Medikamenteneinnahme und Anästhesie

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzte (AkdÄ) gibt in ihrer aktuellen Ausgabe der Arzneiverordnungen in der Praxis (Band 46, Ausgabe 1-2, März 2019) einen Überblick, welche Medikamente vor Narkosen abgesetzt werden sollten.

Anästhesie

Anästhesie ist sehr sicher geworden

Dass die Anästhesie sehr sicher geworden ist, liegt zum einen an der Verbesserung der Narkoseverfahren und Geräte, zum anderen aber auch an den heute verfügbaren Narkotika.

Schwerwiegende lebensbedrohliche Nebenwirkungen, wie anaphylaktischer Schock oder Leberzellnekrosen, sind selten geworden und die maligne Hyperthermie bei genetisch disponierten Patienten  ist gut behandelbar.

Die neuen volatilen Anästhetika belasten Leber und Niere kaum noch, was ihrem Metabolismus geschuldet ist. Hatte das früher häufig verwendete Halothan noch zu 20% hepatisch verstoffwechselt, so werden die modernen Anästhetika wie Desfluran mit 0.02%, Isofluran 0,2% und Sevofluran 5% hepatisch verstoffwechselt. Sie scheinen auch organprotektive Effekte zu besitzen, weshalb besonders kardiovaskulär vorerkrankte Patienten von ihrem Einsatz profitieren.

10-N-Regel als Ziel einer guten Narkoseführung

Das Ziel einer heutigen Narkoseführung ist die Aufrechterhaltung aller Vital- und Laborparameter und physiologischer Parameter im Normbereich eine sogenannte Euhomöostase (10-N-Regel: Normovolämie, Normotension, Normokapnie, Normoglykämie, Normofrequenz, Normoxämie, Normothermie, Normonatriämie, No fear, No pain)

Zwar ist die Anästhesie in den vergangenen Jahren sehr sicher geworden ist, dennoch gibt es immer noch einige Arzneimittel, die vor einer Narkose abgesetzt werden sollten, wie die Autoren Dr. Schreiner und Prof. Kehl betonen.

In ihrer Übersichtsarbeit geben die beiden Autoren Empfehlungen im Umgang mit präoperativen und präanästhesiologisch bestehenden Dauermedikationen wie Antihypertonika, Antidiabetika und weiteren Wirkstoffgruppen.

Sie unterscheiden folgende Empfehlungshinweise:

  • Aussetzen: am OP Tag morgens nicht verordnen, bei komplikationslosem Verlauf abendliche Gabe nach Plan
  • Fortführen: Einnahme nach Plan
  • Pausieren: einnahmepause vor der Anästhesie, postoperatives Ansetzen nach individueller Entscheidung. Die Empfehlungen können je nach Fachgesellschaft variieren.

Antihypertonika

Nach heutigem Erkenntnisstand soll eine Hypotonie während der Narkose vermieden werden. Deshalb müssen Begleitmedikationen, die eine arterielle Hypotonie unter Narkose begünstigen, vor der Narkose ausgesetzt werden. Dies betrifft beispielweise ACE-Hemmer, AT-Rezeptorblocker, Ca2+ -Antagonisten. Die Gabe von Diuretika kann zu Hypovolämie führen, deshalb sollen Diuretika ebenfalls ausgesetzt werden.

Antidiabetika

  • Eine Hypoglykämie sollte ebenso wie eine Hyperglykämie vermieden werden. Die Autoren geben in ihrer Übersichtsarbeit Hinweise für die einzelnen Wirkstoffgruppen. Metformin sollte beispielsweise 48 Stunden pausiert werden, da das Risiko einer zwar seltenen aber tödlichen Laktatazidose bestehen kann. SGLT-2-Inhibitoren, wie Canagliflozin, Dapagliflozin, Empagliflozin und Ertugliflozin, sollten nach Informationen der Hersteller ebenfalls pausiert werden. Die Behandlung soll postoperativ erst bei normaler Nierenfunktion fortgeführt werfen.

Gerinnungshemmer

Außer ASS100, das außer bei neurochirurgischen Operationen, normalerweise weiter eingenommen werden soll, empfehlen die Autoren für Phenprocoumon, Clopidogrel, Ticagrelor und alle NOAKs das Pausieren der Therapie. Die Dauer der Pausierung allerdings ist von Wirkstoff zu Wirkstoff unterschiedlich.

Psychopharmaka, Analgetika, Hormone und weitere Arzneimittel

Die Einnahme von Psychopharmaka, Analgetika und Hormonen werden in der Regel auch prä- und postanästhetisch fortgeführt, wie der Tabelle in der Übersichtsarbeit zu entnehmen ist.

Ältere Patienten

Bei älteren Patienten kann die Gabe von Arzneimitteln, wie Pethidin, Antihistaminika, Spasmolytika, trizyklische Antidepressiva und Atropin, ein erhöhtes Risiko für das Auftreten eines Delirs mit sich führen.

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 21.03.2019

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