Pille danach - Starke Nachfrage vor allem im Notdienst

Verhütungspannen sind nach Angaben vieler Apotheker mittlerweile einer der häufigsten Gründe, im Notdienst tätig zu werden. Erstaunlicherweise kommen die Frauen meist außerhalb der regulären Öffnungszeiten.

Apothekentüte

Verhütungspannen sind nach Angaben vieler Apotheker mittlerweile einer der häufigsten Gründe, im Notdienst tätig zu werden. Erstaunlicherweise kommen die Frauen meist außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Ob aus Scham vor anderen Kunden oder damit nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr keine Zeit verloren gehen soll, ist nicht bekannt. Erwiesenermaßen aber ist der Absatz um mehr als die Hälfte gestiegen, seit die „Pille danach" im März rezeptfrei auf den Markt kam. Vermutlich wird der Trend noch einige Zeit anhalten. Da die Konzentration im Nachtdienst schon einmal nachlässt, finden Sie hier einen kleinen Leitfaden für die Beratung beim Verkauf der Pille danach.

So wirkt die Pille danach

Die Pille danach gibt es in Deutschland rezeptfrei mit zwei unterschiedlichen Wirksubstanzen. PiDaNa enthält Levonorgestrel (ein Gestagen) und ist bis zu 72 Stunden nach dem ungeschützten Verkehr zugelassen. ellaOne enthält Ulipristalacetat (aus der Gruppe der selektiven Progesteronrezeptor-Modulatoren) und kann bis zu 120 Stunden nach dem Verkehr eingenommen werden. Beide Wirkstoffe hemmen die Ovulation. Nach Einnahme der Pille verzögert sich die Reifung der Follikel und der Eisprung erfolgt nicht wie gewohnt. Die beim Sex eingedrungenen Spermien können die Eizellen in Folge nicht mehr befruchten. Somit handelt es sich weder um einen Schwangerschaftsabbruch noch um eine Abtreibung. Dennoch ist es ein Eingriff in die präzis-ausgeklügelte hormonelle Steuerung des weiblichen Organismus.

Was Ärzte und Apotheker bei der Beratung beachten sollten

Allen Ärzten und Apothekern wird mittlerweile bekannt sein, dass die Pille danach nur nach einem ausführlichen Beratungsgespräch verordnet oder verkauft werden darf. Nach Möglichkeit sollten Frauen oder Paare in einem geschützten Rahmen über Anwendungshinweise und Nebenwirkungen informiert werden. Nachfolgend finden Sie eine ausführliche Zusammenfassung aller Beratungspunkte sowie eine Checkliste, die Ihnen helfen soll, bei der Aufklärung der Käuferinnen nichts zu vergessen. Die Informationen beruhen auf den aktuellen Empfehlungen der Bundesapothekerkammer  (Oktober 2015) sowie der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, der gynäkologischen Fachgesellschaften und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Checkliste: Bei der Abgabe von Notfallkontrazeptiva nicht vergessen

  1. Alter der Frau erfragen
  2. Frage nach dem Zeitpunkt des letzte ungeschützten Geschlechtsverkehrs
  3. Schwangerschaft ausschließen
  4. Wurde in diesem Zyklus bereits die Pille danach eingenommen?
  5. Hinweise zu Übelkeit und Erbrechen
  6. Wechselwirkungen beachten
  7. Information über Nebenwirkungen
  8. Nach Stillen fragen
  9. Hinweis auf Barriere-Methoden zur weiteren Verhütung

Im Folgenden die ausführlichen Informationen.

Persönliche Beratung und Abgabe

Die Verordnung der Pille danach soll nach Möglichkeit in einem persönlichen Gespräch erfolgen. Apotheker sind dazu angehalten, das Notfallkontrazeptivum möglichst an die Frau persönlich abzugeben. Fragen Sie nach dem Alter der Frau. Sie sollte über 14 Jahre sein. Eine Abgabe an jüngere Mädchen wird nur im Ausnahmefall und nach ärztlicher Verordnung empfohlen.

Welche Pille danach wie viele Stunden nach dem Geschlechtsverkehr

Die Pille danach verschiebt den Eisprung und sollte so früh wie möglich – vorzugsweise 12 Stunden – nach dem ungeschützten Verkehr eingenommen werden. Liegt der Zeitpunkt wemiger als 72 Stunden (3 Tage) zurück, sind die Wirkstoffe Levonorgestrel und Ulipristalacetat gleichermaßen geeignet. Wenn nach dem ungeschützten Verkehr jedoch mehr als 72 Stunden – aber nicht mehr als 120 Stunden (5 Tage) liegen – ist Ulipristalacetat Wirkstoff der Wahl. Liegt die Verhütungspanne länger als 120 Stunden zurück, ist eine gynäkologische Untersuchung zwingend erforderlich.

