Mavenclad – EU-Erstzulassung von oraler Kurzzeittherapie bei Multipler Sklerose

Mit Mavenclad erhält erstmalig ein Medikament in Europa die Marktzulassung zur oralen Kurzzeitbehandlung von schubförmiger Multipler Sklerose (MS) mit hoher Krankheitsaktivität.

Mavenclad – EU-Erstzulassung von oraler Kurzzeittherapie bei Multipler Sklerose

Mavenclad (Wirkstoff Cladribin) der Firma Merck hat die EU-Zulassung zur oralen Kurzzeitbehandlung von schubförmiger Multipler Sklerose in allen 28 Ländern der Europäischen Union sowie in Island, Liechtenstein und Norwegen erhalten. Erste Markteinführungen wird es in Deutschland und Großbritannien bereits am 15. September 2017 geben. Mavenclad eröffnet Ärzten wie Patienten eine völlig neuartige Behandlungsoption. Das Medikament erzielt bei Multipler Sklerose mit hoher Krankheitsaktivität eine effektive Wirkung hinsichtlich der Behinderungsprogression, annualisierten Schubrate und Krankheitsaktivität gemäß Magnetresonanztomographie-Befund.

Kurzzeitbehandlung wirkt bis zu vier Jahre

Mavenclad (Cladribin) wirkt als selektive Immunrekonstitutionstherapie (SIRT) mit vereinfachtem Einnahmekonzept. Das Arzneimittel wird an maximal 20 Tagen innerhalb eines Behandlungszeitraums von zwei Jahren eingenommen und wirkt nachweislich bis zu einem Zeitraum von vier Jahren. Die Marktzulassung basiert auf Daten von mehr als 2.700 Patienten mit über 10.000 Patientenjahren und Nachbeobachtungszeiten von bis zu zehn Jahren. Wirksamkeits- und Sicherheitsergebnisse ergaben sich aus den Phase-3-Studien CLARITY, CLARITY EXTENSION und ORACLE MS, der Phase-2-Studie ONWARD sowie aus Daten der Langzeitbeobachtung aus dem prospektiven Register PREMIERE.

Langfristig reduzierte Schubrate und Behinderungsprogression

Post-hoc-Analysen der zweijährigen Phase-III-Studie CLARITY zeigten, dass Mavenclad bei MS-Patienten mit hoher Krankheitsaktivität die annualisierte Schubrate um 67 Prozent im Vergleich zu Placebo senkte. Zudem reduzierte sich das Risiko einer bestätigten EDSS-Progression in einem Zeitraum von sechs Monaten um 82 Prozent – verglichen mit Placebo. Die Phase-III-Erweiterungsstudie CLARITY EXTENSION belegte, dass der Therapieerfolg im dritten und vierten Studienjahr ohne weitere Behandlung mit Mavenclad anhielt.

Wirkweise Cladribin

Cladribin wirkt als Nukleosid-Analogon des Desoxyadenosins immunmodulierend und antineoplastisch. Wie genau Cladribin seine therapeutische Wirkung bei Multipler Sklerose entfaltet ist noch nicht im Detail bekannt. Im Pathomechanismus der MS spielen vor allem B- und T-Lymphozyten eine entscheidende Rolle. Es wird vermutet, dass Cladribin die B- und T-Zellen selektiv beeinflusst und so die Kaskade von Immunereignissen unterbricht. Zudem hat Cladribin primär Apoptose-induzierende Eigenschaften. In ruhenden Zellen vermittelt der Wirkstoff DNA-Einzelstrangbrüche, einen raschen Verbrauch von Nikotinamid-Adenin-Dinukleotiden, ATP-Mangel und letztlich den Zelltod. Des Weiteren liegen Hinweise vor, dass nach Cladribin-Gabe Cytochrom C und Apoptose-induzierende Faktoren in das Zytosol von sich nicht teilenden Zellen ausgeschüttet werden. In Folge kommt es direkt zur Caspase-abhängigen und -unabhängigen Apoptose.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Die häufigsten Nebenwirkungen während der Behandlung mit Mavenclad waren Lymphopenie, Herpes zoster, Hautausschlag und Alopezie. Die Lymphozytenzahl muss vor und während der Therapie bestimmt werden.

Mavenclad ist für immunkompromittierte Patienten, Patienten mit aktiven malignen Erkrankungen und Schwangere kontraindiziert.

Innovative Behandlungsoption mit hohen Erwartungen

Mavenclad gilt als innovative Behandlungsoption in der Therapie schubförmiger MS mit hoher Krankheitsaktivität. Die Erwartungen von Patienten und Ärzten sind gleichermaßen hoch. Belé Garijo, CEO Healthcare und Mitglied der Geschäftsleitung von Merck ist überzeugt: „Dies ist ein entscheidender Fortschritt bei der Behandlung von MS, der erneut unser unermüdliches Engagement für die Verbesserung der Patientenversorgung belegt.“ Auch Gavin Giovannoni, Professor für Neurologie am Barts and The London School of Medicine and Dentistry der Queen Mary University of London äußerst sich optimistisch zur Marktzulassung von Mavenclad: „Dies ist ein aufregender Moment, der zudem die MS-Behandlung entscheidend verändern wird“.  

Es wäre wünschenswert, dass Mavenclad die hohen Erwartungen auch erfüllen kann. Wie Anne Winslow, Präsidentin der Europäischen MS-Plattform (EMSP), sagt: „Multiple Sklerose betrifft über 700 000 Menschen in ganz Europa und kann bis heute nicht geheilt werden. Neue Behandlungsoptionen werden entscheidend dazu beitragen, die Lebensqualität der Menschen mit aktiver schubförmiger MS zu verbessern.


Datum: 13.09.2017

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Quelle: Merck Serono GmbH, European Medicine Agency