Neue Impfempfehlungen der STIKO

Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut hat neue Impfempfehlungen verabschiedet. Änderungen gibt es unter anderem bei der Grippeschutzimpfung, der Impfung gegen Humane Papillomviren und der Tetanus-Postexpositionsprophylaxe.

Impfkalender

Mit dem Epidemiologischen Bulletin 34/2018 veröffentlichte die Ständige Impfkommission (STIKO) des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) die aktuellen Neuerungen ihrer Impfempfehlungen und gab redaktionelle Anpassungen bekannt. Damit verlieren die bisherigen Empfehlungen des RKI (Epid. Bull. 34/2017) ihre Gültigkeit.

Das Expertengremium präzisierte unter anderem den Umgang mit quadrivalenten Impfstoffen zur Influenza-Prophylaxe und erweiterte die Zielgruppe für Impfungen gegen Humane Papillomviren (HPV) auf Jungen. Zudem setzten die Verantwortlichen die oberste Altersgrenze für die zweite Tetanus-Diphtherie-Pertussis (Tdap)-Auffrischimpfung auf 16 Jahre herab und aktualisierten die Tetanus-Tabelle zur Postexpositionsprophylaxe. Redaktionelle Änderungen finden sich vor allem im Abschnitt „Hinweise zur Durchführung von Schutzimpfungen“. Darüber hinaus wurden die Formulierungen der STIKO geschlechtergerecht nivelliert.

Quadrivalenter Impfstoff für Grippeschutzimpfungen besser geeignet

Die Impfexperten des RKI empfehlen derzeit, zum Schutz vor Influenza-Viren einen quadrivalenten saisonalen Impfstoff zu wählen. Die Vakzine sollte eine aktuelle von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Antigenkombination enthalten. Diese Neuerung gilt für alle Personen, denen die STIKO eine saisonale Influenzaimpfung empfiehlt. Impfungen mit einer quadrivalenten Formulierung sollen die Schutzwirkung vor Influenzaviren verbessern und die Anzahl von Grippeerkrankungen senken. Indikation, Zeitpunkt und praktische Durchführung der Grippeschutzimpfungen bleiben davon unberührt.

Quadrivalente inaktivierte Vakzine

Die quadrivalente inaktivierte Vakzine (QIV) enthält neben den Antigenen der beiden Influenza A-Virus Subtypen (A/H3N2 und A/H1N1) und einer der zwei saisonalen B-Viruslinien (Victoria oder Yamagata) zusätzlich Antigene von einem Virus der B-Linie. Letztere fehlen in trivalenten inaktivierten Impfstoffen (TIV). Bislang war die Wahl zwischen TIV oder QIV von der STIKO nicht festgelegt. Nach evidenzbasierten Untersuchungen hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit sieht das Impfkomitee der STIKO jetzt aber die Empfehlung einer quadrivalenten Impfstoff-Formulierung für gerechtfertigt.

HPV-Impfung auch für Jungen

Neuen Querschnittsstudien und Metaanalysen zufolge, profitieren nicht nur Mädchen von einer Impfung gegen Humane Papillomviren. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission eine HPV-Impfung aktuell auch für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Damit soll die Schutzwirkung insbesondere auf HPV-attributable Anal-, Penis- und Oropharynx-Karzinome sowie HPV-bedingte Genitalwarzen ausgeweitet werden. Berechnungen zufolge könnte das modellierte Jungen-Impfmodell in den kommenden 100 Jahren zusätzlich 22.122 Zervixkarzinome und 25.226 andere HPV-assoziierte Karzinome bei Männern und Frauen verhindern.

HPV-Impfempfehlungen für Jungen

Die Immunisierung sollte vorzugsweise bei HPV-naiven Jungen vor dem ersten sexuellen Kontakt erfolgen. Wie bei Mädchen, empfiehlt die STIKO im Alter zwischen 9 und 14 Jahren zwei Impfungen im Abstand von mindestens 5 Monaten. Bei der ersten HPV-Impfung nach dem 15. Geburtstag sind drei Impfungen notwendig. Die Nachholimpfung sollte dann bis zum Alter von 17 Jahren erfolgen.

Von einer Impfung gegen HPV können auch Frauen und Männer, die älter als 17 Jahre sind und keine Impfung gegen HPV erhalten haben, profitieren. Bei nicht HPV-naiven Personen muss jedoch mit einer reduzierten Wirksamkeit der Impfung gerechnet werden.

Zweite Tetanus-Diphtherie-Pertussis-Auffrischimpfung mit spätestens 16 Jahren

Die STIKO setzt die obere Altersgrenze für die zweite Tetanus-Diphtherie-Pertussis (Tdap)-Auffrischimpfung herab. Nunmehr soll diese spätestens mit 16 Jahren erfolgen.

Hintergrund ist unter anderem die epidemiologische Pertussis-Situation in Deutschland und der schwere klinische Verlauf einer Pertussis-Erkrankung im Säuglingsalter. Deshalb rät die STIKO dringend mit der Grundimmunisierung frühestmöglich zu beginnen - vorzugsweise unmittelbar nach Vollendung des 2. Lebensmonats. Auffrischimpfungen sollten mit 5 bis 6 Jahren und 9 bis spätestens 16 Jahren erfolgen.

