Hintergründe und Details zum Medikamententest von BIA 10-2474

Die medizinische Fachwelt reagiert geschockt auf die Folgen des Medikamententests mit der Wirksubstanz BIA 10-2474. Justiz und die französischen Gesundheitsbehörden versprechen nun, umgehend mit der Ursachenforschung zu beginnen. Der Abschlussbericht soll Ende März 2016 vorliegen.

Infobrief

Sechs Männer erlitten bei dem Test im Universitätsklinikum Rennes schwere Nebenwirkungen, mindestens drei schwebten in Lebensgefahr. Einer der Männer unterlag den fatalen Auswirkungen und verstarb. Justiz und die französischen Gesundheitsbehörden versprechen nun, umgehend mit der Ursachenforschung zu beginnen. Der Abschlussbericht soll Ende März 2016 vorliegen. Der Medikamententest wurde bereits am 11. Januar gestoppt. Weitere Informationen erteilte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine auf einer Pressekonferenz.

Studienplanung

Der im bretonischen Rennes getestete Wirkstoff wird mit dem Code BIA 10-2474 beziffert. Auftraggeber der Testreihe war das Forschungsinstitut Biotrial. Biotrial reichte am 30. April 2015 einen Antrag auf Genehmigung für die geplante Phase-I-Studie bei der französischen Arzneimittelbehörde ANSM ein. Der zu testende Wirkstoff wurde von der portugiesischen Pharmafirma Bial-Portela (kurz Bial) entwickelt. Bial fungiert zugleich als Sponsor der Teststudie. Am 26. Juni 2015 erteilte die ANSM der Studie die Genehmigung. Am 3. Juli 2015 folgte der positive Bescheid der regionalen Ethikkommission. Am 9. Juli 2015 begann die Phase-I-Studie um den Wirkstoff mit der Codierung BIA 10-2474 im Forschungsinstitut Biotrial. Der Abschluss der Studie wurde für den 1. Februar 2016 erwartet.

Testwirkstoff BIA 10-2474

Der zu testende Wirkstoff mit der Codierung BIA 10-2474 ist ein sogenannter FAAH-Inhibitor, zu dem es bislang kein Antidot gibt. BIA 10-2474 inhibiert das Enzym Fatty acid amide hydrolase, kurz FAAH. FAAH ist eine Schlüsselsubstanz im Endocannabinoid-System. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftler und Pharmaunternehmen wie Merck, Pfizer oder Johnson & Johnson mit der Einflussnahme an Cannabinoidrezeptoren und der Veränderung im Endocannabinoid-System. Durch eine medikamentöse Regulierung der Endocannabinoid-Konzentration erhofft man sich eine Verringerung der Schmerzwahrnehmung. Zudem wurden Verbesserungen im Ess- und Schlafverhalten sowie von neurologischen Störungen und Angstzuständen erhofft. Niemals zuvor kam es in klinischen Studien mit anderen FAAH-Inhibitoren zu solch verheerenden Auswirkungen.

Nach Angaben der französischen Gesundheitsministerin wurde das Medikament BIA 10-2474 zunächst im Labor und an Tieren, einschließlich Schimpansen, getestet. Erst danach gab es die Freigabe zur Phase-I-Studie (first-in-human) und der Testung an freiwilligen, gesunden Probanden.

Studienteilnehmer

Der Testwirkstoff BIA 10-2474 sollte an 128 gesunden Probanden im Alter von 18 bis 55 Jahren getestet werden. Als Aufwandsentschädigung wird zur Zeit über eine Summe von 1.900 Euro pro Testperson spekuliert. Die Probanden sollten für die Testreihe vom 4. bis 18. Januar 2016 zwei Wochen auf der Biotrial-Anlage verbleiben. Die Medikamenteneinnahme war für zehn aufeinanderfolgende Tage vorgesehen. Zudem sollte die Einnahme von umfangreichen medizinischen Tests und mindestens 40 Blutproben begleitet werden. 90 der Teilnehmer erhielten den Testwirkstoff, die restlichen schluckten Placebo – zunächst einmalig, dann in multiplen Dosen über mehrere Tage und schlussendlich als Einnahme zusammen mit einer Mahlzeit.

Die Probanden sollen französischen Medien zufolge vor Studienbeginn informiert worden sein, dass es sich bei der Testung um ein Produkt in der Entwicklung für die Behandlung von verschiedenen Erkrankungen wie Angstzuständen und Parkinson, aber auch für die Therapie von chronischen Schmerzen bei multipler Sklerose sowie zur Behandlung von Karzinomen, Hypertonie und Adipositas handeln würde.

Studienverlauf

Anfangs verlief die Testreihe völlig unauffällig und ohne schwerwiegende unerwünschte Ereignisse. Am 7. Januar jedoch wendete sich das Blatt. An diesem Tag erhielten sechs Probanden das Testmedikament vermutlich unter dem Testregime „Mehrfachdosis" in der bislang höchsten Dosierung. Am 10. Januar 2015 erkrankte der erste der Männer an schweren neurologischen Symptomen. In kurzen Zeitabständen wurden anschließend fünf weitere Männer im Alter zwischen 28 bis 49 Jahre in die neurologische Abteilung der Universitätsklinik Rennes eingeliefert. Die Beschwerden waren alle ähnlich, unterschieden sich allerdings im Schweregrad. Als Ursache der Beschwerden werden hämorrhagische und nekrotische Läsionen im Gehirn angegeben. Biotrial brach die Studie umgehend am 11. Januar ab.

Auswirkungen

Bislang ist noch nicht bekannt, ob es sich bei den Symptomen um eine direkte medikamentenbedingte Auswirkung auf das ZNS handelt oder die Beschwerden auf eine Immunreaktion zurückzuführen seien – so der neurologische Professor Pierre-Gilles Edan von der Universitätsklinik Rennes. Zudem muss geklärt werden, ob der Wirkstoff selbst oder etwaige Verunreinigungen einer Charge für die furchtbare Tragödie verantwortlich sind. Möglicherweise wurde auch versehentlich eine zu hohe Dosis verabreicht.

Sicher ist bisher, dass der erste erkrankte Proband bereits am 10. Januar für hirntot erklärt wurde und am Sonntag darauf, am 17. Januar 2016, verstarb. Nähere Details dazu gab es aus Rennes jedoch nicht. Edan teilte aber in einer Pressekonferenz mit, dass bei drei der erkrankten Männer mit hoher Wahrscheinlichkeit irreversible neurologische Schäden zu erwarten sind. Die MRT-Bildgebung zeige schwere und ausgeprägte hämorrhagische und nekrotische Läsionen im Gehirn.

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