Neueinführung Fotivda (Tivozanib)

Zum 1. November 2017 wurde Fotivda in den Markt eingeführt. Fotivda ist ein neues Medikament zur Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms (NZK). Es enthält den Wirkstoff Tivozanib, der zu den Protein-Kinase-Inhibitoren zählt.

Ärzte im Gespräch

Was ist Fotivda?

Das Medikament Fotivda von Eusa Pharma wird zur Erstlinientherapie des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms bei Erwachsenen eingesetzt. Weiterhin kann Fotivda bei Erwachsenen, die noch nicht mit vaskulären endothelialen Wachstumsfaktorrezeptoren (VEGFR)- und mechanistischen Target of Rapamycin (mTOR)-Signalweginhibitoren behandelt wurden, angewendet werden. Daneben wird es bei adulten Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom eingesetzt, die unter vorangegangener Cytokin-Therapie eine Progression der Erkrankung zeigten.

Wie wirkt Tivozanib?

Tivozanib inhibiert potent und selektiv alle drei VEGFRs und hemmt in vitro verschiedene VEGF-induzierte biochemische und biologische Reaktionen. Tivozanib hemmt dadurch die Angiogenese und Gefäßpermeabilität in Tumorgewebe, wodurch das Tumorwachstum in vivo verlangsamt wird.

Dosierung und Anwendung

Dosierung

Ein Behandlungszyklus dauert 4 Wochen. Über 21 Tage wird einmal täglich 1.340 µg Fotivda eingenommen. Es folgt eine 7-tägige Pause.  Eine Fortsetzung des Behandlungszyklus erfolgt bis eine Progression der Krankheit oder eine inakzeptable Toxizität auftritt.

Art der Anwendung

Fotivda wird oral, mit oder ohne Nahrung, eingenommen. Die Kapseln müssen als Ganzes geschluckt werden und dürfen nicht geöffnet werden.

Dosismodifikation

Bei auftretenden Nebenwirkungen kann eine zeitweise Unterbrechung und/oder eine Reduktion der Dosis erforderlich sein. Bei einer notwendigen Dosisreduktion kann die Dosis auf einmal täglich 890 µg, unter Beibehaltung des oben angegeben Behandlungsschemas, reduziert werden.

  • Kinder und Jugendliche: Zur Anwendung von Fotivda bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren liegen keine Daten vor.
  • Ältere Patienten: Bei älteren Patienten ist keine Anpassung der Dosis nötig (siehe auch Studienlage).
  • Patienten mit Nierenfunktionsstörungen: Bei leichter oder mittelschwerer Nierenfunktionsstörung ist keine Anpassung der Dosis nötig. Bei Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen oder bei dialysepflichtigen Patienten liegen nur begrenzte Erfahrungen zur Anwendung von Fotivda vor.
  • Patienten mit Leberfunktionsstörungen: Bei allen Patienten sollte vor Behandlungsbeginn und unter Behandlung mit Fotivda eine Bestimmung der Leberwerte, einschließlich Alanin-Aminotransferase (ALT), Aspartat-Aminotransferase (AST), Bilirubin und alkalischer Phosphatase (AP), erfolgen. Fotivda sollte bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung nicht angewendet werden. Bei Patienten mit mittelschwerer Störung der Leberfunktion sollten alle zwei Tage 1.340 µg eingenommen werden. Bei leichter Leberfunktionsstörung ist keine Anpassung der Dosis erforderlich. Fotivda sollte bei Patienten mit leichter und mittelschwerer Störung der Leberfunktion mit Vorsicht und unter engmaschigen Kontrollen angewendet werden.

