Antidepressiva im Kindesalter zurückhaltend einsetzen

Wissenschaftler verglichen die Wirkung von Antidepressiva und Placebo bei jungen Menschen mit Major Depression. Die meisten Wirkstoffe zeigten dabei keinen Nutzen, bargen hingegen aber Risiken – und sollten nur nach intensiver Nutzen-Risiko-Abschätzung eingesetzt werden.

Aerztin Kind

Major Depressionen sind eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Beobachtungen zufolge leiden bis 2,5 Prozent aller Kinder und rund 8,3 Prozent der Jugendlichen an einer depressiven Erkrankung. Stützpfeiler der Behandlung sind eine individuelle Psychotherapie, psychodynamische Methoden und eine familientherapeutische Begleitung. Diskrepante Meinungen gibt es jedoch bezüglich einer sinnvollen pharmakologischen Intervention. Diese Problematik war auch Gegenstand einer umfangreichen Netzwerk Metaanalyse, deren Ergebnisse im Juni 2016 im Lancet publiziert wurden. Wissenschaftler verglichen die Wirkung von Antidepressiva und Placebo bei jungen Menschen mit Major Depression. Die meisten Wirkstoffe zeigten dabei keinen Nutzen, bargen hingegen aber Risiken – und sollten nur nach intensiver Nutzen-Risiko-Abschätzung eingesetzt werden.

Fluoxetin einziger empfohlener Wirkstoff

Der Einsatz antidepressiver Wirkstoffe ist nach wie vor umstritten. Einerseits besteht die Gefahr, dass Antidepressiva initial suizidale Gedanken und aggressive Reaktionen auslösen. Zudem wurden die meisten Antidepressiva, die bei Erwachsenen evidenzbasierend eingesetzt werden, bei Kindern und Jugendlichen nicht oder nur unzureichend untersucht. Allein für Fluoxetin gibt es aussagekräftige Studien. Der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ist auch der bislang einzige Wirkstoff, der für Kinder über acht Jahren zugelassen und in der S3-Leitlinie „Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen“ zu finden ist. Die Wirksamkeit von Fluoxetin konnte in der aktuellen Metaanalyse erneut evaluiert werden. Nur dieser SSRI war einer Placebo-Behandlung statistisch signifikant überlegen. Im Bereich Sicherheit konnte Fluoxetin klar gegenüber Duloxetin und Imipramin punkten.

Modell der Metaanalyse

Forscher der Metaanalyse werteten 34 veröffentlichte und nicht veröffentlichte randomisierte und kontrollierte Doppelblindstudien für Major Depressionen bei Kindern und Jugendlichen aus. An den Studien nahmen 5.260 Probanden teil. Eingeschlossene Wirkstoffe waren Amitriptylin, Citalopram, Clomipramin, Desipramin, Duloxetin, Escitalopram, Fluoxetin, Imipramin, Mirtazapin, Nefazodon, Nortriptylin, Paroxetin, Sertralin und Venlafaxin. Primäre Endpunkte der Untersuchung definierten sich in Wirksamkeit (Besserung der depressiven Symptomatik) und Verträglichkeit (Anzahl der Therapie-Abbrüche wegen unerwünschter, nicht tolerierbarer Nebenwirkungen). Besonders häufig kam es bei Imipramin, Venlafaxin und Duloxetin zu medikamenten-assoziierten Therapieabbrüchen. Venlafaxin initiiere zudem scheinbar besonders ausgeprägte suizidale Gedanken.

Antidepressiva haben keinen klaren Vorteil

Ergebnisse der Metaanalyse zeigen keinen klaren Vorteil für den Einsatz von Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen. Falls jedoch eine pharmakologische Intervention unumgänglich ist, scheint Fluoxetin weiterhin als die beste Option. Ohne Zweifel aber erfordert die Diagnose Depression eine schnelle und individualisierte fachliche Hilfe. Kinder- und Hausärzte sollten bei einem entsprechenden Verdacht zeitnah einen Kinderpsychiater oder einen auf Kinder und Jugendliche spezialisierten Psychotherapeuten hinzuziehen. Denn Depressionen äußern sich bei Kindern nicht eins zu eins wie bei Erwachsenen – und sind daher auch nicht immer sofort als solche zu erkennen. „Die Depression im Kindesalter scheint die gleiche zu sein wie die, die wir später im Erwachsenenalter sehen. Aber sie erscheint im Kindesalter in einem anderen Gewand“, so Professor Dr. Michael Huss, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und – psychotherapie der Universitätsklinik Mainz.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 21.06.2016

Quelle:

The Lancet, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) e.V.

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