Beginn einer Behandlung einer vorliegenden Angststörung empfiehlt die Leitlinie das Vorhandensein eines mittleren bis hohen Leidensdruckes sowie psychosoziale Einschränkungen der Betroffenen. Ferner sollte beim Auftreten von möglichen Komplikationen einer Angststörung wie beispielsweise Suchterkrankungen, eine Therapie initiiert werden.
Allgemein lässt sich sagen, dass die Behandlung darauf abzielt, die Symptome sowie ein mögliches Vermeidungsverhalten zu reduzieren. Ferner wird angestrebt, die Rückfallwahrscheinlichkeit zu reduzieren. Die soziale Integration der Betroffenen soll gesteigert werden, um die Lebensqualität und die berufliche Leistungsfähigkeit wieder zu verbessern.

Vor der Auswahl der Behandlungsverfahren sollte mit dem Patienten gesprochen werden, welches Verfahren er bevorzugen würde. Ferner müssen die eventuell entstehenden Therapiekosten und der Zeitaufwand klar kommuniziert werden. Wichtig ist auch die Abwägung zwischen der Dringlichkeit des Beginns einer zügigen Behandlung und eventuell vorliegenden Wartezeiten vor Therapiebeginn.

Wird eine medikamentöse Therapie angestrebt, müssen zur Auswahl des geeigneten Präparates individuelle Empfehlungen/Gegenanzeigen/Nebenwirkungen beachtet werden. Hierfür soll die aktuelle Fachinformation verwendet werden.

Liegt eine psychische Komorbidität (z.B. Depression) vor, sollte darauf geachtet werden, dass mit dem ausgewählten Therapieverfahren auch die komorbide Störung behandelt wird.
Es kann vorteilhaft sein, wenn auch Angehörige mit in die Behandlung des Betroffenen eingebunden werden. Hier ist selbstverständlich das Einverständnis des Patienten die Voraussetzung.
Grundsätzlich können bei Angststörungen psychotherapeutische Behandlungen, Pharmakotherapien oder eine Kombination aus beidem eingesetzt werden.

Psychotherapie

Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie basiert auf der Annahme, dass Menschen eine Situation individuell interpretieren und mit einer emotionalen Reaktion auf diese antworten. Diese Gefühle werden durch Kognitionen beeinflusst. Die Patienten sollen in der kognitiven Verhaltenstherapie lernen, zwischen ihren Gedanken und Emotionen zu unterscheiden. Ferner sollen sie verstehen, dass Emotionen und situationsunangemessenes Verhalten sich gegenseitig ungünstig beeinflussen können. Auftretende Gedanken sollen kritisch bewertet und hinterfragt werden, um beurteilen zu können, ob sie korrekt und/oder hilfreich sind. Zudem ist das Ziel der Therapie, dass die Patienten lernen, dysfunktionale Gedanken zu erkennen, zu unterbrechen und zu korrigieren. Die Konfrontation mit Stimuli, die Angst auslösen, ist ein wichtiger Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie. Je nach Angststörung können im Rahmen der kognitiven behavioralen Therapie unterschiedliche Therapiebestandteile zur Anwendung kommen.

Entspannungsverfahren

Entspannungsverfahren können als eigenständige Therapieform oder Bestandteil einer Verhaltenstherapie erfolgen. Es ist zu beachten, dass sie ihrerseits aber auch Angstsymptome wie beispielsweise Panikattacken auslösen können. Beispiele für Entspannungsverfahren sind die progressive Muskelrelaxation oder auch die Angewandte Entspannung („Applied Relaxation“).

Psychodynamische Therapieverfahren

Die psychodynamische Therapie hat sich insbesondere bei der Panikstörung, der generalisierten Angststörung und der sozialen Phobie als wirksam erwiesen. Sie wird von der Leitlinie empfohlen, „wenn sich eine kognitive Verhaltenstherapie nicht als wirksam erwiesen hat, nicht verfügbar ist, oder wenn der informierte Patient dies wünscht.“ Beispiele für psychodynamische Therapiemethoden sind die analytische Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Fokaltherapie oder auch die psychodynamische Gruppentherapie. So kann beispielsweise die panikfokussierte psychodynamische Psychotherapie bei Panikstörungen zur Anwendung kommen. Ziel ist es hier, dass die Patienten ihre somatischen Symptome verstehen und erkennen, dass diese einen, oft aus früheren Beziehungen stammenden, inneren Konflikt widerspiegeln, der nicht die aktuelle Realität abbildet.

Pharmakotherapie

In der Therapie der Angststörungen kann eine Pharmakotherapie zum Einsatz kommen. Zur Auswahl des Präparates sollten unter anderem die Zulassung/Indikation, Kontraindikationen, Wechselwirkungen und unerwünschte Wirkungen beachtet werden. Hierfür soll die aktuelle Fachinformation zu Rate gezogen werden. Die Leitlinie empfiehlt die Fortführung der Pharmakotherapie für 6-12 Monate nach Eintreten einer Remission.

