Windpocken (Varizellen)

Varizellen bzw. Windpocken gehören zu den akuten systemischen Infektionskrankheiten, die hauptsächlich Kinder betreffen. Typische Symptome sind juckende Papeln und Bläschen auf der Haut, die unter Krustenbildung abheilen. Die wirksamste Präventivmaßnahme ist die Impfung.

Synonyme

Varicella, Varicellen, Windpocken, Wasserpocken, Spitzblattern, Feuchtblattern, Schafblattern, wilde Blattern

Definition

Windpocken Kind

Varizellen (ICD-10 B01.-) sind eine durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragende akute systemische Infektionskrankheit mit dem Varicella-zoster-Virus (VZV). Die Erkrankung hat im Volksmund viele Bezeichnungen, unter anderem Wasserpocken, Feucht- und Schafblattern. Am gebräuchlichsten ist heute der Ausdruck Windpocken. Der Name bezieht sich auf die Übertragung der Erreger. Die Viren werden über mehrere Meter durch die Luft bzw. den Wind transportiert und gelangen so zum nächsten Patienten. An Varizellen erkranken vorzugsweise Kinder im Vorschulalter. Hinweisgebende Symptome sind stark juckende Makulae, Papeln und Bläschen. Diese trocknen innerhalb einer Woche und heilen in der Regel narbenlos ab. Die Stadien bis zur Verkrustung verlaufen nicht einheitlich, sodass sich das für Windpocken typische Sternenhimmel-Phänomen ausbildet. Die Schutzimpfung ist die derzeit wirksamste Maßnahme, Varizellen sicher vorzubeugen. Nach durchgemachter Infektion oder Impfung entwickelt die Mehrzahl der Erkrankten eine lebenslange Immunität. Die Viren persistieren jedoch lebenslang in den Spinalganglien und können als Sekundärinfektion Herpes zoster (Gürtelrose) auslösen.

Die Angaben in diesem Artikel beziehen sich hauptsächlich auf die Windpockeninfektion. Informationen zum Herpes zoster finden sie hier.

Epidemiologie

Varizellen kommen weltweit vor. In Deutschland erkranken mit 90 Prozent vor allem ungeimpfte Kinder zwischen einem und vier Jahren. Windpocken können aber in jedem Alter auftreten. Der Erkrankungsgipfel liegt in den Winter- und Frühlingsmonaten.

Vor der allgemeinen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts in Berlin (RKI) im Jahre 2004 erkrankten hierzulande rund 750.000 Patienten pro Jahr. Die Mehrzahl der Kinder war bereits bei Schuleintritt seropositiv. Bei den Erwachsenen wurden bei mehr als 95 Prozent Antikörper nachgewiesen. Nach Einführung der Impfempfehlung ist ein starker Rückgang um insgesamt 85 Prozent zu verzeichnen. Am stärksten wirkte sich der Erfolg auf Infektionen von Kindern unter zehn Jahren aus. 2018 wurde in Deutschland nur noch eine Gesamtinzidenz von 20.448 erfasst. 3 Prozent bzw. 575 Patienten wurden stationär aufgenommen und ein Patient verstarb an den Folgen der Infektion bzw. ihren Komplikationen.  

Von der sekundären Herpes-zoster-Infektion sind nach endogener Reaktivierung primär ältere Menschen jenseits des fünften Lebensjahrzehnts betroffen. Es ist davon auszugehen, dass jeder Zweite, der das 85. Lebensjahr erreicht, einmal in seinem Leben an einem Herpes zoster erkrankt.

Ursachen

Varizellen werden durch das Varicella-zoster-Virus übertragen. Das behüllte doppelsträngige DNA-Virus aus der Familie der Herpesviridae ist das dritte humanpathogene Alpha-Herpesvirus (HHV-3). Die anderen beiden Erreger dieser Gruppe sind die Herpes-simplex-Viren (HSV) I und II. Das einzige bekannte Reservoir der VZV ist der Mensch.

Das VZV persistiert nach einer Infektion lebenslang als DNA-Ring im Nukleoplasma der Spinal- und/oder Hirnnervenganglien.

