Lyme-Borreliose

Die Lyme-Borreliose ist eine durch Bakterien ausgelöste Infektionskrankheit. Sie kann akut oder chronisch verlaufen. Das häufigste Erkennungsmerkmal ist die Wanderröte. Wird der eigene Körper auf Zecken abgesucht, nachdem man sich in der Natur aufgehalten hat, lässt sich die Infektionswahrscheinlichkeit deutlich verringern.

Inhaltsverzeichnis

Synonyme

Lyme-Krankheit, Borreliose

Definition

Borrelien

Die Lyme-Borreliose ist eine Infekionskrankheit. Sie wird ausgelöst durch Borrelien und zählt zu den Zoonose. Zoonosen sind Erkrankungen, die von Tieren auf Menschen und von Menschen auf Tiere übertragen werden können. Erregerreservoir sind Mäuse und Vögel, aber auch Reptilien, Igel, Füchse oder Kaninchen. Übertagen wird die Erkrankung durch Zeckenstiche, der Vektor ist in Europa die Zecke Ixodes ricinus.

Epidemiologie

Die Lyme-Borreliose kommt überall in den gemäßigten Breiten der nördlichen Hemisphäre vor. Epidemiologische Zahlen gibt es nur relativ wenig, da die Erkrankung in Deutschland ausschließlich in neun Bundesländern meldepflichtig ist. Dazu zählen Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In diesen Bundesländern mit Meldepflicht liegt die Inzidenz zwischen 25 und 50 Erkrankungen pro 100.000 Einwohnern. Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland jährlich jedoch 60.000 bis 200.000 Menschen an einer klinisch feststellbaren Lyme-Borreliose.

Die Frühmanifestation zeigt sich in 89% der Fälle als Erythema migrans und in 3% der Fälle als disseminiertes Erythema migrans. 2% entwickeln ein Borrelien-Lymphozytom, 3% eine frühe Neuroborreliose und weniger als 1% eine Herzerkrankung. Im späteren Verlauf der Krankheit kommt es bei 5% der Patienten zu einer Lyme-Arthritis.

Infektionsrisiko

Zecken werden ab einer Temperatur von etwa 6°C aktiv. Das Infektionsrisiko ist deshalb in den Monaten von April bis Ende September am höchsten. Gemessen an der Häufigkeit von Erythema migrans treten besonders im Juni und Juli Borrelioseinfektionen auf. Die Neuroborreliose hat ihre Hochzeit im Juli und August.

In einer Studie aus Deutschland und der Schweiz wurden bei 2,6 bis 5,6% der Zeckenstiche Antikörper gegen Borrelien im Blut der Betroffenen nachgewiesen. Laut Robert-Koch-Institut ist jedoch nur bei 0,3 bis 1,4% der Menschen damit zu rechnen, dass klinische Symptome ausgebildet werden. Nichtsdestotrotz haben vermutlich 7% der 14- bis 17-Jährigen borrelienspezifische Antikörper im Blut, ohne Symptome einer Borreliose zu zeigen. Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Borrelien-positiven Menschen. Unter den 70- bis 79-Jährigen sind Hochrechnungen zufolge 24,5% der Männer und 16,4% der Frauen seropositiv.

Ursachen

Die Ursache der Lyme-Borreliose ist eine Infektion mit Bakterien des Genus Borrelia. Dazu zählen Borrelia burgdorferi sensu stricto, Borrelia garinii, Borrelia bavariensis, Borrelia afzelii und Borrelia spielmanii. In Europa finden sich alle fünf Arten der Borrelien. Übertragen auf den Menschen wird die Lyme-Borreliose durch einen Zeckenstich eines infizierten Tieres.

Pathogenese

Sticht eine mit Borrelien infizierte Zecke einen Menschen, können die Erreger auf den Menschen übertragen werden. Dafür wandern sie aus dem Verdauungstrakt der Zecke in ihre Speicheldrüsen und werden von da in die Haut des Menschen übertragen. Wird die Zecke schnell entfernt, ist eine Übertragung weitestgehend ausgeschlossen. Die Übertragungswahrscheinlichkeit steigt jedoch stark an, wurde die Zecke nach 24 Stunden immer noch nicht entfernt.

Nachdem die Borrelien in die Haut eingedrungen sind, breiten sie sich konzentrisch um den Stich aus. Das Immunsystem erkennt vor allem die Oberflächen-Proteine, die sogenannten Osp-Lipoproteine, der Borrelien. Dadurch werden Komplement-System, Makrophagen und dendritische Zellen aktiviert und inflammatorische Zytokine freigesetzt. Später bildet sich eine spezifische Immunantwort  mit Borrelien-spezifische Antikörper aus. Wie gut das Immunsystem auf den Erreger reagieren kann, hängt auch von den Evasionsstrategien ab, mit denen sich die Borrelien dem Immunsystem entziehen. Sie können zum Beispiel ihre Zelloberfläche maskieren und je nach Umgebung anpassen. Dadurch erschweren sie es dem Immunsystem, eine ausreichende Reaktion auszubilden, und können besonders lange im Wirtskörper bleiben.

