Leitlinie

Definition

Im Leitlinien-Glossar der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) werden Leitlinien definiert als systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Entscheidungshilfen für die angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen gesundheitlichen Problemen.

Leitlinien stellen den erzielten Konsens mehrerer Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen und Arbeitsgruppen zu bestimmten ärztlichen Vorgehensweisen dar und werden innerhalb eines definierten, transparenten Vorgehens erstellt.

Idealerweise handelt es sich um wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Handlungsempfehlungen. Demnach stellen Leitlinien eine Orientierungshilfe dar, von der in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder muss. Im Gegensatz zu Richtlinien stellen Leitlinien keine Rechtsnorm dar.

Entwicklung von Leitlinien

In Deutschland ist die AWMF als Forum für Leitlinien etabliert. AWMF, Institutionen der ärztlichen Selbstverwaltung und Berufsverbände entwickeln und verbreiten die Leitlinien. International bietet das Guidelines International Network die weltweit umfangreichste Leitlinien-Datenbank.

Arten von Leitlinien

Leitlinien gibt es meist in einer Lang- und einer Kurzversion. Darüber hinaus gibt es eine Patientenleitlinie. Deren Inhalt beruht auf der evidenzbasierten ärztlichen Leitlinie, enthält aber zusätzlich Informationen zum Erkrankungsbild, Erklärungen zur sektorenübergreifenden Versorgung, Informationen über weiterführende Hilfen sowie Checklisten, um die Arzt-Patienten-Kommunikation zu unterstützen.
Nationale Versorgungsleitlinien (NVL) behandeln ausgesuchte Erkrankungen mit hoher Prävalenz:

  • Asthma
  • COPD
  • Typ-2-Diabetes
  • Herzinsuffizienz
  • Chronische KHK
  • Kreuzschmerz
  • Depression.

Die NVL werden unter Zusammenarbeit von Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und AWMF erstellt.

Klassifikation von Leitlinien

Leitlinien der AWMF werden in drei Klassen unterteilt, die Auskunft über die Entwicklungsmethodik geben:

  • S1-Leitlinien wurden von einer Expertengruppe im informellen Konsens erarbeitet (Ergebnis: Empfehlungen).
  • S2-Leitlinien: Hier hat eine formale Konsensfindung ("S2k") und/oder eine formale "Evidenz"-Recherche ("S2e") stattgefunden.
  • S3-Leitlinie enthalten alle Elemente einer systematischen Entwicklung, die Logik-, Entscheidungs- und "outcome"-Analyse umfasst.

Evidenzbasiert sind lediglich S2e- und S3-Leitlinien. NVL entsprechen methodisch der Klasse S3. Die überwiegende Mehrheit der aktuellen Leitlinien sind S1-Leitlinien.

Evidenzklassen und Empfehlungsgrade

Die Evidenzklassifikation ordnet Studientypen entsprechend ihre methodischen Charakteristika hierarchisch. Die Evidenzhierarchien von Studien, die die Grundlage für Leitlinienempfehlungen bilden, werden bei der Konsentierung von Empfehlungsgraden bei der Leitlinienentwicklung von den Autoren berücksichtigt.

Es existieren verschiedene Klassifikationssysteme. Eine breite Anerkennung hat die Klassifikation von Cochrane Deutschland, welche von der höchsten Evidenzstufe Ia bis zur niedrigsten Stufe IV reicht. Ein anderes Klassifikationssystem ist das Schema der Evidenzgraduierung nach Oxford. Hier werden insgesamt 10 Evidenzlevel (1a-c, 2a-c, 3a-b, 4, 5) unterschieden, wobei 1a den höchsten Evidenzlevel darstellt.

Auf Basis der Evidenzklasse einer Aussage erfolgt deren Einstufung in Empfehlungsgrade, z.B. nach dem Konzept der GRADE Working Group. Hier gibt es drei Empfehlungsgrade, die die Stärke einer Empfehlung wiedergeben und sich aus der verwendeten Formulierung ergeben:

  • A: starke Empfehlung (Ausdrucksweise: soll)
  • B: Empfehlung (Ausdrucksweise: sollte)
  • 0: Empfehlung offen (Ausdrucksweise: kann).

Bewertung von Leitlinien

Zur Bewertung von Leitlinien wurde im Juni 2005 das Deutsche Leitlinien-Bewertungsinstrument (DELBI) veröffentlicht. DELBI wurde von AWMF und dem ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) erarbeitet und dient der methodischen Leitlinienbewertung. Anlass war ein vom Europarat angestoßenes internationales Statement (AGREE). DELBI ersetzt die Checkliste „Methodische Qualität von Leitlinien“.

Autor: Dr. Melanie Klingler

Stand: 29.05.2018

Quelle:

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Cochrane Deutschland, Programm für Nationale Versorgungsleitlinien