Brokkoli als Blutzuckersenker der Zukunft?

Bei einer Analyse von rund 3.800 Arzneimittelsignaturen zur Blutzuckersenkung bei Diabetes Typ II kristallisierte sich Sulforaphan als führende Substanz heraus. Mit der in Brokkoli und anderem Kohlgemüse vorkommenden Verbindung soll die Krankheitssignatur von Typ-II-Diabetes umkehrbar sein.

Brokkoli als Blutzuckersenker der Zukunft?

Fortwährend nimmt die Anzahl an Patienten mit Diabetes Typ II zu. Weltweit leben mehr als 300 Millionen Menschen mit dieser Krankheit, von Prädiabetes sind schätzungsweise sogar 470 Millionen Menschen betroffen. Obwohl es bereits eine Vielzahl an Antidiabetika gibt, können nicht alle Diabetes-Patienten erfolgreich behandelt werden. Dr. Anders H. Rosengren von der Göteborg-Universität und sein Team ermittelten bei einer Arzneimittelsignaturen-Analyse den Wirkstoff Sulforaphan, der die Diabetes-Therapie möglicherweise erweitern und verbessern könnte. Die Ergebnisse einer ersten klinischen Studie wurden im Science Translational Medicine publiziert (2017; DOI: 10.1126/scitranslmed.aah4477). Demnach könnte Sulforaphan, ein Abbauprodukt des in Brokkoli enthaltenen Senföls Glucoraphanin, den Blutzucker bei Diabetes Typ II senken. Tierexperimentelle Studien an Ratten ergaben weiterhin, dass Sulforaphan nicht nur für die Behandlung von Diabetes Typ II geeignet ist, sondern auch präventiv gegen die Stoffwechselkrankheit eingesetzt werden könnte.

Studienaufbau

Das Göteborger Forscherteam analysierte aus 3.852 Arzneimittelsignaturen Sulforaphan als geeignetsten Wirkstoff, erhöhten Blutzucker bei Diabetes Typ II zu senken. Da die Sicherheit des sekundären Pflanzenstoffs bereits als erwiesen gilt, konnten die Wissenschaftler gleich mit einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten klinischen Studie beginnen. Daran nahmen 103 Patienten mit Typ-II-Diabetes teil, 97 von ihnen schlossen die Studie ab. Bis auf drei waren alle Probanden bereits auf Metformin eingestellt. Die Patienten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Kontrollgruppe erhielt Metformin und ein Placebo, die Verumgruppe Metformin und getrocknetes Glucoraphanin-haltiges Pulver. Das Pulver wurde zuvor aus einem wässrigen Extrakt von Brokkolisprossen gewonnen. Durch Kauen und enterische Bakterien wurde Glucoraphanin im Organismus zu Sulforaphan umgewandelt.

Auswertung der Studie

Nach zwölfwöchiger Behandlung wurden die Ergebnisse ausgewertet. Bei der Blutzuckersenkung wurde zwischen beiden Gruppen die langfristige Blutzuckereinstellung betrachtet. Zudem wurde zwischen adipösen und normalgewichtigen Probanden unterschieden. Im Ergebnis konnte die Kombinationsbehandlung aus Metformin und Sulforaphan deutlich gegenüber der Placebo-Kontrollgruppe punkten. Wie bereits vermutet, profitierten adipöse Patienten mit dysreguliertem Diabetes Typ II am meisten. Hier sank der HbA1c-Wert von durchschnittlich 7,37 Prozent (57 mmol/l) auf 7,0 Prozent (50 mmol/l). In etwas geringerem Umfang reduzierte sich in dieser Subgruppe auch der Nüchternblutzuckerwert von rund 160 mg/dl (8,9 mmol/l) auf 148 mg/dl (8,2 mmol/l). In der Placebogruppe konnten hingegen keine Veränderungen der Blutzuckerwerte festgestellt werden.

Metformin als bisheriges Standardtherapeutikum

Derzeit gilt Metformin als das Standardtherapeutikum bei der Initialbehandlung von Diabetes Typ II. Es hemmt die hepatische Gluconeogenese über Adenosinmonophosphat-abhängige Kinase (AMPK) und Kinase-unabhängige Mechanismen und senkt so verlässlich den Blutzucker. Zudem besteht nur ein geringes Risiko für Hypoglykämien in der Anfangsphase der Therapie. Doch ca. 15 Prozent der Diabetes-Patienten, etwa mit einer renalen Funktionsstörung und eingeschränkter glomerulärer Filtrationsrate, können Metformin aufgrund des erhöhten Risikos einer Laktatazidose nicht einnehmen. Zudem klagt rund ein Drittel der Patienten über Nebenwirkungen von Metformin wie Diarrhoe, Vomitus und Emesis, die mitunter zum Behandlungsabbruch führen.

Sulforaphan als möglicher Kombinationspartner

Ebenso wie Metformin bremst auch Sulforaphan die Gluconeogenese in der Leber und senkt in Folge den Blutzucker. Doch die Wirkweise unterscheidet sich von der des Biguanids. Bei Sulforaphan führt die Translokation des Transkriptionsfaktors Nuclear factor erythroid related factor-2 (Nrf2) zu einer inhibierten Expression von Schlüssel-Enzymen für die hepatische Gluconeogenese. Dabei handelt es sich insbesondere um die Phosphoenolpyruvat-Carboxkinasen 1, die Oxalacetat in Phosphoenolpyruvat umwandeln. Das macht Sulforaphan zu einem geeigneten Partner in einer Kombinationsbehandlung mit Metformin, da so die hepatische Gluconeogenese auf zweifache Weise gehemmt wird.

Sulforaphan bleibt vorerst Nahrungsergänzungsmittel

Mit Sulforaphan wurde ein potenziell nützlicher Ansatz entdeckt, der das Portfolio der Antidiabetika sinnvoll erweitern könnte. Den Studienergebnissen zufolge würden vor allem adipöse Patienten mit dysreguliertem Typ-II-Diabetes von Sulforaphan profitieren. Noch fehlen aber weitere Studien mit längerfristigen Ergebnissen zu Effektivität und Sicherheit, bevor die Arzneimittelbehörde Sulforaphan eine Zulassung erteilt. Bis dahin kann Sulforaphan weiterhin nur als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben werden.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 20.06.2017

Quelle:

Science Translational Medicine

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