Facharzt-Konsil bei Otitis externa nach Risikobewertungscore

Nicht jede akute Otitis externa ist ein Fall für den Spezialisten. In einigen Situationen sollten Patienten mit Gehörgangsentzündung jedoch zum HNO-Arzt überwiesen werden. Diese Entscheidung wird mit dem aktuell veröffentlichten EAR-Score zur Risikobewertung erleichtert.

Otoskopie

Ohrenschmerzen bei akuter Otitis externa können in der Regel vom Hausarzt behandelt werden. Von der Entzündung des Gehörgangs sind vor allem Kinder und Personen, die sich häufig im Wasser aufhalten betroffen. Auch bei Diabetikern und Menschen mit einer externen Hörhilfsmittelversorgung entzündet sich der äußere Gehörgang öfter. Bei komplikationslosem Verlauf reichen meist eine gründliche Säuberung des Gehörgangs und antibiotikahaltige Ohrentropfen oder antimykotische Salben aus, um die Otitis externa erfolgreich zu behandeln. Mitunter bleibt die Entzündung aber nicht auf den äußeren Gehörgang begrenzt – mit der Folge schwerwiegender Komplikationen. Diese Patienten gehören schnellstmöglich in die Hände eines HNO-Spezialisten. Bei der Entscheidung, wann eine Otitis externa besser vom Facharzt behandelt werden sollte, kann zukünftig ein neuer Algorithmus zur Risikobewertung helfen. Dieser Evidence-based Acute Otitis Externa Referral Score (EAR-Score) wurde von zwei HNO-Fachärzten des Bradford Teaching Hospitals entwickelt und im Fachjournal Clinical Otolaryngology publiziert [1].  

Facharztkonsil bei Komplikationen von Otitis externa

Solange eine akute Otitis externa auf den äußeren Gehörgang begrenzt bleibt, sind kaum Schwierigkeiten im Heilungsverlauf zu erwarten. Mitunter breitet sich die Entzündung aber in das umliegende Weichteilgewebe aus oder greift auf das Trommelfell über. Selten penetrieren die Erreger auch das Knochenmark der Schädelbasis – mit der Folge von Hirnnervenläsionen oder Lähmungen. Bei den ersten Anzeichen einer Komplikation gehören die Patienten in die Hand von Fachärzten aus dem Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Die HNO-Spezialisten David Selwyn und Andrew Lau (Bradford, England) wollen Medizinern die Entscheidung erleichtern, wann ein Facharztkonsil sinnvoll ist. Dafür entwickelten sie ein spezielles Punkte-Programm, den EAR-Score.

EAR-Score zur Risikobewertung

Der EAR-Score umfasst grundsätzlich drei Punkte: Risikofaktoren, Behandlungsdauer und Alarmsymptome (sogenannte Red Flags). Diese werden jeweils unterteilt und mit einem Punktwert versehen. Nach Erfassung aller Merkmale werden die Punkte zusammengerechnet und das Risiko bewertet.

Risikofaktoren

  • Eines der Merkmale: Alter > 65 Jahre, Chemo- oder Strahlentherapie, gut eingestellter Diabetes mellitus, Otitis-externa-Rezidiv (1 Punkt)
  • Entweder Immunsuppression oder schlecht kontrollierbarer Diabetes mellitus (HbA1c > 8%) (2 Punkte).

Dauer der Behandlung

  • Entweder nicht geplante Wiedervorstellung in den ersten zehn Tagen der Behandlung oder andauernde Otitis externa trotzt 14-tägiger Behandlung (3 Punkte).

Red Flags

  • Eines der Merkmale: Hirnnervenlähmung, starke ipsilaterale Kopfschmerzen, Erythem oder Schwellung von Ohrmuschel und/oder Gesicht, vollständig stenosierter Gehörgang (Spekulum nicht einführbar) (5 Punkte).

Auswertung

Die Summe der addierten Punkte ergibt folgende Empfehlungen:

  • 0 Punkte: Üblicherweise besteht keine Notwendigkeit einer fachärztlichen Behandlung. Der Patient kann nach der Initialuntersuchung mit einer Arzneimittelverordnung und nach Aufklärung über Warnsymptome und Verhaltensmaßnahmen nach Hause entlassen werden.
  • 1–2 Punkte: Aktives Monitoring. Der Patient sollte während und nach der Behandlung allgemeinärztlich nachuntersucht werden.
  • 3–4 Punkte: Dringendes HNO-Konsil binnen zwölf bis 48 Stunden erforderlich.
  • ≥ 5 Punkte: Sofortige Notfallüberweisung zum HNO-Spezialisten.

Sensitivität und Spezifität

Die Daten für den EAR-Score basieren auf einer Studie mit 239 Patienten und Erfahrungen aus 287 Fällen von Otitis externa in der Grundversorgung. Dabei erreichte der Score eine Sensitivität von 100 Prozent, die Spezifität lag bei 90 Prozent – bezogen auf das Risiko von Komplikationen, die eine HNO-fachärztliche Behandlung erforderten. Der positive prädiktive Wert lag bei 23 Prozent, der negative bei 100 Prozent.

Der am häufigsten isolierte verursachende Erreger der Otitis externa gehörte zur Gruppe der Pseudomonas-Bakterien (54 Prozent). Die topische Therapie sollte dementsprechend darauf ausgerichtet sein, so Selwyn und Lau.

Fazit

In der Regel haben Patienten mit akuter Otitis externa und einem Gesamt-Punkte-Wert von < 3 ein eher geringes Komplikationsrisiko. Der Negativvorhersagewert von 100 Prozent sollte Hausärzte in ihrer Entscheidung bestärken, Patienten mit niedrigen Werten selbst in der allgemeinmedizinischen Praxis zu behandeln. Im Gegensatz dazu ist es sinnvoll, Otitis-externa-Patienten mit einem Score von > 3 einem HNO-Facharzt zuzuweisen. Dieser ist auf komplikationsträchtige Verläufe spezialisiert und kann rasch eine entsprechende Therapie einleiten.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 19.03.2019

Quelle:
  1. Selwyn und Lau (2019): When to refer: validating the Evidence-based Acute Otitis Externa Referral Score (EARS). Our experience of 287 cases of otitis externa in Primary Care. Clinical Otolaryngology, DOI: https://doi.org/10.1111/coa.13320
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