Das VZV bleibt - abhängig von den äußeren Bedingungen - einige Tage infektiös. Die längste Kontagiosität ist zu erwarten, wenn der Erreger im feuchten Milieu überdauert.

Infektionsweg

Das Varicella-zoster-Virus wird hauptsächlich über virushaltige Tröpfchen durch Husten, Niesen oder Atmen übertragen (aerogene Tröpfcheninfektion). Die Erreger können dabei Strecken von mehreren Metern in der Luft überwinden und auch Personen anstecken, die sich nicht in unmittelbarer Nähe des Erkrankten befinden. Selten erfolgt die Weitergabe der VZV über virushaltige Flüssigkeiten wie Speichel, Konjunktivalflüssigkeit oder Bläscheninhalt durch Schmierinfektionen.

Die Viren sind hochkontagiös. Nach Erregerexposition erkranken mehr als 90 von 100 empfänglichen bzw. seronegativen Personen an der Infektionserkrankung. Der Kontagionsindex liegt bei nahe 1,0.

In seltenen Fällen kann das VZV diaplazentar übertragen werden. Untersuchungen zufolge sind etwa 1–2 Prozent der Ungeborenen aller mit Windpocken erkrankten Schwangeren vom fetalen Varizellensyndrom betroffen, wenn die maternale Infektion zwischen der 5. und 24. Schwangerschaftswoche stattfand. Nicht selten führt die Infektion zu Missbildungen und Aborten. Eine sehr große, mitunter lebensbedrohliche Gefahr für das Neugeborene besteht, wenn sich das Windpockenexanthem bei der Mutter fünf Tage vor bis zwei Tage nach der Geburt manifestiert.

Der maternale Nestschutz besteht bei immunen Müttern postpartal sicher über drei Monate. Danach nimmt der Schutz durch auf das Kind übertragene IgG-Antikörper sukzessive ab. Nach sechs Monaten sind die Kinder nicht mehr vor einer Windpockenerkrankung geschützt. Ab dem neunten Lebensmonat ist eine Impfung gegen Varizellen möglich.

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit von Varizellen liegt im Durchschnitt bei 14 bis 16 Tagen. Zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch der Erkrankungen können aber auch 8 bis 21 Tage sowie bis zu 28 Tage nach passiver Immunisierung vergehen.

Dauer der Ansteckung

Varicella-zoster-Viren können bereits 48 Stunden vor Auftreten der ersten Hautläsionen übertragen werden. Am ansteckungsfähigsten sind Patienten während der Prodromalphase und im frühen eruptiven Stadium. Die Transmissionswahrscheinlichkeit hält bis zum Abfall der letzten Kruste an. Dieser Zeitpunkt wird in der Regel 5 bis 7 Tage nach Exanthemausbruch erreicht.

Pathogenese

Lange Zeit ging man davon aus, dass sich Varicella-zoster-Viren nach Eindringen in die Mukosa des oberen Respirationstrakts im lymphatischen Rachenring replizieren – mit nachfolgender monozytärer Virämie. Nach einer hypothetischen zweiten Replikationsphase in den retikuloendothelialen Geweben von Leber und Milz sollten die Viren über eine sekundäre Virämie in die Kutis gelangen. Die Persistenz in den Ganglien wurde mit einer hämatogenen Übertragung erklärt. Damit lag ein schlüssiges Konzept hinsichtlich der relativ langen Inkubationszeit vor. Die Annahmen bezogen sich jedoch allesamt auf Beobachtungen des Mäusepockenvirus im Tiermodellversuch.

Derzeit gibt es neue Erklärungsansätze, die sich auf Experimente an Mäusen mit schweren Immundefekten beziehen, denen humane T-Zellen, Haut- und Nervengewebe transplantiert wurden. Mittlerweile gehen die Experten mehrheitlich davon aus, dass sich die VZV im Anschluss an die erste Replikation im lymphatischen Rachenring auf hämatogenem Weg, T-Zell-gebunden, in die Haut gelangen. Dafür müssen sie vermutlich etliche Abwehrbarrieren überwinden, unter anderem eine epidermal fixierte Interferon-alpha-Synthese. Somit wäre auch bei der neuen These eine Erklärung für die lange Zeit von der Ansteckung bis zum Symptombeginn gefunden.

