Fibromyalgie

Die Fibromyalgie stellt ein chronisches Schmerzsyndrom dar, welches durch die Druckschmerzhaftigkeit von Tender Points, das Auftreten von vegetativen Symptome sowie funktionellen Beschwerden charakterisiert ist.

Synonyme

Fibromyalgiesyndrom, generalisierte Tendomyopathie

Definition

Fibromyalgie

Die Definition des Fibromyalgiesyndroms wurde in den Kriterien des American College of Rheumatology (ACR) durch chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen sowie Druckschmerzhaftigkeit von mindestens 11 von 18 Tender Points festgelegt.

Es gilt gemäß der Leitlinie als funktionelles somatisches Syndrom, welches durch einen typischen klinischen Verlauf mit definierter Zeitdauer, jedoch ohne einen die Symptome ursächlich erklärenden somatischen Krankheitsfaktor charakterisiert ist.

Epidemiologie

In einer Stichprobe der deutschen Population aus dem Jahr 2013 lag die Punkt-Prävalenz der Erkrankung bei 2,1%. Frauen sind häufiger von der Erkrankung betroffen. Der Altersgipfel der Erkrankung liegt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr.

Ursachen

Auf der Basis der aktuellen Studienlage kann keine eindeutige Ätiologie des Fibromyalgiesyndroms ausgemacht werden.

Es sind Faktoren identifiziert worden, die mit einem Fibromyalgiesyndrom assoziiert sein können. Als biologische Faktoren sind diesbezüglich beispielsweise entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Genpolymorphismen des 5HT2-Rezeptors oder auch ein Vitamin D-Mangel zu nennen. Auch Lebensstilfaktoren (z.B. Rauchen, Übergewicht und/oder mangelnde körperliche Aktivität) könnten bei der Fibromyalgieentstehung eine Rolle spielen.

Zudem stehen auch psychische Faktoren (z.B. körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch/Gewalt und depressive Störungen) in Verdacht mit einem Fibromyalgiesyndrom assoziiert zu sein.

Pathogenese

Die aktuelle Studienlage erlaubt zum jetzigen Zeitpunkt keine eindeutige Aussage zur Pathogenese des Fibromyalgiesyndroms.

Das Konzept der zentralen Sensibilisierung gilt heute als wesentlicher pathophysiologischer Faktor für die Fibromyalgie. In Studien konnten u.a. mittels Magnetresonanztomographie Veränderungen und Alterationen der Aktivität verschiedener Hirnregionen gezeigt werden, die für die Schmerzverarbeitung wichtig sind.

Eine Metaanalyse von neun Fallkontrollstudien zeigte zudem eine signifikant niedrigere Konzentration von N-Acetylaspartat im Hippocampus im Vergleich gesunden Probanden. Weitere Fallkontrollstudien demonstrierten eine reduzierte distale intraepidermale Nervenfaserdichte bei Fibromyalgiepatienten. Auch eine quantitativ sensorische Testung fand eine Funktionseinschränkung der kleinkalibrigen Nervenfasern. Diese Befunde sind allerdings nicht spezifisch für das Fibromyalgiesyndrom.

Zudem ist heutzutage ein sogenanntes biopsychosoziales Modell bei der Pathogenese der Fibromyalgie anerkannt. Physikalische und/oder biologische und/oder psychosoziale negative Faktoren (Stressoren) lösen bei entsprechender Prädisposition Reaktionen aus, aus denen die typischen Fibromyalgiesymptome wie Schmerz, Müdigkeit und Schlafstörungen resultieren können.

Symptome

Der Begriff Fibromyalgie bedeutet Muskel-Faser-Schmerz und spiegelt die Symptome der Erkrankung gut wider: Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen, Schlafstörungen bzw. nicht-erholsamer Schlaf sowie Müdigkeit bzw. Erschöpfungsneigung (physisch und psychisch) stellen die Hauptsymptome des Fibromyalgiesyndroms dar.

Die Patienten beschreiben meist tiefsitzende, brennende, beißende Muskel- und Gelenkschmerzen wechselnder Lokalisation und Rückenschmerzen. Oft berichten die Patienten über eine Morgensteifigkeit. Sie fühlen sich häufig antriebsschwach und zerschlagen. Zudem zeigen die Patienten eine Konzentrationsschwäche sowie Vergesslichkeit. Aussagen zur exekutiven Funktion (Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis) von Patienten, die an einer Fibromyalgie leiden, sind derzeit auf Grund der Datenlage aus Studien, die nur eine kleine Fallzahl und fehlender Kontrolle des Einflusses von Depression, Angst und zentralwirksamen Medikamenten aufweisen, nur eingeschränkt möglich. Zudem kann das Fibromyalgiesyndrom mit depressiven Störungen und Angststörungen assoziiert sein.