Studienlage

Die Wirksamkeit von Tivozanib wurde in der Studie AV-951-09-301 untersucht. Die Studie war eine kontrollierte, multizentrische, internationale, offene, randomisierte klinische Phase-3-Studie. Tivozanib wurde mit Sorafenib bei Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom verglichen. Von den 517 Patienten waren 260 in der Tivozanib-Gruppe (einmal täglich 1.340 µg Tivozanib über 3 Wochen gefolgt von einer einwöchigen Tivozanib-Pause) und 257 in der Sorafenib-Gruppe (400 mg Sorafenib zweimal täglich). Alle Teilnehmer der Studie hatten bereits eine Nephrektomie und bisher keine oder nicht mehr als eine systemische Therapie (Immuntherapie, Chemotherapie) nach Metastasierung. Eine vorherige Behandlung mit VEGF oder eine mTOR-Therapie waren nicht erlaubt. In der unabhängigen radiologischen Prüfung zeigte sich bei Tivozanib eine statistisch signifikante Verbesserung  des progressionsfreien Überlebens (PFS) sowie der objektiven Responserate (ORR) gegenüber Sorafenib. Das mediane Gesamtüberleben lag in der Tovazenib-Gruppe bei 28,2 Monaten gegenüber 20,8 Monaten in der Sorafenib-Gruppe (p = 0,276).
25% der Studienteilnehmer war ≥ 65 Jahre alt. Im Vergleich zu jüngeren Patienten zeigten sich keine generellen Unterschiede in der Wirksamkeit. Einige Nebenwirkungen wie Dyspnoe, Diarrhö, Ermüdung, Gewichtsverlust, reduzierter Appetit und Hypothyreose traten bei älteren Patienten (≥ 65 Jahre) häufiger auf.

Nebenwirkungen von Fotivda

Im Folgenden sind die Nebenwirkungen aus klinischen Studien nach ihrer Häufigkeit aufgelistet:

  • Sehr häufig (≥ 1/10): verminderter Appetit, Kopfschmerzen, Hypertonie, Dyspnoe, Dysphonie (Heiserkeit), Husten, Bauchschmerzen, Übelkeit, Diarrhoe, Stomatitis, Hand-Fuß-Syndrom, Rückenschmerzen, Schmerz, Asthenie, Ermüdung, Gewichtsabnahme.
  • Häufig (≥ 1/100, < 1/10): Anämie, Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Anorexie, Schlaflosigkeit, periphere Neuropathie, Schwindelgefühl, Dysgeusie (Geschmacksstörung), Sehbehinderung, Vertigo Tinnitus, (akuter) Myokardinfarkt, Ischämie, Angina pectoris, Tachykardie, Hämorrhagie, arterielle Thrombembolie, venöse thrombembolische Ereignisse, anhaltende schwere Hypertonie, Hitzegefühl, Epistaxis (Nasenbluten), Rhinorrhö, Nasenverstopfung, Pankreatitis, Dysphagie, Erbrechen, gastroösophageale Refluxerkrankung, aufgetriebener Bauch, Glossitis, Gingivitis, Dyspepsie, Obstipation, Mundtrockenheit, Flatulenz, erhöhte ALT, erhöhte AST, erhöhte Gamma-Glutamyltransferase (gamma-GT), erhöhte AP, Exfoliation der Haut, Erythem, Pruritus (Juckreiz), Alopezie, Ausschlag, Akne, trockene Haut, Arthralgie, Myalgie, Brustkorbschmerzen die Skelettmuskulatur betreffend, Proteinurie, erhöhtes Kreatinin im Blut, Brustkorbschmerz, Schüttelfrost, Fieber, peripheres Ödem, erhöhte Amylase, erhöhte Lipase, erhöhtes Thyreotropin.
  • Gelegentlich (≥ 1/1.000, < 1/100): Pilzinfektion, pustulöser Ausschlag, Thrombozytopenie, erhöhtes Hämoglobin, Hyperthyreose, Struma, transitorische ischämische Attacke, Gedächtnisstörungen, verstärkte Tränensekretion, Ohrverstopfung, Lungenödem, Koronararterieninsuffizienz, QT-Verlängerung im EKG, Ulkus duodeni, Urtikaria, Dermatitis, Hyperhidrosis, Xeroderma, Muskelschwäche, Schleimhautentzündung.
  • Selten (≥ 1/10.000, < 1/1.000): posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom (PRES).