Symptome

Nach Ende der Inkubationszeit leiden die Betroffenen zunächst an grippeähnlichen Prodromi wie Kopf- und Gliederschmerzen, leichtem Unwohlsein, Abgeschlagenheit und kurzandauerndem Fieber. Einen bis zwei Tage später bilden sich zuerst an Oberkörper und Kopf (inklusive Gesicht und behaarter Kopfhaut), anschließend an den Extremitäten rote, juckende linsengroße Makulae. Gemeinhin beginnen die Effloreszenzen an der Haargrenze und breiten sich kraniokaudal aus. Handinnenflächen und Fußsohlen bleiben klassischerweise exanthemfrei. Die Flecken wandeln sich innerhalb von Stunden bis Tagen zu Papeln und daraufhin zu reiskorngroßen, flüssigkeitsgefüllten Vesikeln. Die Oberfläche der Bläschen ist typischerweise mittig eingedellt und der Untergrund gerötet. Nach drei bis fünf Tagen beginnen die Bläschen zu platzen, verkrusten und heilen – sofern nicht gekratzt wird – ohne Narbenbildung ab.

Klassischerweise laufen die unterschiedlichen Stadien von Makulae, Papeln, Vesikeln und Verkrustungen nicht homogen nacheinander ab, sondern entwickeln sich schubförmig mit- und hintereinander. Dieses für Windpocken charakteristische Bild ist als Sternenhimmel-Phänomen oder Heubner-Sternenkarte bekannt.

Neben dem dermalen Primärexanthem können auch die Schleimhäute betroffen sein. Das Enanthem mit gelblich belegten Erosionen manifestiert sich vorzugsweise am Oropharynx, an der rektalen und vaginalen Mukosa und/oder an den Konjunktiven.

Mitunter werden die Hautsymptome von Fieber begleitet. Dieses steigt in der Regel nicht über 39°C an. Ferner finden sich bisweilen vergrößerte Lymphknoten, insbesondere subokzipital und posterior-zervikal.

Durchbruch-Varizellen

Windpocken mit dem Varizellen-Wildtyp können in seltenen Fällen ≥ 43 Tage nach abgeschlossener Immunisierung als sogenannte Durchbruch-Varizellen auftreten. Normalerweise verläuft die Infektion kürzer, der Ausschlag ist milder und die Begleitsymptome sind weniger stark ausgeprägt. Fieber besteht so gut wie nie. Zudem ist der Bläscheninhalt nicht kontagiös.

Komplikationen

Gemeinhin ist der Krankheitsverlauf gutartig und der Ausschlag heilt folgenlos ab. Sehr schwere Verläufe bilden die Ausnahme. Gelegentlich – speziell bei Erwachsenen und immuninkompetenten Personen – sind jedoch Komplikationen möglich. Eine sekundäre bakterielle Infektion, meist verursacht durch Streptococcus pyogenes oder Staphylococcus aureus, führt zu einer Superinfektion. Diese kann sich als Impetigo contagiosa oder Phlegmone zeigen, sich aber auch zu einer nekrotisierenden Fasziitis oder einem toxischen Schocksyndrom ausweiten.

Bei immundefizienten Personen, vor allem bei Kindern, steigt das Risiko für:

  • Pneumonie (bei Erwachsenen bis zu 20 Prozent aller Windpocken-Erkrankungen, Schwangere sind besonders gefährdet)
  • korneale Läsionen
  • Myokarditis
  • Vaskulopathie
  • Apoplex
  • Arthritis
  • Nephritis, Glomerulonephritis
  • Hepatitis
  • hämorrhagische Ereignisse nach Thrombozytopenie
  • Sepsis

Neurologische Komplikationen treten bei etwa 0,1 Prozent aller Varizellen-Infektionen auf. Zu den häufigsten Krankheiten zählen dabei:

Sehr selten entwickelt sich etwa drei bis acht Tage nach Exanthemausbruch ein Reye-Syndrom. Die Gabe von Azetylsalizylsäure bei Kindern unter 14 Jahren erhöht das Risiko zusätzlich.