Ovulationszeitpunkt beachten

Die Pille danach kann nur wirken, wenn noch keine Ovulation erfolgt ist. Kam es vor der Einnahme zum Eisprung, ist eine Schwangerschaft trotz Einnahme des Notfallkontrazeptivums möglich. Die Ovulation erfolgt in der Regel etwa 14 Tage vor dem Einsetzen der nächsten Menstruation, kann jedoch nicht exakt vorhergesagt werden. Spermien sind bis zu 5 Tage nach dem Eindringen in die Vagina überlebens- und somit befruchtungsfähig.

Maßnahmen bei Schwangerschaftsverdacht

Bei Verdacht auf eine Schwangerschaft sollten Apotheker einen Schwangerschaftstest und bei positivem Befund eine gynäkologische Beratung empfehlen. Notfallkontrazeptiva sollten nur verordnet und abgegeben werden, wenn keine Schwangerschaft besteht. Hinweise auf eine mögliche Schwangerschaft sind:

  • verspätete Monatsblutung
  • schwächere Stärke der Monatsblutung
  • kürzere Dauer der Monatsblutung.

Hinweis: Bei bestehender (nicht bekannter Schwangerschaft) gilt eine einmalige Einnahme von 1,5 mg Levonorgestrel als nicht bedenklich. Ulipristalacetat darf jedoch bei Verdacht auf eine bestehende Schwangerschaft nicht eingenommen werden.

Keine wiederholte Anwendung im gleichen Zyklus

Sie sollten Ihre Kundinnen darauf hinweisen, dass die Pille danach nicht mehrmals innerhalb eines Monatszyklus anzuwenden ist. Gründe hierfür sind die unerwünscht hohe Hormonbelastung sowie die Gefahr schwerer Zyklusstörungen. Zudem lässt die Wirksamkeit nach mehrfacher Anwendung in einem Zyklus nach.

Hinweise zu Übelkeit und Erbrechen

Weisen Sie Ihre Kundinnen auch auf mögliche Nebenwirkungen hin. Brechreiz bzw. Erbrechen vermindern mitunter die Wirksamkeit der oralen Notfallkontrazeptiva. Um Übelkeit und Erbrechen zu vermeiden, sollten Frauen darauf hingewiesen werden, vor Einnahme der Pille danach etwas zu essen (z.B. ein Butterbrot). Setzt dennoch Erbrechen ein, muss eine ärztliche bzw. gynäkologische Abklärung erfolgen. Erbricht die Frau innerhalb von 3 Stunden nach der Einnahme der Pille danach, muss umgehend eine weitere Tablette eingenommen werden.

Kein erhöhtes Thrombose-Risiko

Bisherigen Beobachtungen zufolge gibt es bei gesunden Frauen für Levonorgestrel-haltige Notfallkontrazeptiva keinen Anhalt für ein erhöhtes Thrombose-Risiko, solange diese Form der Notfallkontrazeption nur in Ausnahmefällen erfolgt. Es gibt jedoch Berichte von vereinzelten Thrombose-Fällen, die zumeist in Verbindung mit der regelmäßigen Einnahme einer Levonorgestrel-haltigen Antibabypille auftraten. Ein erhöhtes Thromboserisiko von Levonorgestrel kann auch bei weiteren Risikofaktoren (z.B. Blutgerinnungsfaktor-Mutationen, Thrombosen in der eigenen Vorgeschichte oder in der Vorgeschichte der Familie sowie Rauchen) nicht ausgeschlossen werden.

Interaktionen mit anderen Wirkstoffen

Die Wirksamkeit von Levonorgestrel und Ulipristalacetat kann durch CYP3A4-Induktoren vermindert werden. Dazu gehören unter anderem Johanniskraut/Hypericin, Phenytoin, Phenobarbital, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Primidon, Ritonavir, Efavirenz, Nevirapin, Rifampicin und Rifabutin. Frauen, die Medikamente mit diesen Wirkstoffen einnehmen, sollten ärztlich über die mögliche Einlage einer Kupferspirale beraten werden.

Nebenwirkungen

Die Wirkstoffe Levonorgestrel und Ulipristalacetat gelten als relativ gut verträglich. Dennoch kann es zu Nebenwirkungen kommen. Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Nausea, Emesis, Vertigo, Bauch- und Unterleibsschmerzen, Dysmenorrhoe, Müdigkeit sowie ein Spannungsgefühl in der Brust.

Stillpausen einhalten

Frauen, die stillen, sollten nach der Einnahme der Pille danach folgende Stillpausen einhalten:

  • nach Levonorgestrel 8 Stunden Stillpause
  • nach Ulipristalacetat 1 Woche Stillunterbrechung.

 Sicherstellen der Vertraulichkeit

Die Vertraulichkeit der Beratung muss nach § 4 Abs. 2a Satz 3 ApBetrO sichergestellt werden. "Die Offizin muss so eingerichtet sein, dass die Vertraulichkeit der Beratung, insbesondere an den Stellen, an denen Arzneimittel an Kunden abgegeben werden, so gewahrt wird, dass das Mithören des Beratungsgesprächs durch andere Kunden weitestgehend verhindert wird."

