Alarmierender Influenza-Saisonbericht: schwere Grippewelle 2017/18

Der neue Influenza-Saisonbericht ist fertig und die Zahlen sind alarmierend. Die Grippewelle 2017/18 verlief außergewöhnlich schwer. Die Bevölkerung muss noch stärker über den Nutzen einer Grippeschutzimpfung aufgeklärt werden.

Impfstoff

Die Grippewelle im Winter 2017/18 zeigte einen außergewöhnlich schweren Verlauf, so das abschließende Resümee der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert Koch-Institut. Nach umfangreicher epidemiologischer Auswertung (2018; DOI: 10.25646/5674) steht fest, dass es geschätzte neun Millionen Influenza-bedingte Arztbesuche gab. Das sind zwei Millionen mehr als bei den schweren Grippewellen 2012/13 und 2014/15. Dabei gibt es mit der Grippeschutzimpfung eine relativ gute Schutzmaßnahme - dazu noch regelmäßiges Händewaschen mit Seife und Abstand von Erkrankten und das Erkrankungsrisiko könnte deutlich gesenkt werden. Gleichzeitig würde auch die Zahl schwerer Krankheitsverläufe und grippebedingter Todesfälle minimiert.

Zahl grippebedingter Arztbesuche so hoch wie nie

Die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen in der letzten Grippesaison wurde, gemessen am Praxisindex, als stark erhöht beurteilt. Um den Praxisindex zu bestimmen, melden deutschlandweit etwa 550 Arztpraxen ehrenamtlich die Zahl der Patienten, die mit akuten respiratorischen Symptomen vorstellig werden. In der Grippesaison 2017/18 wurde mit geschätzten rund neun Millionen (95 %-KI 8 – 10 Millionen) Arztbesuchen der bislang höchste Praxisindex gemessen. Es gab seit 2001, als das RKI die wissenschaftliche Federführung der AGI und 2009 die vollständige Abwicklung übernommen hat, keine andere Grippewelle, in der Husten, Schnupfen und Atemwegsprobleme so viele Menschen zum Arzt führten. Influenza-assoziierte Arbeitsunfähigkeiten bzw. Pflegebedürftigkeit oder die Notwendigkeit von Bettruhe bei Patienten, die keine Krankschreibung benötigen, wurden auf 5,3 Millionen (95 %-KI 5,1 – 5,5 Millionen) geschätzt. Besonders betroffen war die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen.

Mehr Klinikaufenthalte und höhere Übersterblichkeit

Ähnliche Daten zeigten sich auch bei der Auswertung von Klinikaufenthalten, die auf respiratorische Akuterkrankungen zurückgingen. Die Anzahl der Influenza-bedingten Hospitalisierungen primärversorgter Patienten lag mit geschätzten 45.000 (95 %-KI 42.000 – 47.000) ebenfalls höher als die Schätzungen für 2012/13 und 2014/15. Besonders betroffen waren Menschen ab dem 35. Lebensjahr. Auf Intensivstationen wurden mehr Patienten mit schweren akuten Atemwegserkrankungen aufgenommen als in den letzten drei Saisons. Bedenkliche Zahlen ergab auch die Auswertung der „Übersterblichkeit“ im Zeitraum der letzten Grippewelle. In Berlin verstarben geschätzt 1.100 mehr Patienten mit Atemwegserkrankungen als in der Grippesaison 2016/17. 

Von Dezember 2017 bis April 2018 meist Influenza-B-Viren

Jährlich bewerten Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am RKI in Zusammenarbeit mit Landeslabors aus sechs Bundesländern und den deutschen Gesundheitsämtern die saisonale Influenza-Aktivität und den Zeitraum der Grippewelle. Dafür werden Daten mit unterschiedlichen Systemen erfasst und beurteilt. Das Nationale Referenzzentrum für Influenza (NRZ) ergänzt diese Analysen durch Informationen über die zirkulierenden Influenzaviren.

Die diesjährige Auswertung ergab, dass die letzte Grippewelle in der 52. KW 2017 begann und mit der 14. KW 2018 Anfang April endete. Mit Ausnahme von Kleinkindern zwischen null und vier Jahren wurden mit rund 68 Prozent die meisten Erkrankungen durch Influenza B-Viren verursacht. In 28 Prozent der Fälle handelte es sich um eine Influenza A(H1N1)pdm09-Infektion. Influenza A(H3N2)-Viren wurden nur in 4 Prozent der Proben nachgewiesen.

WHO empfiehlt angepasste Grippeschutzimpfstoffe

Influenza B-Viren dominierten von Beginn an. Die Viren gehörten mit 99 Prozent fast ausschließlich der Yamagata-Linie an. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfahl für den weltweit gebräuchlichsten trivalenten Impfstoff in der letzten Saison jedoch Viren aus der Victoria-Linie (neben zwei anderen Komponenten). Von dieser Linie stammte jedoch nur 1 Prozent der zirkulierenden Grippeviren ab.

Deshalb setzt die WHO für die Saison 2018/19 im Vergleich zur Saison 2017/18 auf eine abweichende Zusammensetzung des Dreifachimpfstoffs gegen Influenza:

  • Influenza A(H1N1)-Komponente, unverändert: ein A/Michigan/45/2015 (H1N1)pdm09-ähnliches Virus
  • Influenza A(H3N2)-Komponente, neu: ein A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016 (H3N2)-ähnliches Virus 

  • Influenza B-Komponente, neu: ein B/ Colorado/06/2017-ähnliches Virus (Victoria-Linie).

STIKO-Empfehlungen für Grippeschutzimpfung

Die Impfexperten der STIKO haben im Januar 2018 für die folgende Grippesaison eine Impfung mit quadrivalenten Impfstoffen (QIV) empfohlen. Vierfachimpfstoffe enthalten neben den oben genannten Komponenten eine zweite B-Variante. Wie in der letzten Saison 2017/18 wurde auch dieses Mal wieder ein B/Phuket/3073/2013-ähnliches Virus aus der Yamagata-Linie gewählt.

Die STIKO empfiehlt die Grippeschutzimpfung für alle Personen über 60, für chronisch Kranke und Schwangere sowie für Menschen in Medizin- und Pflegeberufen. In der Praxis zeigen sich aber gerade bei der letzteren Gruppe vernichtende Zahlen. Erst im Juli hatte das RKI die viel zu niedrigen Impfquoten in Krankenhäusern bemängelt. Nach Auswertung der Daten waren in der Grippesaison 2016/17 bei den Ärzten nur 61,4 Prozent geimpft, beim Pflegepersonal lag der Anteil bei lediglich 32,5 Prozent und bei therapeutischen Berufen bei 34,2 Prozent. In der allgemeinen Bevölkerung sieht es leider auch nicht viel besser aus. Bei den Senioren hatten sich gerade einmal 34,8 Prozent der über 60-Jährigen für eine Grippeschutzimpfung entschieden.

Fazit

Die Bevölkerung ist bei der Grippeschutzimpfung impfmüde geworden. Einerseits wird die Schwere einer Influenza unterschätzt. Da gilt es noch besser zu informieren und aufzuklären. Andererseits bemängeln viele die unsichere Schutzwirkung der Impfstoffe, so dass sich eine Impfung nicht lohnen würde. Ja, es stimmt: Selbst bei größtmöglicher vermuteter Übereinstimmung kann eine Grippeschutzimpfung keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Dennoch wird die Schutzwirkung von den meisten Experten als gut bis sehr gut eingeschätzt. Nach Angaben des RKI kann die Schutzrate bei gesunden Menschen bis zu 90 Prozent betragen. Neben Händewaschen mit Seife und Abstandhalten von Erkrankten zählt die Grippeschutzimpfung zu den zuverlässigsten Maßnahmen, einer Grippe vorzubeugen. Mit ihr können nach wie vor sehr viele Grippeerkrankungen, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle verhindert werden. „Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten“, betont RKI-Präsident Prof. Lothar H. Wieler nachdrücklich.

Autor: Dr. Christian Kretschmer

Stand: 17.09.2018

Quelle:

Robert Koch-Institut, www.rki.de: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2017/2018 (2018; DOI: 10.25646/5674)

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