Fetales Varizellensyndrom

Infizieren sich Schwangere im ersten und zweiten Trimenon mit Varizellen, besteht das Risiko des fetalen Varizellensyndroms. Das Vollbild ist gekennzeichnet durch:

  • segmental angeordnete Hautveränderungen wie Skarifikationen, Ulzera und Narben
  • neurologische Erkrankungen und Fehlbildungen wie Hirnatrophie, Paresen und Konvulsionen
  • ophthalmologische Erkrankungen wie Mikrophthalmie, Chorioretinitis und Katarakt
  • Fehlbildungen des Skelettsystems, vor allem Hypoplasien

Neonatale Varizellen

Neonatale Varizellen können entstehen, wenn die werdende Mutter innerhalb von fünf Tagen vor der Geburt bis zu 24 Stunden postpartal an Windpocken erkrankt. Nach Ausbleiben der transplazentaren Übertragung von protektiven Antikörpern ist das kindliche Immunsystem nicht in der Lage, sich ausreichend vor einer Infektion zu schützen. Die Folge sind oft sehr schwere Krankheitsverläufe, inklusive Fehlgeburt und Abort. Die Letalität wird mit bis zu 30 Prozent angegeben. Am gefährdetsten sind Neugeborene, deren Exanthem zwischen dem fünften und zehnten Lebenstag ausbricht.

Herpes zoster

Das Varicella zoster-Virus persistiert in den Ganglien von Spinal- und/oder Hirnnerven. Dort sind sie lebenslang vor der vollständigen Eradikation durch das Immunsystem geschützt. Im Rahmen einer passageren Immundefizienz kann sich als endogenes Rezidiv ein Herpes zoster manifestieren.

Gürtelrose ist selten auch bei Personen möglich, die mit einer Lebendvakzine gegen Varizellen geimpft wurden; tritt jedoch drei bis zwölf Mal seltener auf als bei Ungeimpften. Im Fall einer endogenen Reaktivierung lokalisiert sich das Zoster-Exanthem häufig in anatomischer Nähe zur Injektionsstelle, an dem der Impfstoff appliziert wurde.

Diagnostik

Die Varizellen-Diagnose ist aufgrund des charakteristischen Exanthems in der Regel eine Blickdiagnose. Weitere diagnostische Maßnahmen sind für gewöhnlich nicht erforderlich. Mitunter können spezialdiagnostische Untersuchungen indiziert sein, zum Beispiel bei:

  • atypischer Klinik bei Immundefizienz
  • Verdacht auf neurologische Komplikationen
  • Verdacht auf Pneumonie
  • Infektionen während der Schwangerschaft
  • Neugeborenen
  • Virusnachweis bei geimpften Personen, um zwischen Impf- und Wildvirus-Varizellen zu unterscheiden

Labor

Der Varicella-zoster-Virus wird im Labor direkt oder indirekt nachgewiesen. Außerdem besteht die Option, virale Antigene in Bläschensekret oder Kulturen mit einem direkten Immunfluoreszenz-Test nachzuweisen.

Direkter Virusnachweis

Zum direkten Virusnachweis wird gemeinhin der VZV-Nukleinsäurenachweis (virale DNA) mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) durchgeführt. Eine PCR ist vor allem bei atypischen Krankheitsbildern und immundefizienten Personen indiziert. Geeignete Untersuchungsmaterialen auf VZV-DNA sind Bläschenflüssigkeit, Liquor, bronchoalveoläre Lavage und EDTA-Blut; bei intrauterinen Infektionen Chorionzotten, Fruchtwasser oder fetales Blut.

Das Virus ist ebenso durch Virusisolierung in Zellkulturen nachweisbar. Dieses Verfahren ist aufwendig, langwierig und wenig sensitiv und wird wegen des hohen Zeitbedarfs nur noch selten durchgeführt.

Indirekter Virusnachweis

Beim indirekten Virusnachweis werden spezifische Antikörper mittels serologischer Verfahren wie ELISA (Enzyme-linked Immunosorbent Assay) oder IFAT (Immunofluorescent antibody technique) im Serum, bei meningoenzephalitischen Verlaufsformen im Liquor, gesucht.

