Lebertoxisches Potenzial von Flupirtin erneut im Fokus

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) will erneut das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Flupirtin hinsichtlich lebertoxischer Ereignisse prüfen.

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Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) um ein erneutes Risikobewertungsverfahren für Flupirtin gebeten. Dessen lebertoxische Eigenschaften standen bereits früher im Fokus der Zulassungsbehörden. Daraufhin durften Katadolon und Generika nur noch restriktiv verordnet werden. Dennoch verzeichnen die Pharmakovigilanzzentren bezüglich Flupirtin immer wieder schwerwiegende hepatogene Ereignisse. Obwohl der Einsatz des nicht-opioiden Schmerzmittels behördlich überwacht wird, scheint es notwendig, die Lebertoxizität von Flupirtin abermals unter die Lupe zu nehmen.

Restriktive Indikation von Flupirtin wird nur unzureichend beachtet

Das nicht-opioide Analgetikum Flupirtin darf nach dem Risikobewertungsverfahren aus dem Jahr 2013 nur noch bei erwachsenen Patienten und ausschließlich bei akuten Schmerzen verordnet werden. Und auch das nur, wenn eine Behandlung mit anderen Schmerzmitteln wie nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) oder schwach opioiden Analgetika kontraindiziert ist. Die Dauer der Therapie wurde auf maximal zwei Wochen limitiert. Zudem sollten bei der Verordnung unbedingt Gegenanzeigen, Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen beachtet und auf etwaige Anzeichen einer hepatogenen Schädigung geachtet werden.

Diese risikominimierenden Maßnahmen sollten zu einem Rückgang schwerwiegender hepatotoxischer Ereignisse führen. Im Ergebnis wurden weniger Patienten mit Flupirtin behandelt. Die Auflagen des restriktiven Einsatzes werden aber noch zu oft missachtet. Leichtsinnige Verordnungen führten wiederholt zu schwerwiegenden Leberschäden bis hin zur Leberinsuffizienz und hepatischem Koma.

Wirkweise von Flupirtin

Flupirtin gehört zu den zentral wirkenden, nicht-opioiden Analgetika. Seine schmerzhemmende Wirkung unterscheidet sich von den meisten anderen analgetisch wirkenden Substanzen. Flupirtin ist ein sogenannter SNEPCO bzw. Selective Neuronal Potassium Channel Opener. Der Wirkstoff öffnet selektiv neuronale Kalium-Kanäle. Infolge wird das Ruhemembranpotenzial stabilisiert und die neuronale Erregbarkeit reduziert.

Indirekt wird gleichermaßen die Aktivierung von NMDA-Rezeptoren inhibiert, wodurch die neuronale Erregbarkeit weiter herabgesetzt und die Weiterleitung aufsteigender nozizeptiver Impulse unterbunden wird. Zudem wirkt Flupirtin muskelrelaxierend und soll chronische Schmerzen (inklusive Schmerzgedächtnis) positiv beeinflussen. Ob und in wie weit der Wirkstoff eine Schmerzchronifizierung tatsächlich verhindern kann, ist bislang aber noch nicht hinreichend belegt.

Cave bei der Flupirtin-Verordnung

Zunächst einmal ist es unabdingbar, die für Flupirtin zugelassenen Indikationen einzuhalten und nicht auszudehnen. Bei längerer Anwendung sollten die Leberenzyme zwingend wöchentlich kontrolliert und die Patienten auf Anzeichen von Leberschädigungen sensibilisiert werden. Ein frühzeitiger Behandlungsabbruch kann schwere hepatotoxische Schäden minimieren.

Bei anamnestischer Lebererkrankung, Einnahme anderer Wirkstoffe mit klinisch relevanter Hepatotoxizität oder missbräuchlichem Alkoholkonsum darf Flupirtin gar nicht verordnet werden.

Bei Einhaltung der therapeutischen Zielgruppe dürften sich die Fälle von lebensbedrohlichen Leberschäden inkl. Transplantation, Leberkoma und tödlich endenden lebertoxischen Reaktionen erheblich vermindern.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 30.10.2017

Quelle:

BfArM, EMA

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