Spezifische Therapieempfehlung

Panikstörung/Agoraphobie

Die Leitlinie empfiehlt beim Vorliegen einer Panikstörung/Agoraphobie die Initiierung einer Psychotherapie oder Pharmakotherapie.

Als Psychotherapie kommen beispielsweise eine kognitive Verhaltenstherapie ggf. mit Verwendung von Expositionselementen (beim Vorliegen von agoraphobischem Vermeidungsverhalten) oder auch eine psychodynamische Psychotherapie in Frage.

Als Pharmaka können für die Behandlung der Panikstörung/Agoraphobie gemäß der Leitlinie Citalopram, Escitalopram, Paroxetin, Sertralin oder Venlafaxin verwendet werden. Sollten diese nicht wirksam sein oder nicht vertragen worden sein, kann ein Therapieversuch mit dem trizyklischen Antidepressivum Clomipramin durchgeführt werden.

Ergänzend zu den obig genannten Therapieformen kann sportliche Betätigung zu einer positiven Beeinflussung des Krankheitsverlaufes führen.

Generalisierte Angststörung

Auch Patienten mit einer generalisierten Angststörung sollte die Durchführung einer Psychotherapie bzw. einer Pharmakotherapie angeboten werden.

Als wirksame Psychotherapien haben sich bei der generalisierten Angststörung die kognitive Verhaltenstherapie ggf. mit einer Applied Relaxation als zusätzliches Therapiemodul und die psychodynamische Psychotherapie erwiesen.

Im Rahmen der Pharmakotherapie sollte zunächst ein Therapieversuch mittels Escitalopram, Paroxetin, Venlafaxin oder Duloxetin erfolgen. Bei Patienten mit einer generalisierten Angststörung ohne Polytoxikomanie kann auch eine Behandlung mittels Pregabalin erfolgen. Sollten diese Wirkstoffe nicht zu dem gewünschten Erfolg führen, kann eine Therapie mittels Buspiron oder Opipramol versucht werden.

Soziale Phobie

Betroffenen einer sozialen Phobie sollte die Durchführung einer Psychotherapie bzw. einer Pharmakotherapie angeboten werden.

Als Psychotherapie sollte den Patienten zunächst eine kognitive Verhaltenstherapie angeboten werden. Wenn sich diese nicht als wirksam erweist, nicht verfügbar ist oder der Patient diese nicht wünscht, kann eine psychodynamische Psychotherapie zum Einsatz kommen.

Als Pharmaka können Patienten, die an einer sozialen Phobie leiden, die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Paroxetin, Sertralin oder Escitalopram bzw. der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin angeboten werden. Sollten diese Wirkstoffe nicht zu einem suffizienten Ergebnis führen, kann ein Therapieversuch mittels Moclobemid durchgeführt werden. Hierbei ist zu beachten, dass die Studienlage zu diesem Wirkstoff inkonsistent ist.

Spezifische Phobien

Die von der Leitlinie empfohlene Psychotherapie beim Vorliegen einer spezifischen Phobie ist die Expositionstherapie. Diese sollte idealerweise in vivo erfolgen, kann aber, wenn dies nicht möglich ist, auch als Virtuelle-Realität-Expositionstherapie angeboten werden. In Studien wurden meist 1-5 Therapiesitzungen (à Sitzungsdauer von 1-3 Stunden) durchgeführt.

Die Leitlinie empfiehlt den Einsatz einer Pharmakotherapie zur Behandlung einer spezifischen Phobie nicht. Für weiterführende Informationen wird auf die Fachliteratur/Leitlinie verwiesen.

Prognose

Angststörungen weisen in der Regel einen chronischen Verlauf auf. Während die Panikstörungen und generalisierte Angststörung einen phasenweisen Verlauf aufweisen, zeigt sich bei der sozialen Phobie ein eher durchgehender Verlauf. Die Angststörungen werden in der Regel mit dem Alter besser. Insbesondere nach dem 65. Lebensjahr zeigt sich eine deutliche Abnahme der Angstsymptome.

Je früher die Angststörung erkannt und therapiert wird, desto besser ist in der Regel die Prognose.

Faktoren, die die Prognose negativ beeinflussen, sind unter anderem Missbrauch von Alkohol, Drogen, das Vorhandensein einer weiteren psychischen Erkrankung, das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung, sowie ein geringer sozialer Rückhalt. Menschen mit Angststörungen können suizidgefährdet sein.

Prophylaxe

Es konnte gezeigt werden, dass Angststörungen des Kindes- und Jugendalters Risikofaktoren für psychische Störungen im Erwachsenenalter sind. Diese sollten daher frühzeitig behandelt werden, um ggf. zur Vorbeugung von psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter beitragen zu können. Gegebenenfalls kann der Erziehungsstil helfen, dem Auftreten von Angststörungen vorzubeugen. Wie hoch der Einfluss der Erziehung auf die Entwicklung von Angststörungen allerdings tatsächlich ist, ist derzeit noch unklar.

Hinweise

Menschen mit Angststörungen können suizidgefährdet sein.

Autor: Dr. med. Philipp Dworschak

Stand: 14.11.2019

Quelle:
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