Bei Herpes zoster hat der spezifische IgA-Antikörper eine hohe diagnostische Aussagekraft. IgM-Antikörper fehlen hingegen häufig.

VZV-IgG-Antikörper helfen einerseits, den Immunstatus zu bestimmen; andererseits können sie auch bei immungeschwächten Impflingen zur Kontrolle des Impferfolgs dienen. IgG-Antikörper sollen dabei eine Schutzwirkung gegen VZV-spezifische Glykoproteine aufweisen. Die Differenzierung von niedrig-aviden und hoch-aviden Anti-VZV-IgG im Serum ermöglicht die Unterscheidung zwischen einer Varizellen-Erstinfektion und einem endogenen Herpes-zoster-Rezidiv.

Therapie

Die Therapie von Varizellen bleibt meist auf symptomatische Maßnahmen wie sorgsame Hautpflege, tägliches Baden und Kurzschneiden der Nägel beschränkt. Juckreizlindernd wirken lokale aufgetragene synthetische Adstringentien wie Hamamelitannin, Essig-weinsaure Tonerde oder Tannosynt. Bei starkem Juckreiz ist der Einsatz oraler Antihistaminika wie Dimetinden gerechtfertigt. Mit reduziertem Kratzbedürfnis vermindert sich das Risiko von Streptokokken- oder Staphylokokken-Infektionen und die Gefahr einer Narbenbildung.

Cave: Zinkschüttelmixturen sind heutzutage nicht mehr empfohlen. Diese lindern zwar den Pruritus und helfen beim Abtrocknen der Läsionen, fördern jedoch gleichzeitig das Risiko bakterieller Superinfektionen.

Fieber sollte bei Kindern unter 14 Jahren keinesfalls mit Azetylsalizylsäure behandelt werden (Reye-Syndrom). Neben Wadenwickeln sind Ibuprofen und Paracetamol geeignete Antipyretika.

Bei bakteriellen Superinfektionen sind Antibiotika wie Cefuroxim p.o. indiziert.

Antivirale Behandlung

Bei immungeschwächten Patienten mit Varizellen, Komplikationen oder anderen Risikofaktoren (zum Beispiel Hauterkrankungen) sowie bei Herpes zoster ist eine antivirale Therapie mit Aciclovir (p.o. oder i.v.) angezeigt. Als Alternativpräparate stehen die derzeit für Kinder nicht zugelassenen Wirkstoffe Famciclovir oder Brivudin zur Verfügung.

Prognose

In den meisten Fällen haben Varizellen eine sehr gute Prognose. Bei immunkompetenten Kindern ist kaum von schweren oder tödlichen Verläufen auszugehen. Eine wesentlich schlechtere Prognose und ein erhöhtes Komplikationsrisiko haben hingegen Neugeborene, immungesunde Erwachsene (insbesondere Schwangere) und immundefiziente Personen jeden Alters. Dazu gehören vor allem Patienten mit:

  • primären und sekundären Immunschwächekrankheiten
  • Autoimmundefekten
  • systemischen Krankheiten wie HIV/AIDS
  • Lymphomen u. a. Karzinome
  • Glukokortikoid-Therapien
  • Radiatio und zytotoxischer Chemotherapie
  • Knochenmarksablation vor einer Transplantation

Prophylaxe

Die beste Prophylaxe gegen Windpocken ist die aktive Immunisierung gegen Varizellen. In der Regel wird sie zusammen mit der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) verabreicht.

Impfung

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin empfiehlt seit August 2004 die Varizellen-Schutzimpfung für alle Kinder und Jugendliche. Gemäß den aktuellen Empfehlungen soll die erste Impfdosis zwischen 11 und 14 Monaten gegeben werden – und zwar simultan mit der ersten MMR-Impfung oder frühestens vier Wochen nach dieser. Die zweite Dosis folgt zwischen 15 und 23 Monaten. Dabei besteht die Option, einen Masern-Mumps-Röteln-Varizellen-Kombinationsimpfstoff (MMRV) zu spritzen. Zwischen den beiden Varizellen-Impfdosen ist ein Mindestabstand von vier bis sechs Wochen einzuhalten.

