Chronic Fatigue Syndrom (CFS)

Das Chronic Fatigue Syndrom (CFS) ist eine Erkrankung, die durch Abgeschlagenheit nach körperlicher oder mentaler Belastung (Post-Exertional Malaise) charakterisiert ist.

Synonyme

Chronisches Erschöpfungssyndrom, Chronisches Müdigkeitssyndrom, Myalgische Enzephalopathie, Myalgische Enzephalomyelitis, systemische Belastung-Intoleranz-Erkrankung (gemäß einem Vorschlag der IOM)

Definition

Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS)

Eine einheitliche Definition zu dem Chronic Fatigue-Syndrom fehlt bislang. In den meisten Definitionen des Chronic Fatigue Syndroms liegen als Gemeinsamkeiten vor:

  • Müdigkeit bzw. Erschöpfungsneigung meist seit mehr als sechs Monaten
  • Krankheitsbeginn vorhanden (Symptome bestehen noch nicht lebenslang)
  • Der Ausprägungsgrad der Symptome ist so stark, dass die körperliche, seelische und soziale Funktion und damit auch die Lebensqualität der Betroffenen signifikant beeinträchtigt ist.
  • Die Symptomatik wird durch körperliche, mentale oder emotionale Belastung verschlechtert.
  • Eine körperliche oder seelische Störung, die die Symptomatik erklären könnte, ist nicht vorhanden.

Das Institute of Medicine (IOM) schlägt eine Definition des Chronic Fatigue Syndroms vor, die sich auf die Hauptsymptome der Erkrankung beschränkt:

Gemäß der IOM müssen drei der folgenden Symptome für die Diagnosestellung dauerhaft vorhanden sein:

  • Eine neu aufgetretene substantielle Einschränkung der beruflichen, schulischen, sozialen oder persönlichen Aktivitäten, die länger als sechs Monate besteht und von Müdigkeit begleitet ist.
  • Abgeschlagenheit nach körperlicher Belastung
  • nicht erholsamer Schlaf

Zudem muss mindestens eines der folgenden zwei Symptome vorhanden sein:

  • kognitive Einschränkungen (z.B. Störungen des Gedächtnisses, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung [Verlangsamung])
  • orthostatische Intoleranz

Epidemiologie

Das chronische Müdigkeitssyndrom hat eine geschätzte Prävalenz von 0,1-0,42%. Es scheint eine Assoziation mit dem Auftreten eines Chronic Fatigue Syndrom und einem niedrigen Ausbildungsstand bzw. dem beruflichen Status der Betroffenen zu bestehen. Frauen sind von der Erkrankung häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung scheint zwei Altersgipfel aufzuweisen: 10-19 und 30-39 Jahre.

Ursachen

Bisher konnte keine klare Ursache des Chronic Fatigue Syndroms gefunden werden.

Es werden virologische, myogene, immunologische, autonom-neurologische, umweltmedizinische und psychische Hypothesen für die Ätiologie der Erkrankung postuliert, ohne dass eine davon allgemeingültig akzeptiert worden wäre.

Typischerweise wird ein plötzlicher Beginn nach einer Infektion berichtet. Dies wurde beispielsweise für die infektiöse Mononukleose, Enterovirus- und Denguefieberinfektionen, Q-Fieber und Borreliose beschrieben. Der Krankheitsbeginn des Chronic Fatigue Syndroms kann aber auch schleichend sein.

Die Erkrankung tritt häufig bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen wie z.B. einer rheumatoiden Arthritis und chronischen Infektionskrankheiten, wie z.B. einer Hepatitis auf.

Patienten berichten oft auch von Ereignissen wie Stress, psychischen Belastungen, Operationen oder einem Unfall, die mit dem Auftreten der Erkrankung assoziiert sind.

Pathogenese

Die Ursache des Chronic Fatigue Syndroms ist bisher nicht bekannt. Eine Hypothese postuliert, dass sie eine Multisystemerkrankung mit Dysregulation des Immunsystems, Nervensystems und des zellulären Energiestoffwechsels sei. Man vermutet eine gestörte Immunregulation mit persistierender Immunaktivierung. Zu dieser Aussage passend, konnten im Rahmen von Studien T-Zell Aktivierungen bei Betroffenen nachgewiesen werden.

