Aknemittel Minocyclin verzögert Beginn von Multipler Sklerose

Das gegen Akne eingesetzte Tetracyclin-Antibiotikum Minocyclin soll einer jüngst publizierten Studie zufolge den Beginn von Multipler Sklerose (MS) für kurze Zeit hinauszögern können.

Frau mit Multiple Sklerose

Das Portfolio an neuen Wirkstoffen gegen Multiple Sklerose erweitert sich ständig. Oft dauert es jedoch, bis die Zulassungsstudien abgeschlossen sind. Zudem sind die meisten neu entwickelten Medikamente teuer. Weniger kostenintensiv wäre es, das Potenzial bereits erprobter und etablierter Arzneistoffe für andere Indikationen zu nutzen. Bei MS könnte so ein bewährter Wirkstoff das Tetracyclin-Antibiotikum Minocyclin sein. Laut einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie (2017; DOI: 10.1056/NEJMoa1608889) könnte durch Minocyclin die Manifestation von MS hinausgezögert werden.

Minocyclin gegen Multiple Sklerose

Bislang wird Minocyclin hauptsächlich in der Akne-Therapie eingesetzt. Möglicherweise hat das Tetracyclin aber auch eine protektive Wirkung bei Multipler Sklerose. Zum einen ist Minocyclin lipophil und kann so die Blut-Hirn-Schranke passieren. Zudem weist es neben seiner antibiotischen Wirkung immunmodulierende, antiinflammatorische und antiapototische Eigenschaften auf. In Folge könnten tatsächlich Inflammation und Oligodendrozyten-Untergang bei Multipler Sklerose gebremst werden. In vergangenen Studien wurde bereits nachgewiesen, dass Minocyclin die Anzahl der Hirnläsionen bei therapierefraktärer MS verringern kann. Diese Erkenntnis muss im Hinblick der schubförmig-remittierenden Verlaufsform jedoch kritisch betrachtet werden. Die von der Multiple Sclerosis Society of Canada initiierte randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie konzentrierte sich nun darauf, wie Minocyclin die Manifestation und Progression der Erkrankung beeinflusst.

Aufbau der Studie

Die kanadische Multiple Sklerose-Fachgesellschaft untersuchte dafür 142 Patienten aus 12 kanadischen Gesundheitszentren. Das Durchschnittsalter lag bei 35,8 Jahren, der Frauenanteil betrug 68,3 Prozent. Alle Probanden hatten neurologische Ausfallerscheinungen im Rahmen eines klinisch isolierten Syndroms, die auf einen Demyelisierungseffekt hindeuteten. Die Probanden wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 1 mit 72 Patienten nahm täglich zwei Tabletten mit dem Wirkstoff Minocyclin ein (pro Tag 100 mg). Die zweite Gruppe (70 Teilnehmer) erhielt gleichsam Placebo-Tabletten.

Studienverlauf: Minocyclin zunächst überlegen

Primärer Endpunkt der Studie war die Manifestation und Diagnose einer Multiplen Sklerose. Zunächst war Minocyclin dem Scheinpräparat überlegen. Nach sechs Monaten waren in der Verumgruppe 23 Probanden an einer MS erkrankt (33,4 Prozent) vs. 41 Teilnehmer (61 Prozent) in der Kontrollgruppe. Nach Berücksichtigung von unterschiedlichen Ausgangsparametern in beiden Gruppen - wie etwaige Differenzen bei der Beteiligung des Rückenmarks oder der Anzahl der im MRT-sichtbaren Läsionen - verringerte sich der Wert von 27,6 Prozentpunkten auf 18,5. Dennoch blieb der Vorteil bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 3,7 bis 33,3 Prozentpunkten, P = 0,01, statistisch signifikant.

Nach 24 Monaten änderte sich das Ergebnis jedoch und der Vorteil von Minocyclin schwand. In der Verum-Gruppe waren nunmehr 34 Probanden erkrankt (55,3 Prozent) vs. 47 Probanden (72 Prozent) aus der Placebo-Gruppe. Selbst ohne Berücksichtigung der Ausgangsparameter war kein signifikanter Unterschied mehr feststellbar.

Kurzfristige MS-Protektion mit Minocyclin möglich

Schlussfolgernd kommen die Studienautoren zu dem Ergebnis, dass Minocyclin kurzfristig die Manifestation einer MS hinauszögern kann. Auf längere Sicht vermag es das Tetrazyklin jedoch nicht, die Krankheit aufzuhalten. In den ersten sechs Monaten sei Minocyclin anderen, bislang verwendeten Wirkstoffen zum Schutz vor Multipler Sklerose, jedoch nicht unterlegen – so die Studienautoren. Entsprechende Vergleichsstudien fehlen derzeit jedoch noch. Luanne M. Metz, Professor an der Universität Calgary und Initiator der multizentrischen Studie hebt weiterhin die orale Galenik und den Kostenfaktor hervor. So belaufen sich die Kosten einer leitliniengerechten konventionellen MS-Therapie in Kanada auf 20.000 bis 60.000 Dollar. Eine Behandlung mit Minocyclin würde hingegen nur mit 600 Dollar zu Buche schlagen.

Kritik und Zukunftsaussichten

Es gibt jedoch auch kritische Stimmen. Zum einen werden die fehlenden Vergleichsstudien zu konventionellen Therapeutika, inklusive Nebenwirkungsprofil, bemängelt. Zudem wird die echte Verblindung der Studie angezweifelt. Zongqi Xia und Robert Friedlander von der Universität Pittsburgh verweisen im Editorial (2017; DOI: 10.1056/NEJMe1703230) beispielsweise darauf, dass Probanden der Verumgruppe an der Gelbfärbung der Zähne (eine typische Nebenwirkung von Minocyclin) die Medikamentenzuordnung zumindest mutmaßen konnten. Auch wären Teilnehmeranzahl und Nachbeobachtungszeit der Studie zu gering, um eine Empfehlung für Minocyclin aussprechen zu können. Bevor das Tetracyclin-Antibiotikum zum Schutz vor MS zum Einsatz kommt, sind also noch weitere und vor allem umfassendere Studien erforderlich.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 18.07.2017

Quelle:

New England Journal of Medicine

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