Diagnostik

Die Diagnose Fibromyalgiesyndrom wird klinisch gestellt und sollte gemäß der AWMF-Leitlinie anhand der ACR-1990 bzw. den vorläufigen modifizierten ACR 2010 Kriterien gestellt werden. Sie beruht auf der Anamnese mit ihren typischen Symptomen, der klinischen Untersuchung sowie dem Ausschluß von körperlichen Erkrankungen, durch welche die Symptome ausreichend erklärt werden könnten.

Bei der Erstevaluation des Betroffenen sollte eine Schmerzskizze ausgefüllt werden, sowie der Fibromyalgie-Symptomfragebogen ausgefüllt werden. Weitere Kernsymptome (Müdigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen) müssen aktiv exploriert werden. Zudem sollte eine Medikamentenanamnese erfolgen.

Zum Ausschluss von körperlichen Ursachen der Beschwerden sollte eine vollständige körperliche Untersuchung (inklusive Haut, neurologischer und orthopädischer Status) sowie ein Basislabor (inklusive Entzündungsparameter, Kreatininkinase, Kalzium, Thyreoidea-stimulierendem Hormon basal sowie dem 25-OH-Vitamin D) erfolgen.
Bei typischen Symptomen sowie dem fehlenden klinischen Hinweis auf internistische, orthopädische oder neurologische Pathologien sollte von weiterer technischer Diagnostik (inklusive Bildgebung, Neurophysiologie oder weiterführendem Labor) abgesehen werden.

Da die häufigsten Komorbiditäten eines Fibromyalgiesyndroms Angst und depressive Störungen darstellen, sollte diesbezüglich ein Screening beispielswiese via Fragebogen (z.B. mit Hilfe des PHQ-4) erfolgen.

Schweregrade

Das Fibromyalgiesyndrom kann anhand klinischer Charakteristika in Verlaufsformen unterschiedlicher Schweregrade eingeteilt werden. Eine allgemein anerkannte Schweregradeinteilung gibt es derzeit jedoch nicht.

Zur Graduierung der Schweregrade können verschiedene krankheitsspezifische Instrumente wie beispielsweise der Fibromyalgia Impact Questionnaire und der Fibromyalgiesymptomfragebogen oder auch allgemeine Instrumente wie der Patient Health Questionnaire 15 verwendet werden.

Therapie

Ziele der Therapie des Fibromyalgiesyndroms sind die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten. Allgemein lässt sich festhalten, dass die Therapie aus Verfahren bestehen sollte, für die eine wissenschaftliche Evidenz nachgewiesen werden konnte und die selbst möglichst wenige Nebenwirkungen haben.

Patienten, bei denen die Diagnose Fibromyalgiesyndrom gestellt wird, sollten diese Diagnose auch erfahren, um die Grundlage für eine angemessene Krankheitsbewältigung zu schaffen. Der Beschwerdekomplex der Patienten kann zu teils langwieriger und frustraner Diagnostik und Therapie führen und der Erhalt einer Diagnose kann für die Patienten entlastend wirken.

Die Patienten sollten zudem darüber informiert werden, dass keine organische Krankheit, sondern eine funktionelle Störung ihren Beschwerden zu Grunde liegt. Pathophysiologische Zusammenhänge anhand des biopsychosozialen Krankheitsmodells sollten den Patienten außerdem erklärt werden. Ferner sollten die Patienten darauf hingewiesen werden, dass ein Fibromyalgiesyndrom mit einer normalen Lebenserwartung einhergeht.

Aktivitäten können die Beschwerden der Betroffenen lindern. Die Patienten sollten also eine Schulung (Edukation) über das Krankheitsbild und dessen Behandlung erhalten. Patientenschulungen stehen meist am Beginn der Therapie. In Deutschland gibt es allerdings aktuell keine einheitlichen Schulungsprogramme. Als hilfreich und vorbereitend für aktive und aktivierende Therapien (z.B. Bewegungstherapie und kognitive Verhaltenstherapie) erwiesen hat sich auch die sogenannte Psychoedukation, welche zusätzlich Informationen/Motivation zum Selbstmanagement (z.B. körperlicher Aktivität, Stressreduktion) enthält. Einen fließenden Übergang hierzu bildet die kognitive Verhaltenstherapie, die den Patienten zusätzlich noch Übungen/Hausaufgaben zur Verhaltensänderung mit an die Hand gibt.

Vor Beginn einer Therapie sollten mit den Betroffenen individuelle, realistische Therapieziele erarbeitet werden. Patienten mit Fibromyalgiesyndrom haben häufig hohe Erwartungen an eine medikamentöse Schmerzreduktion. Ferner empfiehlt die Leitlinie im Rahmen der partizipativen Entscheidungsfindung den Nutzen/Schaden von nicht-medikamentösen und medikamentösen Therapiemöglichkeiten mit dem Patienten zu erörtern. Zudem sollten komorbide psychische Störungen und körperliche Krankheiten entsprechend den geltenden Leitlinien behandelt werden.