Ungeimpfte Kinder ohne Varizellen-Anamnese sollten die Varizellen-Impfung mit zwei Dosen baldmöglichst erhalten. Nur einmal geimpfte Kinder und Jugendliche haben eine höhere Komplikationsrate, das gilt speziell für ältere Heranwachsende. Die zweite Impfung ist deshalb unbedingt nachzuholen.

Neben Kindern und Jugendlichen wird die Impfung gemäß den aktuellen STIKO-Angaben empfohlen für:

  • seronegative Frauen mit Kinderwunsch
  • seronegative Patienten vor geplanter immunsuppressiver Therapie oder Organtransplantation
  • empfängliche Patienten mit schwerer Neurodermitis
  • empfängliche Personen mit engem Kontakt zu den beiden Letztgenannten
  • seronegatives Personal im Gesundheitsdienst, insbesondere in den Bereichen Pädiatrie, Onkologie, Gynäkologie/Geburtshilfe und Intensivmedizin, im Bereich der Betreuung von Immundefizienten sowie bei Neueinstellungen in Gemeinschaftseinrichtungen für das Vorschulalter

Empfängliche Personen sind laut STIKO definiert als Personen ohne:

  • Impfung
  • Varizellen-Anamnese
  • Nachweis spezifischer Antikörper bei serologischer Testung

Hinweis: Der Berufsgenossenschaftliche Untersuchungsgrundsatz G 42 sieht vor, dass alle Beschäftigten in Risikobereichen des Gesundheitswesens eine Immunität gegen Varizellen aufweisen.

Herpes zoster Impfung

Seit Dezember 2018 empfiehlt die STIKO allen Personen, sich ab dem 60. Lebensjahr zum Schutz vor Herpes zoster, seinen Komplikationen und Spätfolgen impfen zu lassen. Die Immunisierung mit dem adjuvantierten Herpes-zoster-subunit-(HZ/su) Totimpfstoff wird als Standardimpfung (S) in einem Abstand von mindestens zwei bis maximal sechs Monaten verabreicht.

Da immunsupprimierte Personen und Patienten mit schweren Grundkrankheiten ein erhöhtes Risiko haben, an Herpes zoster und seinen Komplikationen wie der postherpetischen Neuralgie (PHN) zu erkranken, empfehlen die Impfexperten für diese Klientel eine jüngere Altersgrenze. Gemäß der STIKO wird entsprechenden Personen eine Impfung mit dem HZ/su-Totimpfstoff als Indikationsimpfung (I) ab dem 50. Lebensjahr empfohlen.

Das gilt zum Beispiel für Patienten mit:

Cave: Die Impfung mit dem Hz/su-Totimpfstoff ersetzt nicht die Varizellen-Impfung.

Hierzulande hatten nahezu alle Erwachsene über 50 Jahre einmal im Leben Windpocken. Deshalb sieht die STIKO keinen Bedarf, eine vorangegangene Windpockeninfektion vor einer Impfung mit dem HZ/su-Impfstoff anamnestisch oder serologisch zu sichern – mit Ausnahme vor einer geplanten immunsuppressiven Therapie oder Organtransplantation. Seropositive Patienten sollten vor diesen Behandlungen mit dem HZ/su-Impfstoff geimpft werden.

Maßnahmen bei Einzelerkrankungen

Patienten mit Abwehrschwäche sollen den Kontakt zu Erkrankten unbedingt vermeiden. Weitere spezielle Maßnahmen sind in der häuslichen Umgebung für Patienten und Kontaktpersonen üblicherweise nicht erforderlich.

Im stationären Umfeld sind Patienten mit einer Varizellen-Primärinfektion für die Dauer der Ansteckungsfähigkeit in einem Einzelzimmer mit Vorraum isoliert unterzubringen. Beim Eintritt ins Patientenzimmer ist eine persönliche Schutzausrüstung, bestehend aus Schutzkittel, Einmalhandschuhen und einer FFP2-Atemschutzmaske, zu tragen.

