Modafinil: Off-label-Einsatz bei Adipositas, Depressionen und Fatigue

Der Wirkstoff Modafinil wird mehr und mehr im Off-label-Bereich eingesetzt. Das Psychostimulanz findet Anwendung bei Adipositas, Depressionen und Fatigue.

Modafinil: Off-label-Einsatz bei Adipositas, Depressionen und Fatigue

Modafinil (Vigil, Provigil und Generika) ist in Deutschland nur zur Behandlung von exzessiver Schläfrigkeit, die mit Narkolepsie oder Kataplexie einhergeht, zugelassen. Allerdings wird die Substanz zunehmend häufiger Off-label eingesetzt: So soll das Psychostimulanz Übergewichtigen dabei helfen, Gewicht zu verlieren, bei Depressionen die Gedächtnisleistungen verbessern und Fatigue bei MS- oder Tumor-Patienten lindern.

Als Lifestyle-Droge ist Modafinil schon lange bekannt. Nicht selten greifen beispielsweise Manager, Börsenmakler, Soldaten, Berufskraftfahrer oder auch Studenten zur „Anti-Schlaf-Pille“. Die umgangssprachliche Bezeichnung „Anti-Schlaf-Pille“ trifft es auf den Punkt. Modafinil wirkt nicht nur bei krankhaft exzessiver Schläfrigkeit, sondern hält auch gesunde Menschen länger wach und fit. 40 Stunden ohne Schlaf (mitunter auch länger) ohne Ermüdungsanzeichen sind nach Einnahme des zentral wirkenden Sympathomimetikums keine Seltenheit. Dass Modafinil wach hält und die Gehirnleistung steigert, wurde bereits in Studien bestätigt. Möglicherweise dämpft der Wirkstoff über das dopaminerge System auch impulsives Verhalten. So könnte Modafinil auch bei anderen Erkrankungen im Off-label-Verfahren eine Option sein, Symptome zu lindern.

Modafinil gegen Übergewicht

In einigen Praxen wird Modafinil im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts gegen Adipositas eingesetzt. Ziel dabei ist es, den Ess-Impuls zu minimieren und das suchtähnliche Verlangen nach Nahrung zu unterdrücken. Adipositas-Patienten sind häufig kaum in der Lage, einen Ess-Impuls zu ignorieren. Hilfe und Unterstützung könnte dabei die medikamentöse Dämpfung des impulsiven Verhaltens bringen. Noch fehlt jedoch der entsprechende Wirksamkeitsnachweis für Modafinil.

Verbesserte Impulskontrolle bei Gesunden

Ob und wie sich Modafinil auf die Impulskontrolle auswirkt, wurde bereits an gesunden Probanden untersucht. Britische Forscher der Warwick Business School und des Imperial College London testeten in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie Modafinil und Atomoxetin (zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) an 60 gesunden, normalgewichtigen Männern im Alter zwischen 29 und 32 Jahren. Je 20 Personen erhielten 200 mg Modafinil, 60 mg Atomoxetin oder Placebo. Drei Stunden nach einmaliger Einnahme einer der Substanzen unterzogen sich die Probanden verschiedene Testungen. Darunter waren Tests mit der Visuellen Analogskala (VAS) zur Einschätzung von subjektivem Empfinden in 16 Dimensionen mit Endpunkten wie entspannt-angespannt oder lethargisch-energiegeladen und dem Stopp-Signal-Paradigma-Verhaltenstest zur Untersuchung von Reaktionszeiten.

In der Modafinil-Gruppe konnte eine signifikant verringerte Impulsivität nachgewiesen werden. So bewerteten sich die Probanden nach der Modafinil-Einnahme im VAS-Test mit 7,9 versus 7,13 in der Placebogruppe als deutlich entspannter. Auch beim Stopp-Signal-Paradigma konnten signifikante Unterschiede zwischen den Teilnehmern der Modafinil- und Placebo-Gruppe beobachtet werden.

„Die Studie sei zwar relativ klein, aber korrekt durchgeführt.“, resümierte Prof. Dr. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Hannover. Aber sie äußert auch Bedenken: „Eine Schlussfolgerung auf Adipositas lässt das noch nicht zu.“ Bislang sei Modafinil nur theoretisch „eine Option für Adipöse“. Zwaan weiter: „Aber die Nebenwirkungen von Psychostimulanzien sind sicher nicht zu unterschätzen, vor allem bei einer notwendigen Langzeittherapie“.

