Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Mycobacterium abscessus doch möglich

Das nicht-tuberkulöse Bakterium Mycobacterium abscessus kann offenbar entgegen der bisherigen Annahme auch von Mensch zu Mensch übertragen werden. Eine gegenseitige nosokomiale Ansteckung mit dem Erreger birgt insbesondere bei Mukoviszidose-Patienten die Gefahr invasiver Lungenschädigungen.

mycobacterium

Infektionen mit dem multiresistenten Mycobacterium abscessus sind insbesondere für Patienten mit Cystischer Fibrose (CF) gefährlich. Sie beschleunigen entzündliche Lungenschäden und erhöhen so Morbidität und Mortalität. Zudem gilt eine Infektion mit dem Erreger in vielen Lungenzentren als Kontraindikation für eine Lungentransplantation.
Über die Ausbreitung und Ansteckung des Mycobacterium abscessus in Lungenkliniken berichtet aktuell ein internationales Forscherteam im Fachmagazin Science. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass sich das Bakterium mittlerweile auch direkt unter den Patienten aerogen und/oder über kontaminierte Gegenstände ausbreitet.

Weltweite Zunahmen der Infektionsraten

Die Zahl der gefährlichen nosokomialen Infektionen mit dem Mycobacterium abscessus stieg in jüngster Vergangenheit weltweit an. Früher wurden solche Infektionen als isolierte Einzelfälle beobachtet. Heute sind es immer mehr lungenkranke Patientengruppen, die sich mit dem Bakterium infizieren. Forscher gehen daher von einer kürzlich erfolgten Mutation des Mykobakteriums aus. Andres Floto, Professor am Zentrum für Lungenerkrankungen an der University of Cambridge, Spezialist für Cystische Fibrose und Leiter der Studie spekuliert: „Der Keim scheint ursprünglich aus der Umwelt in die Population der CF-Patienten gelangt zu sein. Wir glauben, dass er sich vor Kurzem so verändert hat, dass er von Patient zu Patient übergehen kann – und das er dabei gefährlicher geworden ist.“

Genetisch verwandte Bakterienproben weltweit

Antworten auf die Frage einer möglichen Mensch-zu-Mensch-Übertragung erhofften sich die Wissenschaftler von Bakterienproben unterschiedlicher CF-Patienten. Dafür analysierte das Forscherteam bakterielles Erbmaterial von 517 Mukoviszidose-Erkrankten aus Europa, Australien und den USA. Die Analyse ergab eine genetisch enge Verwandtschaft der untersuchten Gensequenzen – und zwar nicht nur regional begrenzt, sondern bei den Erreger-Genomen von CF-Patienten weltweit. Floto dazu: „Zu unserer Überraschung und unserem Entsetzen zeigte sich, dass eine Übertragung rund um die Welt auftritt.“
Er und seine Wissenschaftler werten die Erkenntnis als nahezu sicheres Indiz, dass sich das Mycobacterium abscessus innerhalb der CF-Population direkt unter den Patienten ausgebreitet hat und weiter ausbreiten wird. Die Theorie der Patient-zu-Patient-Übertragung wird durch die gemeinsame Resistenz der Bakterien unterstützt. Die Forscher konnten nachweisen, dass das Mycobacterium abscessus auch bei Patienten Resistenzen gegen Langzeitmakrolid-Antibiotika oder Aminoglykoside aufwies, die diese Antibiotika zuvor gar nicht erhalten hatten.

Mutiertes Bakterium gefährlicher als Vorgänger

Zudem entdeckten die Forscher, dass die neue Form des Mycobacterium abscessus, unter anderem die Subspezies M. abscessus massiliense, gefährlicher ist als das aus der Umwelt erworbene Vorläufermodell. Zytologische Reihen und Versuche an Mäusen ergaben, dass pneumologische Infektionen mit dem unter Patienten übertragenen Mykobakterium weitaus schwerer ausfallen und die Lungenfunktion stärker beeinträchtigen als Infektionen mit den genetisch nicht verwandten Umwelt-Erregerformen.

Übertragungsweg noch unklar

Wie sich das Mycobacterium abscessus unter den CF-Patienten ausgebreitet hat, ist noch unklar. Das Forscherteam vermutet, dass gesunde Menschen (möglicherweise Krankenhauspersonal oder Besucher) das Bakterium weitertragen und pneumologisch beeinträchtigte Patienten damit infizieren. Diese Möglichkeit kann als Handlungsgrundlage zukünftiger Schutzstrategien dienen. Professor Julian Parkhill, Leiter des Pathogen Genomics vom Wellcome Trust Sanger Institute, dazu: „Jetzt, da wir das Ausmaß des Problems kennen und anfangen zu verstehen, wie sich die Infektion verbreitet, können wir entsprechend reagieren.“

Mit Bakterien-Tests den Mykobakterien auf der Spur

Die weltweite Ausbreitung des Mycobacterium abscessus zeigt deutlich, dass die Infektionskontrollen noch weitaus stärker und vor allem klinikumfassend einheitlich betrieben werden müssen. In einigen CF-Kliniken gibt es bereits jetzt genormte Screenings auf nicht-tuberkulöse Mykobakterien, zu denen auch das Mycobacterium abscessus gehört. Doch das ist längst nicht in allen Kliniken der Fall. Zudem werden in vielen CF-Zentren Mukoviszidose-Patienten isoliert, um eine Ansteckung untereinander - beispielsweise per Tröpfcheninfektion - zu verhindern. Leider ist auch das kein weltweiter Standard. Des Weiteren könnten besondere Lüftungsaustauschsysteme helfen, Abscessus-Infektionen bei CF zu verhindern. Ob und wann solche Vorkehrungen weltweit zum Standard in Lungenkliniken werden, wird die Zukunft zeigen.

Mycobacterium abscessus in Deutschland

Infektionen mit dem Mycobacterium abscessus sind auch in deutschen Lungenzentren, insbesondere auf Mukoviszidose-Stationen, gefürchtet. Bereits jetzt sind hierzulande bis zu 3 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit Mukoviszidose und mehr als 10 Prozent der erwachsenen CF-Patienten mit dem Erreger infiziert. Exazerbierte Infektionen sind nur schwer therapeutisch beherrschbar. Oft müssen hoch dosierte toxische Antibiotikakombinationen über längere Zeit eingesetzt werden. Uns selbst das bringt nicht immer den gewünschten Erfolg.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 18.11.2016

Quelle:

Science, Ärzteblatt

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