Desinfektionsmaßnahmen

Für Desinfektionen sind Mittel mit nachgewiesener Effizienz im Wirkungsbereich begrenzt viruzid (wirksam gegen behüllte Viren) oder viruzid anzuwenden. Geeignete Lösungen können der Liste der vom Robert Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren (RKI-Liste) und der Desinfektionsmittel-Liste des Verbunds für Angewandte Hygiene (VAH-Liste) entnommen werden. Bei behördlich angeordneten Desinfektionsmaßnahmen sind Desinfektionsmittel aus der RKI-Liste zu beziehen.

Verhalten in Gemeinschaftseinrichtungen

An Windpocken erkrankte oder dessen verdächtige Personen dürfen gemäß § 34 Abs. 1 IfSG keine Tätigkeiten ausüben, bei denen sie Kontakt zu den dort Betreuten haben. Das Verbot gilt, bis nach ärztlicher Einschätzung eine Weiterverbreitung der Varizellen auszuschließen ist.

Im Detail ist an Windpocken erkrankten oder dessen verdächtigen Personen untersagt:

  • die dem Betrieb der Gemeinschaftseinrichtung dienenden Räume zu betreten,
  • Einrichtungen der Gemeinschaftseinrichtung zu benutzen,
  • an Veranstaltungen der Gemeinschaftseinrichtung teilzunehmen.

Diese Maßnahmen sind einzuhalten, bis die Unbedenklichkeit einer Weiterverbreitung der Krankheit ärztlich bestätigt wird.

Im Einvernehmen mit dem Gesundheitsamt kann die zuständige Behörde für die in § 33 genannten Einrichtungen (unter anderem Kindergärten, Schulen und Heime) Ausnahmen von den oben genannten Verboten zulassen, insbesondere wenn durch entsprechende Mittel und Verhaltensweisen eine Übertragung der Varizellen sicher auszuschließen ist.

Betreute können die Einrichtungen nach dem vollständigen Verkrusten aller bläschenförmigen Effloreszenzen wieder betreten. Das ist in der Regel eine Woche nach Beginn einer unkomplizierten Erkrankung zu erwarten. Ein schriftliches ärztliches Attest darüber muss der Einrichtung nicht vorgelegt werden.

Umgang mit Kontaktpersonen

Grundsätzlich sollten Patienten mit Abwehrschwäche sowie Neugeborene und Schwangere ohne ausreichende Immunität den Kontakt zu Erkrankten vermeiden.

Nach § 34 Abs. 3 IfSG dürfen Personen, in deren Wohngemeinschaft eine vom Arzt bestätigte Erkrankung oder ein Verdacht auf Windpocken aufgetreten ist, solange nicht mit den dort Betreuten in Kontakt kommen bzw. die Einrichtung als Betreute nicht besuchen, bis ein Arzt die Ansteckungsfreiheit der Patienten bestätigt.

Das RKI gibt auf ihrer Homepage Empfehlungen zu möglichen Maßnahmen zum Umgang mit Kontaktpersonen, die Gemeinschaftseinrichtungen besuchen oder in ihnen tätig sind. Diese richten sich nach dem jeweiligem Impf- und Immunstatus.

Postexpositionelle Varizellenprophylaxe durch Inkubationsimpfung

Gemäß den aktuellen STIKO-Angaben wird allen ungeimpften Personen ohne bisherige Windpocken-Erkrankung mit Kontakt zu Risikopersonen eine postexpositionelle Varizellen-Impfung empfohlen – vorzugsweise innerhalb von fünf Tagen nach Exposition oder innerhalb von drei Tagen nach Beginn des Exanthems beim Indexfall.

Die STIKO definiert eine Exposition als einen gemeinsamen Aufenthalt mit einer infektiösen Person in einem Raum oder als face-to-face-Kontakt bzw. Haushaltskontakt von einer Stunde oder länger. Kontakte zu Risikopersonen sind auf jeden Fall zu unterbinden.