Wechselwirkungen

  • Johanniskraut-haltige Arzneimittel: Fotivda darf nicht gleichzeitig mit Arzneimitteln, die Johanniskraut (Hypericum perforatum) enthalten, eingenommen werden. Nimmt ein Patient Johanniskraut-haltige Medikamente, so müssen diese mindestens 2 Wochen vor Beginn der Fotivda-Therapie abgesetzt werden.
  • CYP3A4-Induktoren: Starke CYP3A4-Induktoren (z.B. Rifampin) reduzieren die die durchschnittliche Halbwertszeit von Tivozanib. Die gleichzeitige Gabe von Tivozanib und starken CYP3A4-Inhibitoren sollte, wenn überhaupt, mit Vorsicht durchgeführt werden. Der Hersteller geht nicht davon aus, dass gemäßigte CYP3A4-Induktoren eine klinische relevante Wirkung auf die Tivozanib-Exposition haben.
  • CYP3A4-Inhibitoren: CYP3A4-Inhibitoren (z.B. Ketoconazol) hatten in einer klinischen Studie mit gesunden Probanden keinen Einfluss auf die Serumkonzentration von Tivozanib, so dass eine Veränderung der Tivozanib-Exposition durch CYP3A4-Induktoren unwahrscheinlich ist.
  • Medikamente, deren enterale Resorption durch BCRP begrenzt wird: Bei der gleichzeitigen Anwendung von Rosuvastatin ist Vorsicht geboten. Patienten, die ein Substrat des Transportproteins BCRP mit klinisch relevanter Efflux-Wirkung im Darm einnehmen, müssen auf ein ausreichendes Zeitfenster (z.B. 2 Stunden) zwischen der Einnahme von Tivozanib und dem BCRP-Substrat achten.
  • Kontrazeptiva: Bisher ist nicht bekannt, ob Tivozanib die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva beeinflusst. Deswegen sollte zusätzlich eine Barriere-Methode zur Empfängnisverhütung eingesetzt werden.

Gegenanzeigen

Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder gegen sonstige Bestandteile stellen eine Gegenanzeige dar. Fotivda darf nicht gleichzeitig mit Arzneimitteln, die Johanniskraut (Hypericum perforatum) enthalten, eingenommen werden.

Wichtige Hinweise

  • Gastrointestinale Perforation/Fistel: Patienten unter Tivozanib sollten in regelmäßigen Abständen auf gastrointestinale Perforation oder Fisteln kontrolliert werden. Bei Patienten mit erhöhtem Risiko für diese Krankheitsbilder sollte Tivozanib mit Vorsicht angewendet werden.
  • Wundheilungsstörungen: Wenn sich Patienten unter Tivozanib einem größeren chirurgischen Eingriff unterzeihen müssen, sollte die Tivozanib-Gabe vorübergehend unterbrochen werden. Der Zeitpunkt der Wiederaufnahme der Tivozanib-Therapie wird anhand der klinischen Beurteilung der Wundheilung bestimmt.
  • Tartrazin: Fotivda 890 µg Hartkapseln enthalten Tartrazin (E 102), was zu allergischen Reaktionen führen kann.
  • Fertilität, Schwangerschaft und Stillzeit: Eine Schwangerschaft unter Tivozanib-Therapie und einen Monat über das Therapieende hinaus ist zu vermeiden. Dies gilt auch für Partnerinnen von männlichen Patienten, die unter Tivozanib stehen, ebenfalls bis einen Monat über das Ende der Therapie hinaus.Tierexperimentelle Studien konnten eine Reproduktionstoxizität zeigen, weshalb Tivozanib nicht während der Schwangerschaft angewendet werden darf.
  • Frauen unter Tivozanib-Therapie sollten nicht stillen.
  • Verkehrstüchtigkeit, Bedienen von Maschinen: Unter Tivozanib kann ein geringer Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen bestehen.

Wirkstärken und Packungsgrößen von Fotivda

Das Präparat des Herstellers Eusa Pharma (UK) Limited gibt es in den folgenden zwei Stärken:

Autor: Dr. Melanie Klingler

Stand: 01.11.2017

Quelle:

Eusa Pharma (UK) Limited, European Medicines Agency (EMA)

  • Auf Whatsapp teilenTeilen
  • Auf Facebook teilen Teilen
  • Auf Twitter teilenTeilen
  • MerkenMerken
  • DruckenDrucken
  • SendenSenden
Anzeige

Meistgelesene Meldungen

Pharma News

Ärztliche Fachgebiete

Orphan Disease Finder

Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen:

 

Newsletter