Aktuelle Tetanus-Postexpositionsprophylaxe

Eine Infektion mit Tetanus-Bakterien und dessen Sporen sind selbst bei geringfügigen Verletzungen möglich. Deshalb ist auch bei Bagatellverletzungen der Impfstatus zu überprüfen. Ob ein Kombinationsimpfstoff (TDaP/Tdap) oder ein Tetanus-Immunglobulin (TIG) gewählt werden sollte, hat die STIKO in der aktualisierten Tabelle zur Tetanus-Immunprophylaxe im Verletzungsfall festgelegt.

Eine Nivellierung gibt es zudem bei den Empfehlungen zur Gabe von Tetanusimmunglobulin (TIG). TIG wird jetzt auch bei Personen mit sau¬beren, geringfügigen Wunden empfohlen, wenn der Impfstatus unbekannt oder der Betroffene ungeimpft ist. Die aktuellen TIG-Empfehlungen bei allen anderen Wunden können im Epidemiologischen Bulletin 34/2018 auf Seite 367 nachgelesen werden.

Weitere Neuerungen zu Herpes zoster, Meningokokken und FSME

Herpes zoster

Seit März 2018 gibt es einen adjuvantierten Subunit-Totimpfstoff (Shingrix) zum Schutz vor Herpes zoster (HZ) und postherpetischer Neuralgie (PHN). Der seit Mai 2018 verfügbare Impfstoff ist für Personen ab dem Alter von 50 Jahren zugelassen. Eine Impfung kann laut STIKO nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung sinnvoll sein.

Meningokokken

In Deutschland sind zwei Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe B zugelassen: Bexsero für Personen ab 2 Monaten und Trumenba ab 10 Jahren. Die STIKO gibt gegenwärtig aber noch keine Impfempfehlung. Die bisher vorliegenden Studienergebnisse und die daraus resultierende Evidenz sind für eine abschließende Entscheidung noch unzureichend.

FSME

Die STIKO ergänzte Bezirke, die derzeit als Risikogebiete für Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) eingestuft werden. Entsprechend den aktuellen Empfehlungen handelt es sich bei den zusätzlich aufgeführten Regionen um die Landkreise:

  • München, Günzburg, Augsburg, Weilheim-Schongau und Starnberg in Bayern
  • Bautzen, Zwickau und den Erzgebirgskreis in Sachsen
  • Suhl und den LK Ilm-Kreis in Thüringen.

Hinweise für ein sicheres Impfmanagementsystem

Die STIKO aktualisiert und ergänzt die Empfehlungen im Abschnitt „Hinweise zur Durchführung von Schutzimpfungen“. Neue Kapitel gibt es zum „Impfmanagement in der Arztpraxis“ und zu „Impfempfehlungen für MigrantInnen und Asylsuchende nach Ankunft in Deutschland“.

Die Ergänzungen beziehen sich vor allem auf ein gutes Managementsystem mit koordinierten Arbeitsabläufen und festgelegten Zuständigkeiten. Die Impfexperten empfehlen für ein sicheres Impfmanagementsystem insbesondere:

  • regelmäßige Patientenkontakte im Rahmen routinemäßiger Kontrolluntersuchungen (U-Untersuchungen, Check-Ups, Vorsorgetermine) sowie Impftermin-Einladungssysteme (postalisch, telefonisch, per Mail)
  • eine effiziente Verteilung von organisatorischen Aufgaben (inkl. Mitarbeiter-Schulungen)
  • Unterstützung durch das Praxispersonal (Terminzettel, Impfpasseinträge, Aushändigen von Informationsmaterial)
  • sachgerechte Lagerung von Impfstoffen (licht- und wärmegeschützt in der Originalverpackung bei +2 bis +8 Grad Celsius) sowie Bestandskontrolle und Logistik
  • Zeitpunkt-optimierte Impfstoffvorbereitungen und regelkonforme Injektionen der Impfstoffe (Einwirkzeiten von Desinfektionsmitteln beachten, geeignete Injektionsstellen auswählen).

Empfehlungen für MigrantInnen und Asylsuchende

Bei in Deutschland lebenden Migranten und Asylsuchenden kann der Impfstatus häufig nicht überprüft werden. Mündliche Informationen über vorangegangene Immunisierungen sind meist mangelhaft und Impfdokumente fehlen.

Nicht dokumentierte Impfungen gelten vereinbarungsgemäß als nicht gegeben und sollten entsprechend den STIKO-Empfehlungen nachgeholt werden (Grundimmunisierung und Auffrischimpfungen). Mündlichen, glaubwürdigen Angaben zu früheren Impfungen ist nur in Ausnahmefällen zu vertrauen.

Die Übernahme der Kosten für öffentlich empfohlene Schutzimpfungen ist bei Asylsuchenden durch das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG § 4 (3)) geregelt. Bei allen anderen MigrantInnen übernimmt in der Regel die jeweilige Krankenversicherung die Impf-Kosten.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 03.09.2018

Quelle:

RKI, Epidemiologisches Bulletin 2/2018; 26/2018; 34/2018

  • Auf Whatsapp teilenTeilen
  • Auf Facebook teilen Teilen
  • Auf Twitter teilenTeilen
  • Auf Google+ teilenTeilen
  • MerkenMerken
  • DruckenDrucken
  • SendenSenden
Anzeige

Meistgelesene Meldungen

Orphan Disease Finder

Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen:

 

Pharma News

Innere Medizin

Newsletter