Höheres Risiko einer PML unter Natalizumab?

Möglicherweise ist das Risiko unter Natalizumab eine virusinduzierte progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) zu entwickeln für Multiple-Sklerose-Patienten doch höher als bisher angenommen.

Forscher analysen gemeinsam

Darauf weisen das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer gemeinsamen Pressemitteilung vom 20. März 2017 hin. Laut KKNMS und DGN können die gegenwärtig in der klinischen Praxis angewandten Methoden zur PML-Risikostratifizierung zu substanziellen Fehleinschätzungen führen.

In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Neurology“ führen Wissenschaftler der Universitätsklinik Münster und der Alabama University Birmingham dies unter anderem auf mathematische Schwächen bei der Risikobewertung auf Basis der Behandlungsdauer zurück. Das kumulative Risiko für Patienten sei ausschlaggebend.

Bei der Behandlung der Multiplen Sklerose bremsen immunsuppressiven Medikamente, wie beispielsweise der monoklonale Antikörper Natalizumab, den Verlauf der Erkrankung, was mit Standardarzneien bisher nicht möglich war. Bei dieser Therapie kann es sehr selten zu einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) kommen, die tödlich verlaufen kann. Die PML wird durch das JC-Virus (JCV) hervorgerufen.

Risikobewertung unverzichtbar

Vor und während der Natalizumab-Therapie ist daher eine aussagefähige Risikobewertung unverzichtbar und vorgeschrieben. Die bekannten PML-Hauptrisikofaktoren sind:

  • eine frühere Therapie mit Immunsuppressiva
  • Antikörper gegen das PML-verursachende JC-Virus
  • eine Behandlungsdauer mit Natalizumab länger als 24 Monate

Bisherige Berechnungsmodelle reichen nicht aus

Im Rahmen von Studien des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS) wurde die PML-Risikoberechnung neu bewertet. Es zeigte sich, dass bisherige Berechnungsmodelle zur Unterschätzung des PML-Risikos für MS-Patienten führen können.

Studienlage PML-Inzidenz

In einer 2012 veröffentlichten klinischen Studie des Herstellers Biogen lag die allgemeine PML-Inzidenz bei 2,13 pro tausend Patienten. Bis heute werden diese Daten der Risikoberechnung zu Grunde gelegt. Neuere Daten des Natalizumab-Herstellers von 2016 belegen jedoch eine fast doppelt so hohe PML-Inzidenz von 4,22 pro tausend Patienten.

Außerdem ist Zahl von Patienten mit vorangegangener Immunsuppression in der Kontrollgruppe von 2012 wahrscheinlich zu hoch eingeschätzt. Die Zahl der immunsupprimierten Natalizumab-Patienten, die eine PML entwickelten, wurde dagegen korrekt ermittelt. Prof. Dr. Heinz Wiendl, der Leiter der Münsteraner Arbeitsgruppe und stellvertretende KKNMS-Vorstandssprecher sieht deshalb ein höheres PML-Risiko für Patienten mit einer früheren Immunsuppression als bisher angegeben.

Auch der JCV-Serostatus ist sehr unspezifisch, da nur etwa ein Prozent der JCV-positiven Patienten entwickeln tatsächlich eine PML entwickeln.

Die strikte Risikobewertung auf Grundlage der Behandlungsdauer führt laut den Wissenschaftlern der Universitätsklinik Münster und der Alabama University Birmingham zu einer Unterschätzung des PML-Risikos Der praxisübliche Algorithmus führe demnach zusätzlich dazu, dass das PML-Risiko unterschätzt werde. Der Algorithmus definiert, dass Patienten, die 48 Monate lang mit Natalizumab behandelt werden, ein genauso hohes Risiko aufweisen wie Patienten nach 25-monatiger Behandlung. „Dies ist jedoch aus zweierlei Hinsicht nicht richtig: Erstens steigt das statistische PML-Risiko mit jeder zusätzlichen Infusion sukzessive an. Zweitens wurden die Studiendaten 2012 nicht korrekt ausgelesen, weil Patienten, die die Therapie beispielsweise nur bis zum 26. Monat erhielten, so betrachtet wurden, als hätten sie diese über den gesamten beobachteten Zeitraum von 48 Monaten erhalten“, so Prof. Dr. Nicholas Schwab von der Neurologischen Klinik der Universität Münster, Studienleiter und Erstautor des Artikels.

Kumulatives PML-Risiko ausschlaggebend

Das kumulative Risiko ist laut Prof. Dr. Schwab ausschlaggebend. Außerdem seien in der derzeitige Risikoberechnungen auch Kurzzeitpatienten einbezogen, obwohl diese generell ein geringeres PML-Risiko haben und die Statistik so verfälschen.

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 22.03.2017

Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), Pressestelle des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS)

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