Neueinführung Praxbind

Praxbind wurde Ende 2015 in einem beschleunigten Prüfverfahren zugelassen und ist jetzt auf dem deutschen Markt erhältlich. Der Wirkstoff Idaruzimab antagonisiert als spezifisches Antidot die Wirkung von Dabigatran.

Neueinführung Praxbind

Praxbind wird eingesetzt, wenn die blutgerinnungshemmende Wirkung des oralen Antikoagulans Dabigatran rasch aufgehoben werden muss, beispielsweise bei Notoperationen oder lebensbedrohlichen, unkontrollierbaren Blutungen. Bislang wurde Dabigatran von einigen Ärzten nur sehr verhalten verordnet. Das lag vor allem daran, dass es kein zugelassenes Medikament gab, das die Dabigatran-induzierte Gerinnungshemmung im Fall von schweren und unstillbaren Blutungen aufhebt. Dank Praxbind gehören diese Bedenken jetzt der Vergangenheit an.

Wirkweise von Idaruzimab

Idaruzimab ist ein spezifisches monoklonales, vollständig humanisiertes Dabigatran-Antikörperfragment (Fab). Es wird durch rekombinante DNA-Technologie in Ovarialzellen des chinesischen Hamsters erzeugt. Laut Hersteller kann Idaruzimab innerhalb kurzer Zeit die Wirkung von Dabigatran antagonisieren. Das ist insbesondere dann von Vorteil, wenn Dabigatran nicht rechtzeitig abgesetzt werden kann, zum Beispiel bei akut auftretenden unstillbaren Blutungen oder nicht aufschiebbaren Operationen. Schnelle Hilfe bietet das Antidot auch nach einer akzidentellen Einnahme von Pradaxa – entweder in zu hoher Dosis oder wenn das Medikament versehentlich verwechselt wurde.

Idaruzimab bindet mit sehr hoher Affinität an Dabigatran-Moleküle. Dabei ist die Konnektivitätsfreude laut Fachinformation um etwa das 300-Fache höher als die Bindungsaffinität von Dabigatran zu Thrombin. Somit kann das Antidot sowohl freies als auch Thrombin-gebundenes Dabigatran abfangen. Dabei greift es nicht in die Kaskade der Blutgerinnung ein, sondern hebt ausschließlich die antikoagulatorische Wirkung von Dabigatran auf. Studien zufolge wird die Gerinnungshemmung bereits innerhalb weniger Minuten nach der i.v.-Injektion von 5 g Idaruzimab vollständig und anhaltend neutralisiert. Die antagonisierende Wirkung hält im Durchschnitt bei fast allen Patienten für mindestens 12 Stunden an.

Dosierung von Praxbind

Praxbind ist als Injektions-/Infusionslösung (2,5 g Idaruzimab  in 50 ml) erhältlich und wird in die Vene injiziert oder als Kurzinfusion verabreicht. Das Medikament darf ausschließlich in Kliniken verwendet werden.

Der Hersteller empfiehlt eine Dosis von 5 g (2 mal 2,5 g) in zwei aufeinanderfolgenden Injektionen über je fünf bis zehn Minuten oder als Bolusinfusion. Falls individuell erforderlich (zum Beispiel bei erneuten Blutungsereignissen), kann eine weitere Dosis verabreicht werden. Die regelmäßige Antikoagulation sollte zeitnah wieder aufgenommen werden, um das antidotbedingte thrombotische Risiko so gering wie möglich zu halten. Herstellerangaben zufolge kann die Pradaxa-Behandlung 24 Stunden nach der Praxbind-Gabe weitergeführt werden, wenn der Patient klinisch stabil ist und eine ausreichende Hämostase aufweist. Alternativ kann - bei gleichen Voraussetzungen - auch mit einer anderen antithrombotischen Therapie, beispielsweise mit niedermolekularem Heparin, begonnen werden.

Studien und Hintergrundwissen

Die Zulassung von Praxbind basiert auf drei randomisierten, doppelblinden Phase-I-Studien und auf Interim-Ergebnissen der zur Zeit laufenden klinischen Phase-III-Studie RE-VERSE AD (Study of reversal effects of idaruzimab in patients on active dabigatran). An den Phase-I-Studien nahmen 283 Probanden teil, 224 von ihnen wurden mit Idaruzimab behandelt. Die Dosis umfasste 20 mg bis 8 g bei einer Infusionszeit von fünf Minuten bis zu einer Stunde. Im Ergebnis wurde die Dabigatran-induzierte Gerinnungshemmung nach einer Infusion sofort, vollständig und über zwölf Stunden aufgehoben.

In der aktuell laufenden RE-VERSE AD Studie wird untersucht, wie Praxbind bei Dabigatran-behandelten Patienten wirkt, die eine notfallmäßig erforderliche Operation oder Intervention benötigen oder bei denen unkontrollierbare oder lebensbedrohliche Blutungen auftreten. Die Auswertung eines Zwischenergebnisses von 123 Patienten ergab, dass 5 g Idaruzimab die Dabigatran-induzierte Gerinnungshemmung bei mehr als 89 Prozent dieser Probanden innerhalb weniger Minuten aufhebt. Dabei hielt die Wirkung des Antidots mindestens zwölf Stunden an.

Neue orale Antikoagulanzien

Dabigatran (Pradaxa) gehört zu einer relativ jungen Gruppe von neuen oralen Antikoagulanzien (NOAK). Weitere Gerinnungshemmer dieser Wirkstoffklasse sind Apixaban (Eliquis), Edoxaban (Lixiana) und Rivaroxaban (Xarelto). Bislang gab es für die NOAK zwei große Nachteile: keine Möglichkeiten zum Blutgerinnungsmonitoring und ein fehlendes Antidot. Letzteres wurde mit Idarucizumab zumindest für Dabigatran zugelassen. Für die anderen neuen oralen Antikoagulanzien ist voraussichtlich erst 2017 mit einem Gegenmittel zu rechnen. Entsprechende Studien laufen bereits. So soll der Wirkstoff Andexanet alfa die Wirkung von Apixaban und Rivaroxaban innerhalb kürzester Zeit aufheben. Im Gegensatz zu Idaruzimab ist Andexanet alfa kein Antikörperfragment, sondern ein modifizierter Xa-Faktor. Ob so tatsächlich spontane, schwere Blutungen gestoppt werden können, bleibt abzuwarten.

Autor: Ellen Reifferscheid (Apothekerin)

Stand: 01.01.2016

Quelle:

European Medicines Agency (EMA)

  • Auf Whatsapp teilenTeilen
  • Auf Facebook teilen Teilen
  • Auf Twitter teilenTeilen
  • Auf Google+ teilenTeilen
  • MerkenMerken
  • DruckenDrucken
  • SendenSenden
Anzeige

Meistgelesene Meldungen

Pharma News

Ärztliche Fachgebiete

Orphan Disease Finder

Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen:

 

Newsletter