Gelingt es den Erregern, das Immunssystem zu umgehen, können sie bereits frühzeitig in andere Körperregionen streuen und dort ebenfalls Infektionen verursachen.

Symptome

Die Lyme-Borreliose hat viele Gesichter. Bis sich erste Symptome zeigen, können nach dem Zeckenstich Wochen bis Jahre vergehen. In der Frühmanifestation, der lokalisierten Infektion, tritt vor allem das charakteristische Erythema migrans an der Haut auf. Dabei handelt es sich um eine konzentrische Hautrötung von mindestens fünf Zentimetern im Durchmesser mit zentraler Abblassung. Die Einstichstelle liegt meist zentral im Erythema. Es tritt bei 89% der Lyme-Borreliosen auf. In den meisten Fällen heilt das Erythem auch unbehandelt innerhalb von Wochen wieder aus. Dennoch ist bei Auftreten des Erythema migrans eine antibiotische Therapie nötig (siehe Kapitel zur Therapie), da es sonst zur disseminierten Erkrankung kommt. Es können jedoch schon im Frühstadium Fieber, Mylagien, Athralgien und Lymphknotenschwellungen parallel auftreten. Auch ein Borrelien-Lymphozytom kann in diesem Stadium auftreten, das sich durch bläulich-rötliche Knoten vor allem an Ohrläppchen, Brustwarze und Hodensack äußert.

Bei ca. 10% der Patienten geht die Frühmanifestation nach zwei bis zwölf Wochen in ein früh disseminiertes Stadium über. An der Haut manifestiert sich die Lyme-Borreliose als multiple Erythema migrantia und Borrelien-Lymphozytome. Zusätzlich können grippeartige Symptome mit Muskel- und Gelenkschmerzen, Fieber, Müdigkeit, Lymphknotenschwellungen, Leistungsminderung und Kopfschmerzen auftreten, wenn die Borreliose sich auf weitere Organe ausbreitet. Ist das Nervensystem befallen, entsteht eine Neuroborreliose, die sich auch als lymphozytäre Meningits, Meningoradikulitis Bannwarth, Hirnnervenparesen oder Myelitis bemerkbar macht. Auch Ophthalmoborreliosen, Myositiden, akute Karditis mit AV-Block und akute intermittierende Lyme-Arthritis werden in diesem Stadium berichtet.

Im Spätstadium kommt es an der Einstichstelle zu einer Acrodermatitis chronica mit Ödemen, zunehmender Atrophie aller Hautschichten und Hautanhangsgebilde der betroffenen Stelle. 40-60% der betroffenen Patienten entwickeln zusätzlich eine periphere Neuropathie mit Taubheitsgefühl, Kribbelparästhesien, Brennen und gesteigertem Schmerzempfinden. Betroffen sind vorrangig ältere Frauen.

Manifestiert sich die Erkrankung in anderen Organen als der Haut, treten rheumatologische Symptome auf und die Lyme-Arthritis. Meist ist das dem Erythema migrans benachbarte Gelenk betroffen. Sehr selten wurden auch chronische Enzephalomyelitiden und zerebrale Vaskulitiden beobachtet.

Diagnostik

Eine erste klinische Verdachtsdiagnose kann symptomatisch gestellt werden. Spezifische Krankheitssymptome wie das Erythema migrans sind dabei ausschlaggebend.

Die endgültige Diagnose wird anhand der Labordiagnostik gestellt. Mittels Blutprobe können die Borreliose-Erreger nachgewiesen werden. Bei einer Neuroborreliose ist eine Liquorprobe notwendig. Mit dem Serum der Blutprobe bzw. mit dem Liquor wird eine Stufendiagnostik durchgeführt. Im ersten Schritt wird mit einem Immunassay wie ELISA oder CLIA der Suchtest durchgeführt. Im zweiten Schritt erfolgt anhand eines Immunoblots der Bestätigungstest.

Drei bis sechs Wochen nach Krankheitsbeginn sind bereits spezifische IgM-Antikörper nachweisbar, Wochen bis Monate nach Krankheitsbeginn auch IgG-Antikörper. Ein positiver Borrelien-spezifischer Antikörperwert muss jedoch nicht immer auf eine aktive Erkrankung hinweisen: Niedrige Werte können auch Zeichen einer bereits früher überstandenen Infektion sein und auf eine Seronarbe hinweisen (Cave: Reinfektion möglich!). Positive Werte erlauben deshalb keine Aussage über die Aktivität der Infektion und sollten nur zusammen mit dem klinischen Bild betrachtet werden.

Therapie

Therapie der Wahl bei kutaner Lyme-Borreliose ist die Behandlung mit Antibiotika. Das Antibiotikum richtet sich dabei nach dem Stadium der Erkrankung.

