Markteinführung von Liraglutid bei Adipositas

Das Inkretinmimetikum Liraglutid (Handelsname Saxenda von Novo Nordisk) ist seit Anfang April 2016 auch zur Gewichtsabnahme bei Übergewicht und Adipositas erhältlich.

Adipostitas (Fettsucht)

Das Inkretinmimetikum Liraglutid (Handelsname Saxenda von Novo Nordisk) ist seit Anfang April 2016 auch zur Gewichtsabnahme bei Übergewicht und Adipositas erhältlich. Zuvor galt die Zulassung nur für die Behandlung von Diabetes. Der Wirkstoff wird als Injektionslösung im Fertigpen angeboten. Die Verordnung kann ergänzend zu einer Diät und verstärkter körperlicher Aktivität zur Gewichtsabnahme bei Erwachsenen erfolgen:

  • bei fettleibigen Personen mit einem BMI von 30 und höher
  • bei übergewichtigen Personen mit einem BMI zwischen 27 und 30, die mit dem Gewicht verbundene Gesundheitsprobleme wie Diabetes, pathologisch erhöhte Blutfettwerte, Hypertonie oder obstruktive Schlafapnoe haben.

Die erweiterte Indikation zur Gewichtsregulierung basiert auf Ergebnissen verschiedener SCALE-Studien.

So wirkt Liraglutid

Liraglutid gehört zur Gruppe der langwirksamen Inkretinmimetika. Der Wirkstoff bindet an Glucagon-like Peptid 1-Rezeptoren (GLP-1-Rezeptoren), aktiviert diese und imitiert die Wirkung von GLP-1. GLP-1 ist ein gastrointestinales Hormon, das unter anderem in der Darmmukosa gebildet wird. Es stimuliert glucoseabhängig die Bildung und Freisetzung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse. Zudem hemmt GLP-1 die Glucagon-Ausschüttung, verzögert die Magenentleerung und reduziert die Magensäuresekretion. Der genaue Wirkmechanismus zur Gewichtsabnahme ist noch nicht vollständig erforscht. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass Liraglutid auf die Regionen im Gehirn wirkt, die den Appetit regulieren. Dabei soll der Wirkstoff an GLP-1-Rezeptoren in Gehirnzellen binden und so ein Sättigungsgefühl herbeiführen beziehungsweise das Hungergefühl reduzieren. Infolge wird weniger gegessen und die Pfunde purzeln.

Liraglutid in Studien Placebo überlegen

In vier multinationalen, placebokontrollierten Phase-III-Studien mit insgesamt 5358 übergewichtigen und adipösen Patienten konnte gezeigt werden, dass Liraglutid Placebo signifikant überlegen war. So ergab die größte der Studien, die SCALE-Obesity and Prediabetes-Studie, dass 63,5 Prozent der übergewichtigen Patienten mit Komorbiditäten 5 Prozent ihres Gewichts verloren. 32,8 Prozent der Patienten nahmen sogar mehr als 10 Prozent ihres Körpergewichts ab. Das klingt zunächst nicht nach viel, doch Dr. Jens Aberle, ärztlicher Leiter vom Team des Universitären Adipositas-Centrum Hamburg betont: „Bereits ein Gewichtsverlust von 5 bis 10 Prozent kann für die Gesundheit der Betroffenen von signifikantem Nutzen sein“. Im Vergleich zur Placebogruppe verbesserten sich unter Liraglutid die Blutdruckwerte signifikant, ebenso verringerte sich der Taillenumfang deutlicher.

Die SCALE-Diabetes-Studie zeigte insbesondere bei Prädiabetes und Diabetes vom Typ II deutlich verbesserte glykämische Parameter, wenn Liraglutid statt Placebo gegeben wurde.

Auch die Daten der SCALE-Sleep-Apnoe-Studie überzeugten. Liraglutid führte gegenüber Placebo gewichtsabnahmebedingt zu einer signifikanten Verbesserung der Beschwerden von übergewichtigen/adipösen Patienten mit mittelschwerer oder schwerer obstruktiver Schlafapnoe.

In der SCALE-Maintenance-Studie wurde die langfristige Wirksamkeit beurteilt. Patienten mit einer 5-prozentigen Gewichtsreduktion nach zwölfwöchiger Behandlung verloren nach 56 Wochen weiterhin 6,2 Prozent ihres Körpergewichts. 80 Prozent aller mit Liraglutid behandelten Patienten, die 5 Prozent und mehr abnahmen, konnten das Ergebnis auch nach 56 Wochen halten.

Liraglutid auch nach drei Jahren erfolgreich

Auch nach einer dreijährigen Behandlungsdauer kann Liraglutid punkten. Aktuelle Daten einer Phase 3a SCALE Adipositas and Prädiabetes Drei-Jahres-Studie zeigen, dass mit Liraglutid behandelte Patienten mehr an Gewicht verloren als die Probanden der Placebo-Gruppe (6,1 vs. 1,9 Prozent). Zudem konnte festgestellt werden, dass Liraglutid, über 160 Wochen angewendet und kombiniert mit angepasster Ernährung und gesteigerter körperlicher Aktivität, die kardiometabolischen Risikofaktoren wie Hypertonie, erhöhte Blutfettwerte und starker Taillenumfang signifikanter verbessert als Placebo. Im Ergebnis kann so auch das Auftreten von Diabetes Typ II hinaus gezögert werden.

Hohe Patienten-Erwartungen

Die Anzahl adipöser Menschen mit einem BMI von 30 und höher hat sich seit 1980 fast verdoppelt. Rund jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist adipös - so Prof. Dr. Andreas Pfeiffer auf einer Pressekonferenz von Novo Nordisk. Die Saxenda-Nachfrage in der Praxis wird vermutlich hoch sein. Schon lange vor der Markteinführung war das Interesse an der Diätspritze groß. Vor allem sehr stark adipöse Patienten setzen große Erwartungen und Hoffnungen in das neue Abnehmmittel. Ob diese gerechtfertigt sind, bleibt offen. Denn auch bei dieser Therapie stehen eine kalorienangepasste Ernährung und sportliche Betätigung im Vordergrund. Nur Pharma allein kann und wird das Gewichtsproblem nicht lösen. Zudem bleibt abzuwarten, wie sich Liraglutid auf die Bauchspeicheldrüse auswirkt.

Auf Nebenwirkungen hinweisen

Bislang wurde die Therapie relativ gut vertragen. Patienten sollten jedoch auf das erhöhte Risiko von Hypoglykämien hingewiesen werden, wenn gleichzeitig Insulin gespritzt oder Sulfonylharnstoffe eingenommen werden. Die verzögerte Magenentleerung könnte die Resorption weiterer Medikamente beeinflussen. Hierzu sind bislang aber noch keine klinisch relevanten Interaktionen bekannt. Ebenfalls sollten Patienten über Symptome einer Pankreatitis aufgeklärt werden. Möglicherweise erhöht die langfristige Einnahme von Liraglutid das Risiko, an einer Pankreatitis zu erkranken oder sogar ein Pankreaskarzinom zu entwickeln.

Originaldateien:

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 18.04.2016

Quelle:

European Medicines Agency (EMA), Novo Nordisk Pharma GmbH, journalMed

  • Auf Whatsapp teilenTeilen
  • Auf Facebook teilen Teilen
  • Auf Twitter teilenTeilen
  • DruckenDrucken
  • SendenSenden
Orphan Disease Finder
Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen: