Bereits ein Energydrink verschlechtert Gefäßsituation

Bereits ein Energydrink verschlechtert die vaskuläre Endothelfunktion. Dauerhaft konsumiert erhöht sich das Risiko von Gefäßerkrankungen. Das gilt insbesondere für Menschen mit genetischer Kardiomyopathie.

Energydrinks

Energydrinks sind als Wachmacher beliebt. Insbesondere junge Menschen versprechen sich von dem süßen Getränk eine leistungssteigernde Wirkung. Jede Menge Zucker, Koffein und Taurin sollen Werbeversprechen zufolge Flügel verleihen. Neben der aufputschenden Wirkung aber sind Energydrinks vor allem eins: gesundheitsschädigend.

Nachweislich steigern die Energiegetränke kurzfristig den Blutdruck und erhöhen die Herzfrequenz. Bei exzessivem Genuss ist von Herzinfarkt bis zum plötzlichen Herztod alles möglich – insbesondere in Verbindung mit Alkohol. In einer weiteren Studie wurde ein neuer Effekt detektiert. Demnach verändert bereits ein Energydrink die Endothelfunktion von Blutgefäßen und beeinflusst so die Vasodilatation. Die Ergebnisse werden in Kürze auf der Jahrestagung der American Heart Association in Chicago vorgestellt.

Bestimmung der flussvermittelten Vasodilatation

In einer kleinen Studie ermittelten Kardiologen der McGovern Medical School in Houston den Einfluss von Energydrinks auf die endothelabhängige strömungsvermittelte Vasodilatation (FMD). Dafür untersuchten sie 44 körperlich gesunde Medizinstudenten im Alter um die 20 Jahre. Alle Probanden waren Nichtraucher. Die Mediziner bestimmten die FMD der Arteria brachialis vor und nach dem Verzehr von Energydrinks. Dafür stoppten sie mit einer Blutdruckmanschette für kurze Zeit die Armdurchblutung. Nach Lösen der Manschette wurde mittels hochauflösender Ultraschallsonde der Durchmesser der Armarterie gemessen. Physiologisch erweitert sich diese nach der passageren Ischämie. Bei einer Veränderung der endothelialen Funktion hingegen vermindert sich die Vasodilatation.

Physiologie der endothelial-vermittelten Vasodilatation

Die strömungsvermittelte Vasodilatation wird über eine funktionierende Endothelschicht induziert. Die mit einem erhöhten Blutfluss einhergehenden Scherkräfte aktivieren endotheliale Kaliumkanäle. Der daraus resultierende Kaliumausstrom vermittelt eine Hyperpolarisation. Kalzium dringt in die Endothelzellen und aktiviert die endotheliale Stickstoffmonoxidsynthase (eNOS). Die Zelle setzt mehr Stickstoffmonoxid (NO) frei, was mit einer Vasodilatation der Gefäße assoziiert ist. Je stärker die Scherkräfte sind, umso höher ist die flussvermittelte Vasodilatation.

Energydrinks verringern Vasodilatation

Die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. John P. Higgins testete alle Probanden jeweils zweimal: vor und eineinhalb Stunden nach dem Verzehr von 700 ml eines Energydrinks. Das entspricht etwa drei kleinen Dosen Red Bull oder anderthalb Dosen Monster Energy. Vor dem Verzehr betrug die flussvermittelte Vasodilatation rund 5,1%. 90 Minuten nach dem Energydrink dilatierte die Arteria brachialis im Schnitt lediglich noch um 2,8%. Higgins zufolge weist diese Verminderung auf eine veränderte Endothelfunktion und akute Beeinträchtigung der Gefäßfunktion hin. Derzeit ist noch unklar, welcher der Inhaltsstoffe für die negative Auswirkung verantwortlich ist. Vermutlich aber resultiert der Effekt aus einer kombinierten Wirkung von Koffein, Taurin, Zucker und Kräutern.

Auswirkungen von endothelialer Dysfunktion

Bei einer endothelialen Dysfunktion ist die Fähigkeit des Endothels, den Gefäßwiderstand zu regulieren, beeinträchtigt. Die daraus resultierende verminderte Vasodilatation führt zum Risiko einer koronaren Minderdurchblutung. Nach einer Stressbelastung wie Kälte, Sport, üppiger Mahlzeit, Zigarettenrauchen, Kokain-Missbrauch oder Alkoholgenuss kann die beeinträchtigte Fähigkeit, die Koronararterien zu erweitern, zu einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage führen. Als mögliche Folgen wären Myokardischämie, koronarer Vasospasmus, Thrombose und/oder Herzrhythmusstörungen denkbar.

Menschen mit genetischer Kardiomyopathie besonders gefährdet

Higgins beschäftigt sich schon länger mit der Auswirkung von Energydrinks auf das kardiovaskuläre System. „Da Energy Drinks immer beliebter werden, ist es wichtig, die Auswirkungen dieser Getränke auf diejenigen zu untersuchen, die sie häufig trinken. So kann besser bestimmt werden, was, wenn überhaupt, ein sicheres Konsumverhalten ist“, so der Professor aus Houston.

Das gilt insbesondere für Kinder und jugendliche Konsumenten. So enthalten Energydrinks bis zu 160 mg Koffein. Die sichere Tagesgrenze für 11-Jährige liege aber bei 105 mg. Ebenso kritisch sieht Higgins den Taurin-Gehalt. Da Taurin das QT-Intervall verlängern kann, ist eine arrhythmogene Wirkung von Energydrinks wahrscheinlich. In der Literatur wurden bereits mehrfach ventrikuläre Arrhythmien, auch mit Todesfolge, nach dem Genuss der Wachmacher-Getränke beschrieben. Vor allem, aber nicht nur, sind laut Higgins Patienten mit genetischer Kardiomyopathie gefährdet. Viele junge Menschen wissen jedoch gar nichts von dieser Erkrankung, da sich genetische Kardiomyopathien meist erst später bemerkbar machen.

Kardiovaskuläre Erkrankungen nach exzessiver Energydrink-Zufuhr

Higgins warnt insbesondere vor einem exzessiven Genuss der Energydrinks. Zusammen mit den Studienergebnissen veröffentlicht er eine Auflistung weltweiter Erkrankungsfälle, die im Zusammenhang mit Red Bull, Monster, Rockstar und Co. stehen. Die Übersicht zeigt nicht nur, dass junge Menschen nach übermäßigem Konsum der Energiegetränke einen Herzinfarkt erlitten haben. Auch koronare Dissektionen, Stress-Kardiomyopathie (Tako-Tsubo-Syndrom), Aortendissektion und plötzlicher Herztod gehen demnach zu Lasten der Energydrinks.

Maximal ein Energydrink pro Tag

Auch wenn Energydrinks in witzigen und bunten Dosen leicht verführen, der schnelle Muntermacher sollte nicht zu oft getrunken werden. Higgins empfiehlt maximal eine Dose pro Tag. Keinesfalls sollten Energydrinks mit Alkohol gemischt oder vor dem Sport getrunken werden. Der Kardiologe rät Jugendlichen, Schwangeren und Erwachsenen mit Koffeinsensitivität ganz auf Energydrinks zu verzichten. Das gilt ebenso für Personen, die Medikamente einnehmen und/oder kardiovaskuläre Erkrankungen haben.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 13.11.2018

Quelle:
  1. American Heart Association, Pressemitteilung, 5. November 2018
     
  2. Higgins et. al. (2017): Consumption of energy beverage is associated with attenuation of arterial endothelial flow-mediated dilatation. World Journal of Cardiology, DOI: 10.4330/wjc.v9.i2.162
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