Erhöht Nachtarbeit das Krebsrisiko?

WHO-Experten warnen erneut vor Nachtarbeit. Einer aktuellen Bewertung zufolge birgt nächtliches Arbeiten wahrscheinlich ein erhöhtes Krebsrisiko. Dabei fallen Nachtschichten in die gleiche WHO-Kategorie wie Glyphosat, Nitrosamine und rotes Fleisch.

Nachtarbeit

Nächtliches Arbeiten als Gesundheitsgefahr steht schon lange im Fokus medizinischer Diskussionen. Dass Nachtarbeit gegen die innere Uhr den natürlichen Biorhythmus durcheinanderbringt, Übergewicht und Diabetes fördert oder einen kardiovaskulären Risikofaktor darstellt, ist bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht zudem seit zwölf Jahren einen Zusammenhang zwischen Nachtschichten und einem erhöhten Karzinomrisiko. Und auch im Jahr 2019 kommen die Wissenschaftler der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO zu dem gleichen Ergebnis. Das Gremium tagte im Juni für acht Tage in Lyon, Frankreich.

Studienaufbau

Bereits 2007 warnten Experten der IARC vor Nachtarbeit. Damals stuften sie nächtliche Schichten als „wahrscheinlich für Menschen krebserregend“ ein. Nachdem bis heute eine Vielzahl neuer Studien zu dieser Thematik publiziert wurden, traf sich ein Expertengremium zu einer Neubewertung der Situation. Dabei evaluierten 27 Wissenschaftler aus 16 Ländern die gesamte verfügbare Literatur zu nächtlicher Schichtarbeit und Krebs. Die Ergebnisse wurden dabei durchaus kontrovers diskutiert. Professor Dr. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, berichtet: „Einige neuere Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Nachtschichtarbeit und Krebs, andere wiederum zeigten überzeugend Risiken auf. Und die Einordnung der biologischen Befunde ist teils hoch kompliziert.“

Nachtarbeit weiterhin „wahrscheinlich krebserregend“

Nach Auswertung aller Materialien und Daten kamen die Experten zu der gleichen Einschätzung wie schon 2007. Nachtdienst ist für Menschen weiterhin als „wahrscheinlich karzinogen“ zu bewerten. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus eine entscheidende Rolle spielt. Dies belegen auch tierexperimentelle Untersuchungen. Beim Menschen sind die Erkenntnisse aber noch nicht zweifelsfrei bestätigt, sodass Nachtarbeit weiterhin nicht als eindeutiger kanzerogener Faktor beziffert werden kann.

Hohe Assoziation bei Karzinomen von Brust, Prostata und Darm

Zeeb erklärt: „Es gibt eine relativ deutliche Assoziation zwischen Nachtarbeit und malignen Tumoren der Brust, der Prostata und des Darms.“ Aufgrund des Studiendesigns sind jedoch noch andere Erklärungen möglich bzw. andere Faktoren nicht vollkommen auszuschließen. „Darum mussten wir uns den Entscheidungskriterien der IARC gemäß für die Gruppe 2A, wahrscheinlich krebserregend, entscheiden.“

Nachtarbeit ebenso schädlich wie Glyphosat und rotes Fleisch?

Nach Einordnung in die Gruppe 2A liegt Nachtarbeit auf gleicher WHO-Stufe wie das umstrittene Herbizid Glyphosat, die Nitrosamine NDMA und NDEA (vor einiger Zeit in Sartanen nachgewiesen), rotes Fleisch und die Tätigkeit als Friseur bzw. das intensive Hantieren mit Haarfärbemitteln. Die Wissenschaftler betonen allerdings, dass die Kategorie lediglich Aussagen über die Evidenzstärke zulässt, dass Nachtarbeit unter bestimmten Umständen krebsauslösend wirken kann. Die Höhe des Risikos lässt sich damit aber nicht bewerten. Mit welcher Wahrscheinlichkeit Nachtschichten Karzinome fördern, ist nach wie vor unklar. Deshalb gibt es von der WHO auch keine Empfehlungen für Betroffene. Sie geben jedoch allen nachtarbeitenden Personen den Rat, bei Unsicherheiten bezüglich des eigenen Gesundheitszustands einen Arzt um Hilfe zu bitten.

Rund 7 Prozent aller Berufstätigen arbeiten nachts

Mitarbeiter etlicher Berufsgruppen müssen regelmäßig nachts arbeiten, darunter zum Beispiel Ärzte, Apotheker und Krankenpflegepersonal, Bedienstete von Feuerwehr und Polizei, Angestellte im Fern- und Nahverkehr, Piloten und Flugpersonal, Fließbandarbeiter, Pförtner, Streu- und Reinigungsdienste, Barkeeper sowie Mitarbeiter in Tankstellen, Kiosken und 24-Stunden-Supermärkten. Gemäß Arbeitszeitgesetz beginnt Nachtarbeit ab mehr als 2 Stunden Beschäftigung in der Zeit von 23:00 bis 6:00 Uhr des folgenden Tages. Auch Bereitschaftsdienststunden und Inanspruchnahme während der Rufbereitschaft in der Nachtzeit sind in vollem Umfang Nachtarbeitsstunden.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) arbeiteten 2016 in Deutschland rund 7 Prozent der berufstätigen Personen im Wechselschichtdienst (inklusive Nachtarbeit) oder waren dauerhaft im Nachtdienst beschäftigt. Knapp zwei Drittel (65 Prozent) davon sind Männer. Ferner arbeiten niedrigqualifizierte Personen öfter nachts als Beschäftigte mit mittlerem oder hohem Bildungsabschluss.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 14.10.2019

Quelle:
  1. International Agency for Research on Cance, IARC Working Group: Carcinogenicity of night shift work. Volume 20, Issue 8, P1058–1059, 01. August 2019. IARC Monographs Volume 124. (DOI: https://doi.org/10.1016/S1470-2045(19)30455-3)
  2. BAuA (2016). Arbeitszeitreport Deutschland 2016. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
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