Andere Studien konnten zeigen, dass bei der Erkrankung Autoantikörper z.B. gegen Neurotransmitter und Schilddrüsenproteine vorliegen.

Symptome

Die Patienten, die an einem Chronic Fatigue Syndrom leiden, weisen eine Vielzahl von Symptomen auf. Zu den prägnantesten zählen eine Einschränkung der beruflichen, schulischen, sozialen oder persönlichen Aktivität und Müdigkeit bzw. Abgeschlagenheit nach körperlicher und mentaler Belastung. Trotz der schweren Erschöpfung berichten die Patienten von Ein- und Durchschlafstörungen sowie einem nicht erholsamen Schlaf. Die Beschwerden bessern sich nicht durch Ruhe und Erholung. Die Patienten leiden an einer stark eingeschränkten Lebensqualität. Zudem weisen die Patienten häufig kognitive Einschränkungen auf. Diese können sich beispielsweise als Gedächtnis- oder Aufmerksamkeitsstörungen äußern. Auch eine Störung der Informationsverarbeitung/Verlangsamung wird häufig gesehen.

Viele Patienten äußern auch Schmerzen der Gelenke oder Muskeln sowie Kopf- oder Halsschmerzen. Auch eine Überempfindlichkeit gegen äußere Reize kann vorliegen. Ein hoher Prozentsatz der Patienten ist arbeitsunfähig.

Diagnostik

Die Diagnostik bei Verdacht auf das Vorliegen eines Chronic Fatigue Syndroms beginnt mit einer ausführlichen Anamnese.

Anamnese

Die Anamnese sollte mindestens die Symptomcharakteristika und assoziierte Beschwerden abfragen. Auch die Beeinträchtigung des Betroffenen im Alltag muss eruiert werden. Vorstellungen des Patienten zur Ätiologie und Behandlung sollten zudem abgefragt werden. Auch ob eine Infektion im zeitlichen Zusammenhang der Erkrankung steht, sollte ermittelt werden.

Die Leitlinie rät zudem unter anderem zur Erfassung von Vorerkrankungen und Tabakkonsum sowie der Abfragung der Medikamenten-und Schlafanamnese. Auch die soziale, familiäre und berufliche Situation sollte analysiert werden. Zudem sollten Umweltfaktoren, insbesondere Noxen, mit in der Anamnese abgefragt werden.

Während der Anamnese sollten zumindest mittels Screenings mögliche psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen erfasst werden.

Körperliche Untersuchung

Beim Vorliegen einer Müdigkeit empfiehlt die Leitlinie die körperliche Untersuchung von Abdomen, Lymphregionen, Herz, Puls, Blutdruck, Schleimhäuten, Atemwegen, Muskeltrophik,-kraft,-tonus,-eigenreflexen.

Eine orthostatische Intoleranz kann bei Chronic Fatigue Syndrom Patienten mittels Schellong Test objektiviert werden.

Laboruntersuchungen

Die DEGAM Leitlinie empfiehlt bei der diagnostischen Abklärung des Leitsymptoms Müdigkeit folgende Laboruntersuchungen: Blutglukose, Blutbild, Blutsenkung/CRP (C-reaktive Protein), Transaminasen oder γ-GT, TSH.

Diagnostische Kriterien des Chronic Fatigue Syndroms

Eine Schwierigkeit in der Diagnostik der Erkrankung ist, dass derzeit kein definitiver Test (z.B. Laboruntersuchung) oder diagnostischer Referenzstandard existiert. Die Diagnose wird klinisch gestellt.
Das Institute of Medicine (IOM) schlägt hierfür folgende Kriterien vor, von denen die drei folgenden Symptome für die Diagnosestellung dauerhaft vorhanden sein müssen:

  • Eine neu aufgetretene substantielle Einschränkung der beruflichen, schulischen, sozialen oder persönlichen Aktivitäten, die länger als sechs Monate besteht und von Müdigkeit begleitet ist.
  • Abgeschlagenheit nach körperlicher oder mentaler Belastung (Post-Exertional Malaise)
  • nicht erholsamer Schlaf

Zudem muss mindestens eines der folgenden zwei Symptome vorhanden sein:

  • kognitive Einschränkungen (z.B. Störungen des Gedächtnisses, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung [Verlangsamung])
  • orthostatische Intoleranz

Alternativ existieren kanadische Konsenskriterien (CCC) für die Diagnosestellung des Chronic Fatigue Syndroms. Für einige Wissenschaftler erfassen diese Konsenskriterien die Chronic Fatigue Syndrom Fälle am genauesten.

