Antidiabetikum Exenatid verbessert Parkinson-Symptome

Eine wöchentliche Injektion des Antidiabetikums Exenatid könnte die Motorik von Patienten mit Parkinson-Krankheit verbessern.

Zittern

Eine im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Studie zeigt ein bislang unbekanntes Wirkprofil des antidiabetischen Wirkstoffs Exenatid. Den Studienergebnissen zufolge soll der Glucagon-like-peptide-1-Rezeptoragonist die motorischen Symptome bei Morbus Parkinson verbessern und womöglich sogar in die zugrunde liegende Pathophysiologie der Erkrankung eingreifen (2017; DOI: 10.1016/S0140-6736(17)31585-4). Diese Erfolge führen die Wissenschaftler auf eine vermutliche neuroprotektive Wirkung von Exenatid zurück. So sollen dopaminerge Neuronen geschützt und die Funktion dopaminerger Verbindungen verbessert werden. Damit wäre Exenatid den bisherigen Parkinson-Medikamenten, die lediglich die gestörte Dopamin-Acetylcholin-Balance ausgleichen und nicht den Pathomechanismus der Erkrankung beeinflussen, überlegen.

Studienaufbau

Die Wirkung von Exenatid bei Parkinson wurde in einer unizentrischen, randomisierten, Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie untersucht. Dafür wurden 60 Patienten mit moderater, idiopathischer Parkinson-Krankheit zufällig einer Gruppe zugeordnet. Die Verumgruppe (31 Patienten) erhielt zweimal wöchentlich über einen Zeitraum von 48 Wochen 2 mg Exenatid subcutan, die Kontrollgruppe (29 Patienten) gleichsam Placebo. Zeitgleich wurden die regulären Anti-Parkinson-Medikamente eingenommen, deren Wirkung sich aber bereits als insuffizient erwies. Anschließend erfolgte eine zwölfwöchige Auswaschperiode. Die Patienten waren im Alter zwischen 25 und 75 Jahren. Primärer Endpunkt der Studie war die Veränderung der motorischen Symptomatik der Patienten beider Gruppen.

Exenatid verbessert Bewegungsstörungen und Sprache

48 Wochen nach Beginn der Studie besserten sich in der Exenatid-Gruppe die motorischen Symptome wie Zittern, Bewegungseinschränkung und Sprache gegenüber der Kontrollgruppe. Die Beweglichkeit der Verum-Gruppe steigerte sich sogar, verglichen mit dem Zeitpunkt zu Studienbeginn. Die verbesserte Motorik hielt auch nach zwölfwöchiger Auswaschphase an. In der Placebogruppe musste hingegen ein Rückgang der Motorik verzeichnet werden. Im Ergebnis betrug der Unterschied vier Punkte auf einer Parkinson-Motorik-Scala (Movement Disorders Society Unified Parkinson's Disease Rating Scale, Motorik-Subscala 3) und war somit statistisch signifikant. Zudem zeigten bildgebende Gehirnuntersuchungsverfahren in der Exenatid-Gruppe eine geringere neuronale Degeneration. In kognitiven Tests waren jedoch keine verbesserten Fähigkeiten erkennbar.

Exenatid wirkt vermutlich neuroprotektiv

Forschungsleiter Prof. Dr. Tom Foltynie vom National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London und sein Team vermuten, dass Exenatid neuroprotektiv wirkt und dopaminerge Neuronen im Gehirn schützt. Exenatid stimuliert bei Diabetes Typ-2 Patienten über pankreatische GLP-1-Rezeptoren die Insulinausschüttung. Über eine Aktivierung zentraler GLP-1-Rezeptoren wären den Studienautoren zufolge eine erhöhte Produktivität dopaminerger Neurone, ein gesteigerter Energiehaushalt sowie ein verbessertes Überleben neuronaler Zellen denkbar. Damit würde Exenatid das Portfolio der Antiparkinson-Therapeutika um einen Wirkstoff mit gänzlich anderem Wirkansatz als bisher erweitern. Prof. Dr. David Dexter, Neuropharmakologe von Charity Parkinson’s UK, zeigt sich schon jetzt zuversichtlich: „Man kann mit einem vernünftigen Maß an Sicherheit sagen, dass der Wirkstoff die Krankheit verlangsamt, wenn auch nur in geringem Maße“.

Exenatid noch nicht zur regulären Parkinson-Therapie geeignet

Auch wenn die Ergebnisse der Studie vielversprechend erscheinen, ist Vorsicht geboten. Bislang gibt es keine eindeutigen Hinweise zu Sicherheit und Wirksamkeit von Exenatid bei Parkinson-Krankheit. Daher ist zu diesem Zeitpunkt der Forschung von einer ergänzenden Therapie mit Exenatid bei Parkinson-Patienten auch dringendst abzuraten. Ebenfalls zur Vorsicht rät Dr. Brian K. Fiske. Fiske ist Seniorvizepräsident des Forschungsprogramms der Michael-J.-Fox-Stiftung, die auch die Studie finanzierten: „Wir müssen wissenschaftlich bleiben und erst beweisen, dass die Vorteile von Exenatid etwaige Risiken überwiegen.“ Es muss zudem weiter untersucht werden, ob sich die positiven Ergebnisse der Studie wie und in welchem Umfang verifizieren lassen. Auch sollte geprüft werden, ob noch andere Inkretin-Mimetika wie beispielsweise Abiglutid, Dulaglutid oder Liraglutid einen ähnlichen Einfluss auf die Parkinson-Krankheit haben wie Exenatid.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 11.08.2017

Quelle:

The Lancet

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