Erhöhtes Amputationsrisiko durch SGLT2-Inhibitoren bei Diabetes Typ II?

Schlechte Nachrichten für Canagliflozin: Nachdem der SGLT2-Inhibitor in Deutschland schon durch die frühe Nutzen-Risiko-Bewertung gefallen ist, gibt es nun Berichte über ein erhöhtes Amputationsrisiko.

Erhöhtes Amputationsrisiko durch SGLT2-Inhibitoren bei Diabetes Typ II?

Die Einnahme des SGLT2-Inhibitors (SGLT = Sodium dependent glucose transporter) Canagliflozin führt offenbar zu einer erhöhten Rate an Amputationen der unteren Extremitäten, insbesondere der Zehen. Das belegen Daten aus den laufenden Diabetes-Typ-II-Langzeitstudien CANVAS und CANVAS-R. Demnach ist die Amputations-Inzidenz unter Placebo nach gegenwärtigem Stand der Datenauswertung niedriger als bei Behandlung mit dem SGLT2-Hemmer Canagliflozin. Das hat der Pharmakovigilanz-Ausschuss (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur EMA aktuell publiziert. Auf welche Weise Canagliflozin das Amputationsrisiko erhöht, ist nach PRAC-Angaben gegenwärtig noch unklar.

An den Studien CANVAS und CANVAS-R nehmen hauptsächlich Typ-II-Diabetiker mit einem hohen kardiovaskulären Risiko teil. Beide Studien haben mit etwa 4.300 Probanden eine ähnliche Patientenpopulation. Dass es auch in der Placebo-Gruppe zu Amputationen kam, darf nicht überraschen. Es ist bekannt, dass Diabetiker mit schlecht kontrollierbarem Blutzucker und bestehenden kardiovaskulären Problemen ein erhöhtes Risiko für Infektionen und Ulzerationen – und in Folge auch Amputationen – haben.

Risiko bei anderen SGLT2-Hemmern möglicherweise ebenfalls erhöht

Die Ergebnisse der Canagliflozin-Studien rücken auch andere SGLT2-Hemmer in den Fokus. Bislang wurde aber für die in Deutschland zugelassenen SGLT2-Hemmer Dapagliflozin (Forxiga) und Empagliflozin (Jardiance) kein erhöhtes Amputationsrisiko festgestellt. Allerdings ist die verfügbare Datenlage zu beiden Wirkstoffen nur sehr begrenzt. Deshalb kann eine erhöhte Amputations-Inzidenz für diese Wirkstoffe auch nicht sicher ausgeschlossen werden. Ob es einen möglichen Klasseneffekt aller SGLT2-Inhibitoren gibt, soll demnächst Gegenstand einer Untersuchung im PRAC sein.

Wegen der ungeklärten Risiken empfiehlt sich ein sehr sensibler Umgang mit allen Hinweisen auf mögliche diabetische Komplikationen während der Behandlung mit SGLT2-Hemmern. Entwickeln Patienten während der Therapie mit Canagliflozin, Dapagliflozin oder Empagliflozin (als Monopräparat oder Wirkstoffkombination) Infektionen oder Ulzera, sollte erwogen werden, die Behandlung mit diesen Wirkstoffen zu stoppen und nach alternativen Präparaten zu suchen.

Aufnahme des Amputationsrisikos in Fachinformationen empfohlen

Die EMA hat empfohlen, das erhöhte Amputationsrisiko der SGLT2-Hemmer Canagliflozin (noch in vielen EU-Ländern erhältlich), Dapagliflozin und Empagliflozin in die Fachinformationen aufzunehmen. Dort solle das Amputationsrisiko als gelegentliche Nebenwirkung (1 bis 10 Fälle pro 1.000 Patienten) gelistet werden. Zudem sollte die Bedeutung und Notwendigkeit der präventiven Fußpflege hervorgehoben werden. Über die Umsetzung dieser Empfehlungen entscheidet jetzt der Ausschuss für Humanarzneimittel CHMP und die EU-Kommission.


Datum: 14.02.2017

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Quelle: Europäische Arzneimittelagentur (EMA), Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC)