Lipidsenker im Alter wirkungslos?

Einer neuen Studienanalyse zufolge scheinen Erwachsene über 65 Jahre nicht von einer primären kardiovaskulären Prävention durch Statine zu profitieren.

Herzfrequenz

Kardiovaskuläre Erkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen weltweit.  Statine wirken präventiv bei Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko – so der Tenor der letzten Jahre. Bei jungen Menschen ist dies hinreichend belegt. Anders hingegen könnte es sich bei Senioren ab dem 65. Lebensjahr verhalten. Nach den Ergebnissen einer Post-hoc Subanalyse der großen randomisierten, lang angelegten, multizentrischen Open-Label Studie ALLHAT-LLT kommen Wissenschaftler zu dem Ergebnis (2017; DOI:10.1001/jamainternmed.2017.1442), dass Senioren nicht unbedingt von Statinen zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen profitieren. Möglicherweise schaden Lipidsenker im Alter sogar eher, als dass sie nutzen.

Sekundäranalyse von Probanden über 65 Jahren

Bislang gibt es schon mehrere Studien über die primärpräventive Wirkung von Statinen im höheren Lebensalter. Die Ergebnisse können jedoch als inkonsistent bezeichnet werden. Aufgrund fehlender eindeutiger und transparenter Daten gibt es keine einheitlichen Evidenz-basierten Empfehlungen zur Primärprophylaxe mit Statinen bei Senioren. Und dennoch sind genau diese Statin-Verordnungen im Alter nicht selten.

Auf diese Patientengruppe konzentrierten sich daher jetzt Wissenschaftler in einer Subgruppen-Auswertung der ALLHAT-LLT-Studie. In die Sekundäranalyse flossen Daten von 2.867 Studienteilnehmern mit mindestens 65 Lebensjahren ein. Bei allen Probanden wurde eine Hyperlipidämie in Verbindung mit einem Hypertonus diagnostiziert, jedoch ohne Anhalt für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zur Primärprävention erhielten 1.467 Verum-Probanden täglich 40 mg Pravastatin. 1.400 Teilnehmer der Kontrollgruppe bekamen die üblichen prophylaktischen Maßnahmen.

Auswertung: Signifikanter Trend einer höheren Gesamtmortalität

Am Anfang der Untersuchungsreihe der post-hoc-Analyse lag die durchschnittliche LDL-Cholesterol-Konzentration in beiden Gruppen bei 148 mg/dl (147,7 Verumgruppe vs. 147,6 mg/dl Kontrollgruppe). Sechs Jahre später unterschieden sich die Werte. In der Pravastatin-Gruppe wurden 109,1 mg/dl gemessen, in der Kontrollgruppe 128,8 mg/dl. Trotz differenter Werte ergaben sich jedoch keine Unterschiede bei der Ereignisrate kardiovaskulärer Krankheiten und in der Gesamtmortalität. Im Gegenteil: Die Forscher erkannten einen signifikanten Trend einer höheren Gesamtmortalität bei Senioren ab dem 75. Lebensjahr. Damit unterscheidet sich das Resultat beispielsweise von dem der Markov Modeling-Studie aus dem Jahr 2015.

Nebenwirkungen beachten

2015 fiel das Fazit noch zugunsten der Statine aus. Diese schützen selbst Patienten über 75 Lebensjahren noch wirksam – und kostengünstig – vor kardiovaskulären Erkrankungen. Aber: Schon damals merkten die Studienautoren an, dass Statin-assoziierte Nebenwirkungen den Vorteil von Statinen umkehren können. Mit steigendem Alter erhöht sich nachweislich das Risiko für Statin-assoziierte Nebenwirkungen, insbesondere Myopathien, Myalgien und Myasthenien. Das steht möglicherweise dem kardiovaskulär-protektivem Schutz von Statinen entgegen.

Senioren in Studien öfter berücksichtigen

Redundant wird in Kollegenkreisen bemängelt, dass Pharmastudien ohne Berücksichtigung von älteren Patienten abgeschlossen werden. Dabei ist bekannt, dass sich das Pharmakotherapie-Profil von Patienten jungen bzw. mittleren Alters von Patienten im geriatrischen Alter unterscheidet. Trotz des demografischen Wandels werden Senioren aber nur bedingt und viel zu selten in Studien erfasst. Und das, obwohl der Anteil der älteren Bevölkerung sukzessive zunimmt.

Zudem sollte erwähnt werden, dass die Indikation zur Senkung der LDL-Cholesterol-Konzentration zur Primärprävention von Patienten mit erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hauptsächlich anhand des ESC-Scores oder Framingham-Scores gestellt wird. Der ESC-Score ist allerdings nur für Patienten bis zum 65. Lebensjahr, der Framingham-Score bis 79 Lebensjahre, anwendbar.

Problematik der Studie – Autorenkommentar

Eine allumfassend-verlässliche Aussagekraft kann der Subanalyse leider nicht zugesprochen werden. Zum einen war die ALLHAT-LLT-Studie keine ursächlich für ältere Probanden ausgelegte und geplante Studie. Zudem war die Post-hoc Auswertung eine Open-Label-Analyse. Des Weiteren sollte nicht vergessen werden, dass unzählige Studien zuvor die positiven kardioprotektiven Effekte von Statinen auch im höheren Lebensalter belegt haben. Selbstverständlich muss aber auch das potenzielle Risiko unerwünschter Ereignisse nach einer Statinverordnung im Auge behalten werden.

Myopathien, Arthropathien, kognitive Dysfunktionen oder eine erhöhte Verletzungsgefahr sind nicht unerhebliche Risiken einer Statintherapie bei Senioren. Deshalb sollte vor jeder Verordnung eines Statins zur kardiovaskulären Primärprävention der individuelle Patientenstatus berücksichtigt werden.

Zukunftsaussichten

Möglicherweise erwarten uns Ende des Jahres 2020 endgültige Ergebnisse. Seit Juli 2015 läuft in Australien eine Studie mit 18.000 Patienten älter als 70 Lebensjahre. Die STAREE-Studie (Statins in Reducing Events in the Elderly) soll unter anderem zeigen, ob sich die Gesamtüberlebensrate von Senioren durch eine Statintherapie gegenüber einer Placebobehandlung verlängern lässt. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Therapieempfehlungen für geriatrische Patienten entwickeln.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 26.06.2017

Quelle:

JAMA Internal Medicine

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