Einfluss von OTC-Medikamenten auf Laborparameter

Viele Patienten nehmen OTC-Medikamente ein ohne ihren Arzt darüber zu informieren. Das belegt eine aktuelle Studie. Der Einfluss dieser Medikamente auf Laborparameter ist nicht unerheblich.

Arzneimittel Abgabe

Nicht verschreibungspflichtige Medikamente, auch als OTC-Medikamente (engl. over the counter = über den Tresen [der Apotheke]) bezeichnet, und Nahrungsergänzungsmittel werden von vielen Patienten eingenommen. Ginkgoextrakte bei Demenz, Präparate auf Basis von Mariendistel zur Unterstützung der Leberfunktion oder Kräuter in der Komplementärtherapie sind nur einige Beispiele.

Ärzte werden selten über Einnahme von OTC-Medikamenten informiert

Schon länger ist bekannt, dass OTC-Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel die Ergebnisse von Laboruntersuchungen beeinflussen. Viele Patienten erwähnen die Einnahme solche Präparate ihrem Arzt gegenüber nicht. „Freiverkäuflich gleich harmlos“ scheint hier die Devise zu sein.

Studie untersucht Einnahme von OTC-Medikamenten

Eine aktuelle Studie, an der Zentren aus 18 europäischen Ländern – deutsche Zentren waren nicht dabei – teilnahmen, analysierte den Verbrauch von verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln und OTC-Medikamenten [1]. Es wurde auch untersucht, inwieweit sich die Patienten dem Einfluss dieser Präparate auf ihre Laborbefunde bewusst waren.

Methodik

Die Studienteilnehmer waren Personen, bei denen eine Blutuntersuchung durchgeführt wurde und die der Teilnahme an der Studie zustimmten.

In einer Umfrage mittels anonymisiertem Fragebogen mussten die Teilnehmer Fragen zur Häufigkeit der Einnahme verschiedener Produkte, zum Bewusstsein den behandelnden Arzt und das Laborpersonal darüber in Kenntnis zu setzen sowie zum Einfluss präanalytischer Faktoren (z. B. intensiver Sport, Kaffeekonsum) auf Laborresultate beantworten. Daneben wurden Alter und Geschlecht erfragt. Die Befragung wurde in den meisten Fällen vom Laborpersonal durchgeführt.

Ergebnisse

68% der 3.600 Studienteilnehmer nahmen regelmäßig mindestens ein OTC-Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel ein. Die am häufigsten genutzten OTC-Produkte und Nahrungsergänzungsmittel in der Studie waren:

Frauen nahmen häufiger OTC-Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel ein als Männer (71% vs. 62%, p < 0,001). Am häufigsten war die Einnahme in der Altersgruppe der 46- bis 65-Jährigen. Fast jeder zweite Patient (49%) gab an, seinen Arzt nicht über die Einnahme der Präparate zu informieren.

Ergebnisse sollen sensibilisieren

Die Daten zeigen, dass sich viele Patienten dem Einfluss von OTC-Produkten, Nahrungsergänzungsmitteln, sportlicher Aktivität und weiteren Faktoren, die die Laborergebnisse beeinflussen können, nicht bewusst sind. Dies zeige die Notwendigkeit der Sensibilisierung von Patienten, Ärzten und medizinischem Fachpersonal, so die Autoren.

Das sollten Ihre Patienten vor der Blutentnahme beachten

Zur Vorbereitung auf eine Blutentnahme sollten folgende Faktoren berücksichtigt werden, um exakte und verlässliche Laborergebnisse zu erhalten:

  • Blutentnahme morgens (zwischen 7 und 9 Uhr)
  • Davor zwölf Stunden fasten (Wasseraufnahme ist erlaubt)
  • 24 Stunden vor der Blutentnahme keinen Alkohol
  • Am Morgen der Blutentnahme nicht rauchen, keinen Kaffee oder andere koffeinhaltige Produkte
  • In den Tagen vor der Blutentnahme starke oder ungewohnte sportliche Aktivitäten vermeiden
  • In den Tagen vor der Blutentnahme auf den sporadischen Konsum von Stoffen verzichten, die einen bekannten Effekt auf die Laborresultate haben können (siehe auch unten).

Diese Empfehlungen stammen von der Working Group for Preanalytical Phase (WG-PRE) der European Federation for Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (EFLM).

Welche Substanzen haben Einfluss auf Laborparameter?

Verschiedene Substanzen können die Ergebnisse von Laborresultaten verfälschen:

  • Zimt: Aufnahme ab zwölf Stunden vor der Blutentnahme führt zu einem signifikanten Abfall der Blutglukose und verbessert die Insulinsensitivität.
  • Pillen zur Gewichtsabnahme können Cayennepfeffer, Bitterorange und Amphetamine enthalten. Diese Inhaltsstoffe können das Myokard schädigen. Durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems kommt es zu einem Anstieg von Troponin und CK-MB.
  • Roter Reis und Extrakte aus grünem Tee können abnorme Veränderungen der Leberenzyme verursachen.
  • Rote Reis hemmt das Enzym HMG-CoA-Reduktase und führt so zu einem Abfall des Cholesterinspiegels.
  • Cranberries können den PSA-Spiegel senken und beeinflussen die Expression androgenresponsiver Gene.
  • Zubereitungen auf Basis von Ginkgo biloba und Mariendistel modifizieren die Aktivität mikrosomaler Enzyme und beeinflussen dadurch den Metabolismus vieler Arzneimittel.

Sind die Studienergebnisse auf Deutschland übertragbar?

In der Studie zeigten sich statistisch signifikante Unterschiede in der Menge der OTC-Produkte und Nahrungsergänzungsmittel zwischen den verschiedenen Ländern. Am höchsten war der Konsum solcher Produkte in der Türkei (94%), am geringsten in Portugal (28%).

Daten aus Deutschland waren nicht in die Studie mit eingegangen. Schaut man sich die Umsätze auf dem OTC-Markt hierzulande an, so ist eine Umsatzsteigerung von 3,7% im Jahr 2017 festzustellen [2]. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland auf Platz 8, wenn man die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für diese Präparate betrachtet. In einer Umfrage in Deutschland gaben 75% der Frauen und 60% der Männer an, im vergangenen Jahr mindestens ein OTC-Produkt gekauft zu haben [3]. Demnach dürften die Studiendaten auch auf Deutschland übertragbar sein.

Autor: Dr. Melanie Klingler

Stand: 24.08.2018

Quelle:
  1. Simundic et al. (2018): Patient’s knowledge and awareness about the effect of the over-the-counter (OTC) drugs and dietary supplements on laboratory test results: a survey in 18 European countries. Clinical Chemistry and Laboratory Medicine, DOI: https://doi.org/10.1515/cclm-2018-0579
     
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