Zur Abschätzung des Ausmaßes der Beeinträchtigung des Patienten kann das Führen eines Symptomtagebuches hilfreich sein.

Eine Diagnosestellung ist für die Patienten wichtig, da sie hierdurch häufig eine Entlastung verspüren und ihre Symptome anerkannt sehen.

Differentialdiagnosen

Wichtige Differentialdiagnosen zum Leitsymptom Müdigkeit sind beispielsweise die Hypothyreose, obstruktives Schlafapnoe Syndrom, Rheuma oder auch Depressionen.

Auch Tumorerkrankungen oder Autoimmunerkrankungen können mit Müdigkeit einhergehen.

Für weiterführende Informationen wird auf die Fachliteratur verwiesen.

Therapie

Derzeit existiert keine spezifische kausale Therapie für das Chronic Fatigue Syndrom. Den Patienten werden in der Praxis oft psychologische Interventionen oder auch aktivierende Verfahren angeboten. Beschwerden wie Schlafprobleme, Schmerzen, wiederkehrende Infektionen und die orthostatische Intoleranz können symptomatisch behandelt werden.

Einzelne Studien konnten einen positiven Effekt durch aerobes Training nachweisen. Aktivierende Maßnahmen zielen darauf ab, den Teufelskreis aus Müdigkeit, Inaktivität und deren körperlichen Folgen zu durchbrechen.

Kritiker merken an, dass aktivierende Verfahren zu einer Verschlechterung der Symptome beitragen können und daher in ihren Augen kontraindiziert sind. Der Hintergrund für diese Kritik ist, dass mit dem Krankheitssymptom der Post-Exertional Malaise eine ausgeprägte Belastungsintoleranz verbunden ist. Die Leitlinie empfiehlt daher die Art und das Ausmaß der Aktivierung unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten individuell festzulegen, um die engen Belastungsgrenzen der Patienten einzuhalten. Eine Überlastung der Patienten ist zu vermeiden.

Medikamentöse Therapie

Wenn bei den Patienten gleichzeitig depressive Anteile vorhanden sind, können diese durch das Antidepressivum Fluoxetin positiv beeinflusst werden. Ansonsten ist der Wirkstoff bei dem Chronic Fatigue Syndrom nicht wirksam.

Einzelne Studien konnten positive Effekte für essentielle Fettsäuren, orales NADH, intramuskulär verabreichtes Magnesiumsulfat und Nystatin zeigen. Die Leitlinie beurteilt die Ergebnisse noch zurückhaltend und wartet für eine mögliche Empfehlung weitere Studien diesbezüglich ab.

Sollten weitere Symptome wie z.B. Schlafstörungen oder Schmerzen vorliegen empfehlen die Experten der Leitlinie diese auch zu behandeln.

Verhaltenstherapie

Auch kognitiv-behaviorale Verfahren konnten als wirksam in der Therapie des Chronic Fatigue Syndroms gezeigt werden.

Die Grundlage der kognitiv-behavioralen Therapie (KVT) ist die Annahme, dass bewusste Gedanken, Auffassungen und Verhaltensweisen eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von psychischen und somatischen Erkrankungen spielen. Das Ziel der verhaltenstherapeutischen Ansätze ist es daher, negative krankheitsrelevante Kognitionen zu überwinden.

Für weiterführende Informationen wird auf die Fachliteratur/Leitlinie verwiesen.

Prognose

Das Chronic Fatigue Syndrom ist eine chronische Erkrankung, die sich aber nach Monaten bis Jahre wieder spontan bessern kann. Die Erkrankung weist jedoch eine hohe Rezidivrate auf. Eine spezifische Therapie für die Erkrankung liegt derzeit nicht vor.

Prophylaxe

Da die Ätiologie des Chronic-Fatigue Syndroms nicht klar ist, existiert derzeit auch keine spezifische Prophylaxe für die Erkrankung.

Hinweise

Manche Patienten sind durch die Krankheit so stark eingeschränkt, dass sie sogar arbeitsunfähig sind.

Autor: Dr. med. Philipp Dworschak

Stand: 14.11.2019

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