Therapie entsprechend der Schweregrade

Leichte Formen des Fibromyalgiesyndroms

Die Patienten mit einer leichten Form des Fibromyalgiesyndroms sollten zu körperlicher und psychosozialer Aktivierung (z.B. Pflegen von Hobbys und sozialen Kontakten) angeregt werden.

Schwere Verläufe des Fibromyalgiesyndroms

Bei Patienten, die an einer schweren Verlaufsform eines Fibromyalgiesyndroms leiden, sollten eine multimodale Therapie (mindestens ein körperlich aktivierendes Verfahren mit mindestens einem psychotherapeutischen Verfahren) sowie eine zeitlich befristete medikamentöse Therapie angeboten werden. Es sollte angestrebt werden, nach spätestens sechs Monaten Dauer der medikamentösen Therapie die Medikamente zu reduzieren, mit dem Ziel diese absetzen zu können.

Physikalische Verfahren/Physiotherapie/Ergotherapie

Die Betroffenen sollen ihre Beweglichkeit aufrecht erhalten. Patienten sollten, sofern dies ihre Beschwerden bessert, ein Ausdauertraining empfohlen bekommen. Ebenso wird in der Leitlinie eine Empfehlung zur Durchführung von Wassergymnastik als möglicher Therapiebestandteil beim Fibromyalgiesyndrom ausgesprochen. Zudem werden Trockengymnastik und ein Funktionstraining empfohlen. Das Funktionstraining umfasst Trocken- und Wassergymnastik in Gruppen unter physiotherapeutischer Anleitung.

Weitere mögliche Therapieformen, die in geringerem Ausmaß in der Leitlinie empfohlen werden, umfassen beispielsweise Krafttraining oder auch eine Spa-Therapie.

Psychotherapie

Die Leitlinie empfiehlt die Durchführung einer Psychotherapie bei Fibromyalgiepatienten, die eine maladaptive Krankheitsbewältigung oder relevante Modulation der Beschwerden durch Alltagsstreß und/oder interpersonelle Probleme zeigen und/oder komorbide psychische Störungen aufweisen.

Ein empfohlenes Therapieverfahren ist vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. Hierbei lernen die Patienten mit ihrer Krankheit besser umzugehen, ungünstiges Verhalten zu realisieren sowie zu ändern.

Medikamentöse Therapie

In Deutschland ist kein Medikament explizit für die Behandlung der Fibromyalgie zugelassen. Vor der Aufnahme einer medikamentösen Therapie muss das Risiko/Nutzen-Profil sehr genau beachtet werden, da fast alle Medikamente seltene schwerwiegende Nebenwirkungen haben können und die Fibromyalgie eine Erkrankung ist, bei der eine normale Lebenserwartung vorliegt. Zu beachten ist weiterhin, dass mit aerobem Training sowie kognitiver Verhaltenstherapie die gleiche Wirksamkeit bezüglich des Schmerzes und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität erreichen lässt wie bei einer medikamentösen Therapie. Die medikamentöse Therapie sollte zeitlich befristet werden.

Die Leitlinie empfiehlt folgende Medikamente gemäß ihres Wirkprofils/Nebenwirkungsprofils sowie gemäß ihrer Indikationen für die medikamentöse Behandlung des Fibromyalgiesyndroms in Betracht zu ziehen:

In Erwägung gezogen werden kann zudem eine Therapie mit:

  • Quetiapin (mit komorbider Major Depression bei fehlendem Ansprechen auf Duloxetin)
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (mit komorbider depressiver und Angststörung).

Komplementäre und alternative Behandlungsverfahren

Die Leitlinie empfiehlt den Einsatz folgender komplementärer und alternativer Behandlungsverfahren:

  • Meditative Bewegungstherapie (z.B. Tai-Chi, Qi-Gong, Yoga)
  • Der Einsatz von Akupunktur kann erwogen werden.

Für weitere Informationen wird auf die Leitlinie verwiesen.

Prognose

Die Fibromyalgie geht mit einer normalen Lebenserwartung einher.  Die Erkrankung kann nicht geheilt werden, aber kann sich unter konsequenter Therapie und adaptierter Lebensführung deutlich bessern.

Die Patienten sollten einer adäquaten Therapie zugeführt werden, da bei nicht ausreichend gelinderten Symptomen der Leidensdruck mitunter sehr hoch sein kann. Je früher ein Fibromyalgiesyndrom erkannt wird, desto größer ist meist der Behandlungserfolg. Häufig reduzieren sich die Symptome nach dem 60. Lebensjahr.

Prophylaxe

Die Ätiologie und Pathogenese des Fibromyalgiesyndroms sind derzeit nicht bekannt. Eine Prophylaxe der Erkrankung ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich.

Hinweise

Das Fibromyalgiesyndrom hat häufig zusätzlich zu den Beschwerden der Patienten noch negative Auswirkungen auf das soziale und berufliche Umfeld der Betroffenen.

Autor: Dr. Philipp Dworschak (Arzt)

Stand: 23.05.2019

Quelle:
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