Modafinil bei Depressionen

Weiter verbreitet als in der Adipositas-Therapie ist Modafinil als Add-on-Therapeutikum im Off-label-Einsatz bei Depressionen. Nicht selten leiden Menschen nach depressiven Episoden an einer verminderten Gedächtnisleistung, die auch nach erfolgreicher Therapie mit Antidepressiva bestehen bleibt. Modafinil soll bei diesen Patienten über eine erhöhte Freisetzung von Monoaminen im Cortex die Vigilanz verbessern.

Modafinil bessert Gedächtnisleistung nach Depression

Aktuell bestätigt eine randomisierte, kontrollierte Studie des Medical Research Council (Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging; 2017; doi: 10.1016/j.bpsc.2016.11.009) eine verbesserte Gedächtnisleistung bei Patienten, die sich von einer Depression erholt hatten. Die Studie umfasste 60 Patienten zwischen 18 und 65 Jahren. Alle Teilnehmer hatten sich von einer depressiven Phase erholt, der Großteil nahm weiterhin Antidepressiva ein.

Zwei Stunden nach einer einmaligen Einnahme von Modafinil oder Placebo erfolgten unterschiedliche Tests. Mit dem Cambridge Neuropsychological Test Automated Battery werden unter anderem Arbeitsgedächtnis und episodisches Gedächtnis sowie planerische Fähigkeiten und die Aufmerksamkeit geprüft. Bei den planerischen Fähigkeiten und der Aufmerksamkeit konnten keine Veränderungen festgestellt werden. Bei den Gedächtnistests wurden in der Modafinil-Gruppe jedoch deutlich bessere Leistungen erzielt als nach einer Placebo-Einnahme.

Bei einem Test, in dem die Probanden sich an versteckte Gegenstände in Schachteln erinnern mussten, machten die Modafinil-Probanden nur halb so viele Fehler. Die Fehlerquote halbierte sich also durch Modafinil gegenüber Placebo. Jetzt bleibt es abzuwarten, ob sich die Ergebnisse auch außerhalb der Testsituation verifizieren lassen. Noch ist also offen, ob und wie die kognitiven Leistungen von depressiven Patienten durch Modafinil verbessert werden können.

Modafinil gegen Fatigue

Das Chronic Fatigue-Syndrome (CFS), kurz Fatigue, erleben viele MS-Patienten als eine der am stärksten beeinträchtigenden Symptome ihrer Erkrankung. Möglicherweise stellt Modafinil eine Option dar, die Begleitsymptomatik zu lindern und die starke Erschöpfung der Patienten zu minimieren. Der Einsatz des Wirkstoffs wird im onkologischen Sektor zur Verbesserung der Cancer-related Fatigue (CrF) bei Tumorpatienten ebenfalls diskutiert und mitunter auch erfolgreich eingesetzt.

Studienergebnisse widersprüchlich

Leider sind die Studienergebnisse bisher noch widersprüchlich beziehungsweise nicht einheitlich positiv. Die in einer früheren placebokontrollierten Studie beobachteten positiven Effekte bezüglich der subjektiv erlebten Erschöpfbarkeit bei CFS konnten in einer weiteren Studie jedoch nicht bestätigt werden. Dennoch berichten CFS-Patienten im Einzelfall, dass sie sehr wohl von dem Wirkstoff profitieren.

Aussagekräftiger zeigten sich Studien bei CrF. Bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom oder gynäkologischen Tumoren schnitt Modafinil bei mäßig schwerer bis schwerer Cancer-related Fatigue signifikant besser ab als Placebo. Dennoch müssen auch hier die mitunter schweren Nebenwirkungen des Psychostimulanz (u.a. Arrhythmien und andere kardiovaskuläre Risiken, suizidale Gedanken und Verhaltensweisen sowie psychotische oder manische Symptome) bedacht werden. Jedem Off-label-Einsatz sollte daher eine sorgfältige Einzelfall-Entscheidung vorausgehen.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 01.03.2017

Quelle:

Medscape, Biological Psychiatry

  • Auf Whatsapp teilenTeilen
  • Auf Facebook teilen Teilen
  • Auf Twitter teilenTeilen
  • DruckenDrucken
  • SendenSenden
Anzeige

Meistgelesene Meldungen

Pharma News

Ärztliche Fachgebiete

Orphan Disease Finder

Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen:

 

Newsletter