Kostenübernahme

Auch nach dem Wegfall der Verschreibungspflicht für die Pille danach werden die Kosten für versicherte Frauen, die das 20. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, im Rahmen des Sachleistungsprinzips durch die gesetzliche Krankenversicherung unverändert übernommen. Voraussetzung hierfür ist das Vorliegen einer ärztlichen Verordnung.

Allgemeine Hinweise für den Einsatz von Notfallkontrazeptiva

Notfallkontrazeptiva wie die Pille danach sollten nur eingenommen werden, wenn ein ungeschützter Geschlechtsverkehr stattgefunden hat. Das heißt:

  • ohne ausreichende Verhütung
  • nach Fehlanwendung oder Versagen eines Kondoms

Nach vergessener Einnahme kombinierter hormonaler Kontrazeptiva

  • vor mehr als 12 Stunden: In der Regel wird die Pille danach empfohlen. Zusätzlich sollte die Einnahme der Antibabypille nachgeholt werden. Bis zur Menstruation am Ende des Monatszyklus sind zusätzliche Barriere-Methoden (z.B. Kondome, Diaphragma) notwendig.
  • vor weniger als 12 Stunden: Die Pille danach ist nicht nötig. Die Einnahme der Antibabypille sollte sofort nachgeholt und wie gewohnt fortgeführt werden.

 Nach vergessener Einnahme der Minipille (Gestagen-Monopräparat)

  • Für die kontrazeptive Wirksamkeit der Minipille ist die termingerechte Einnahme im Abstand von 24 Stunden entscheidend. Je nach Präparat (Fachinformation beachten!) geht der Schutz schon nach um 3 bis 12 Stunden verspäteter Einnahme verloren.
  • Bei ungeschütztem Verkehr nach vergessener Einnahme der Minipille ist die Pille danach zu empfehlen. Zudem sollten Frauen die Einnahme der Minipille nachholen und fortsetzen. Bis zur Menstruation am Ende des Monatszyklus sind zusätzliche Barriere-Methoden (z.B. Kondome, Diaphragma) notwendig.

 Bei Verdacht auf Wirkungsausfall des Vaginalrings (z.B. Nuvaring oder Circlet):

Eine sichere Kontrazeption ist nicht gewährleistet, wenn:

  • der Ring mehr als 3 Stunden außerhalb der Vagina war
  • das anwendungsfreie Intervall um mehr als 7 Tage überschritten wurde
  • der Vaginalring mehr als 4 Wochen nicht gewechselt wurde.

Nach Geschlechtsverkehr mit Verdacht auf Wirkungsausfall des Vaginalrings ist die Pille danach zu empfehlen. Bis zur Menstruation am Ende des Monatszyklus sind zusätzliche Barriere-Methoden (z.B. Kondome, Diaphragma) notwendig.

Bei Verdacht auf Wirkungsausfall eines transdermalen kontrazeptiven Pflasters (z.B. Lisvy oder Evra):

  • Hat das Verhütungspflaster mehr als 24 Stunden nicht richtig geklebt, ist kein sicherer Kontrazeptionsschutz mehr gewährleistet. Nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr ist die Pille danach zu empfehlen. Bis zur Menstruation am Ende des Monatszyklus sind zusätzliche Barriere-Methoden (z.B. Kondome, Diaphragma) notwendig.
  • Hat das Verhütungspflaster für weniger als 24 Stunden nicht richtig geklebt, sollte das Patch an derselben Stelle wieder aufgeklebt oder sofort durch ein neues Pflaster ersetzt werden. Die Pille danach ist nicht erforderlich.
  • Bei Ausbleiben der Regelblutung von mehr als 7 Tagen ist ein Gynäkologe aufzusuchen.

 Weitere Hinweise zu Schutz und Wirkung

Pille danach bietet keinen weiteren Verhütungsschutz. Nach der Notfallverhütung sollte die übliche hormonale Kontrazeption fortgeführt werden. Zusätzlich sind Barriere-Methoden (z.B. Kondome) bis zum Zyklusende (nächste Menstruation) notwendig.  Kein Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Pille danach schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie Gonorrhoe, Syphilis, Chlamydien, HPV, Hepatitis oder HIV/AIDS.  Äußern Frauen auf Nachfrage entsprechende Bedenken, wird eine umgehende ärztliche Untersuchung empfohlen.

Verhalten bei Verspätung der nächsten Regelblutung

Bei der Mehrzahl der Frauen tritt die nächste Monatsblutung auch nach der Einnahme von Levonorgestrel und Ulipristalacetat wie gewohnt ein. Mitunter kann sie aber bis zu 7 Tage früher oder später – in Einzelfällen auch um mehr als 20 Tage verzögert einsetzen. Bleibt die Regelblutung länger als 7 Tage nach dem erwarteten Termin aus, sollte ein Schwangerschaftstest empfohlen und eine gynäkologische Untersuchung eingeleitet werden.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 11.12.2015

Quelle:

Bundesapothekerkammer

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