Postexpositionelle Prophylaxe durch passive Immunisierung mit Varicella-Zoster-Immunglobulin (VZIG)

Gemäß den aktuellen STIKO-Vorschlägen wird eine postexpositionelle Varizellenprophylaxe mittels VZIG bei Personen mit erhöhtem Risiko für Komplikationen möglichst frühzeitig empfohlen. Frühzeitig heißt in diesem Fall eine Gabe innerhalb von drei Tagen und maximal bis zu zehn Tagen nach der Exposition. Risikopersonen sind unter anderem:

  • ungeimpfte Schwangere ohne bisherige Varizellen-Infektion
  • immunkompromittierte Patienten mit unsicherer oder fehlender Varizellen-Immunität
  • Neugeborene, deren Mutter fünf Tage vor bis zwei Tage nach der Entbindung an Windpocken erkrankte
  • Frühgeborene ab der 28. Schwangerschaftswoche von Müttern ohne Immunität nach Exposition in der Neonatalperiode
  • Frühgeborene vor der 28. Schwangerschaftswoche nach Exposition in der Neonatalperiode – unabhängig vom Immunitätsstatus der Mutter

Die postexpositionelle Gabe von VZIG verhindert den Ausbruch von Varizellen oder mildert den Verlauf der Erkrankung. Mitunter wird zusätzlich eine antivirale Chemoprophylaxe verabreicht. Bei der VZIG-Gabe (Applikation und Dosierung) müssen die jeweiligen Herstellerangaben beachtet werden.

Maßnahmen bei Windpocken-Ausbrüchen

Bei Windpocken-Ausbrüchen ist das zuständige Gesundheitsamt frühzeitig zu informieren. So wird die rechtzeitige Einleitung von Präventivmaßnahmen gewährleistet, um gefährdete Personen zu schützen.

Meldepflicht gemäß IfSG

Gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 1 IfSG sind dem Gesundheitsamt der Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie der Tod an Windpocken namentlich zu melden. Eine namentliche Meldung erfordert nach § 7 Abs. 1 IfSG ebenso der direkte oder indirekte Nachweis des Varicella-zoster-Virus, sofern es Hinweise auf eine akute Infektion gibt.
Dem Gesundheitsamt muss die Meldung spätestens 24 Stunden nach erlangter Kenntnis vorliegen.

In § 8 IfSG ist nachzulesen, welche Personen zur Meldung verpflichtet sind. § 9 IfSG informiert, welche Angaben die namentliche Meldung an das Gesundheitsamt enthalten muss.

Benachrichtigungspflicht gemäß IfSG

Gemäß § 34 Abs. 6 IfSG müssen die Leiterinnen und Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen das zuständige Gesundheitsamt unverzüglich benachrichtigen:

  • wenn in ihrer Einrichtung betreute oder betreuende Personen an Windpocken erkrankt oder dessen verdächtig sind oder
  • wenn in den Wohngemeinschaften der in ihrer Einrichtung betreuten oder betreuenden Personen nach ärztlicher Bestätigung eine Erkrankung an oder ein Verdacht auf Windpocken vorliegt.

Übermittlung

Gemäß § 11 Abs. 1 IfSG übermittelt das Gesundheitsamt der zuständigen Landesbehörde nur Erkrankungs- oder Todesfälle und Erregernachweise, die der Falldefinition gemäß § 11 Abs. 2 IfSG entsprechen.

Hinweise

Windpocken dürfen keinesfalls mit Pocken (ICD-10 B03.-) bzw. Blattern verwechselt werden. Ebenso schützt eine Pocken-Impfung nicht vor Windpocken.

Pocken gehören zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten weltweit. Die auslösenden Erreger sind Viren aus der Familie der Orthopoxviren (Orthopoxvirus variolae). In Deutschland wurde die letzte Pockenerkrankung 1972 diagnostiziert. Am 08. Mai 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die gesamte Welt für pockenfrei. Dieser Erfolg basiert auf der Umsetzung konsequenter Impf- und Bekämpfungsprogramme der WHO und anderer Gesundheitsorganisationen.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 04.11.2019

Quelle:
  1. Robert Koch-Institut, RKI-Ratgeber Windpocken (Varizellen, Gürtelrose (Herpes zoster). Stand 13. Januar 2018.
     
  2. Speer, C. P. et al.: Pädiatrie. Springer Verlag. 5. Auflage, 18. Dezember 2018.
     
  3. Berner, R. et al.: DGPI Handbuch: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie DGPI. Thieme Verlag. 7. Auflage, 05. September 2018.
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