Die kutane Frühmanifestation wird für 10 bis 21 Tage mit Doxycyclin oder Amoxicillin als erste Wahl behandelt. Die Dauer der Therapie richtet sich nach der Schwere der klinischen Symptome. Die Einnahme erfolgt oral. Während der Einnahme sollte auf Milchprodukte verzichtet und der Patient über mögliche phototoxische Hautreaktionen aufgeklärt werden. Eine weitere Option ist das Cephalosporin Cefuroxim. Als Alternative wird Azithromycin empfohlen, in einer randomisierten offenen Vergleichsstudie hat sich auch Clarithromycin bewährt.

Die kutane Spätmanifestation kann ebenfalls oral mit Doxycyclin oder Amoxicillin behandelt werden, solange keine neurologischen Symptome beobachtet werden. Die Therapie sollte jedoch über 30 Tage durchgeführt werden. Ist es bereits zu neurologischer Beteiligung – der Neuroborreliose – gekommen, wird Penicillin G, Ceftriaxon oder Cefotaxim intravenös verabreicht.

Von den Behandlungsoptionen wird während einer Schwangerschaft oder Stillzeit die orale Therapie mit Amoxicillin empfohlen. Alternativ können intravenös Penicillin G und Ceftriaxon angewendet werden. Besteht eine Penicillinallergie stehen Azithromycin oder Cefuroximaxetil nach strenger Risiko-Nutzen-Abwägung zur Verfügung. Intravenös kann im klinischen Setting unter Überwachung auch Ceftriaxon intravenös gegeben werden.

Kinder ab dem neunten Lebensjahr werden ebenfalls mit Doxycyclin behandelt, jüngere mit Amoxicillin. Als Alternative können Cefuroximaxetil, Azithromycin oder Clarithromycin eingesetzt werden.

Prognose

Sowohl die lokalisierte als auch disseminierte Frühmanifestation einer Lyme-Borreliose an der Haut ist mit den klassischen Behandlungsschemata gut behandelbar. In 95 bis 100% der Fälle verschwinden die krankheitsspezifischen Symptome vollständig nach erfolgreicher Therapie. Ein Therapieversagen wurde bisher nur selten beobachtet. Auch Antibiotikaresistenzen sind wenig bekannt.

Unbehandelte Spätmanifestationen haben ein höheres Risiko, dauerhafte Schäden an Haut, Gelenken und Nervensystem zu verursachen. Die Prognose ist dort abhängig vom Zeitpunkt der Behandlung.

Prophylaxe

Die derzeit einzig wirksame Prophylaxe gegen Lyme-Borreliose ist, bedeckende Kleidung zu tragen, wenn man sich im Freien aufhält. Anschließend sollte der Körper sorgfältig nach Zecken untersucht werden und diese frühzeitig entfernt werden. Bisher wurde selten beobachtet, dass Borrelien in den ersten zwölf Stunden nach einem Zeckenstich übertragen wurden. Entfernt werden sollten die Zecken mit einer Zeckenpinzette oder Zeckenkarte. Wichtig dabei ist, die voll gesaugten Nymphen oder erwachsene Zecken beim Entfernen nicht zu quetschen. Bleiben Kopf oder Stechapparat dabei in der Haut, ist dies bezüglich einer Borrelienübertragung unbedenklich. Über die kommenden sechs Wochen sollte der Patient die Einstichstelle noch beobachten.

Eine prophylaktische Therapie nach Zeckenstich wird nicht empfohlen. Da das Risiko einer Infektion vergleichsweise gering ist, lohnen sich weder lokale noch systemische Antibiotikatherapien. Auch die entfernten Zecken untersuchen zu lassen wird nicht empfohlen, da ein positiver Nachweis von Borrelien in der Zecke keine Infektion und ein negatives Ergebnis nicht zwangsläufig Entwarnung bedeuten.

Repellents sind zur Zeckenabwehr eingeschränkt wirksam. Ihre Wirkdauer ist jedoch relativ kurz. Eine Impfung gibt es jedoch derzeit für den Menschen nicht. Auch eine einmal durchgemachte Borrelieninfektion bietet keinen dauerhaften Schutz. Deshalb können Reinfektionen vorkommen.

Hinweise

In Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Lyme-Borreliose meldepflichtig.

Autor: Sonja Klein (Medizinjournalistin)

Stand: 05.06.2019

Quelle:
  1. Robert-Koch-Institut. Lyme-Borreliose – RKI-Ratgeber [Internet] 25. April 2019. [zitiert am 30.04.2019]. URL: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_LymeBorreliose.html#doc2398672bodyText3
     
  2. Suerbaum S. et al. Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. Heidelberg: Springer-Verlag GmbH; 2016: 367-374.
     
  3. S3-Leitlinien. AWMF 030/071 Neuroborreliose. Deutsche Gesellschaft für Neurologie [Internet]. 21. März 2018 [zitiert am 30.04.2019]. URL: https://www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2018/PDFs_Download/030071_LL_Neuroborreliose_2018.pdf
     
  4. S3-Leitlinien. AWMF 013-080. Lyme Borreliose – Diagnostik und Therapie. Deutsche Gesellschaft für Neurologie [Internet]. März 2016 [zitiert am 30.04.2019]. URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/013-044l_S2k_Kutane_Lyme_Borreliose_2016-05.pdf
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