Pregabalain

Mediziner des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München warnen vor einem erhöhten Pregabalin-Missbrauch. Immer mehr Drogenkonsumenten werden wegen Überdosierung und/oder Suizidversuchen eingewiesen. Zudem steigt die Anzahl der Entzugsbehandlungen bei Patienten, die Lyrica und Generika missbräuchlich einnehmen.

Das Fachmagazin DMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift berichtet weiter, dass immer häufiger wegen Pregabalin in der Giftnotrufzentrale des Klinikums angerufen werde. Vor allem sind Suchtpatienten – insbesondere Mehrfachkonsumenten – betroffen. Das Problem betrifft aller Wahrscheinlichkeit nicht nur die bayrische Landeshauptstadt. In einer begleitenden Pressemitteilung heißt es: „München ist nicht die erste Stadt und Deutschland sicher nicht das einzige Land mit einem Lyrica-Problem“.

Symptome von Pregabalin-Missbrauch

Symptome eines Pregabalin-Missbrauchs äußern sich vor allem in Bewusstseinsminderung, Atemnot, Agitation/Aggression, Unruhe, Halluzinationen und Krampfanfällen. Typische Entzugssymptome sind Zittern, Unruhe, Diarrhoe, Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Häufig werden neben Pregabalin weitere Substanzen missbräuchlich konsumiert, insbesondere Benzodiazepine (66,3 Prozent), Methadon (48,8 Prozent), Buprenorphin (32,5 Prozent) und Heroin (22,5 Prozent). Intoxikationspatienten wiesen der Publikation zufolge einen semiquantitativen Urinspiegel von 51,4 ± 66,0 mg/g Kreatinin auf, bei Entgiftungspatienten lag dieser bei 26,1 ± 23,0 (n = 58; p = 0,034).

Abhängigkeitspotenzial von Pregabalin steigt mit Alkohol und Methadon

Pregabalin (Lyrica) gehört zur Gruppe der Antikonvulsiva. Es wird vor allem zur Behandlung von Epilepsie, Angststörungen und neuropathischen Schmerzen verordnet. Neben dem Referenzarzneimittel sind seit dem 1. Dezember 2014 auch Generika erhältlich. Zunächst wurde dem GABA-Analogon kein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial bescheinigt. Heute sei Pregabalin „nach Opiaten, Benzodiazepinen, Cannabis und Alkohol zur fünfhäufigsten missbrauchten Substanz aufgestiegen“, so Nicoals Zeller von der Abteilung für klinische Toxikologie der Technischen Universität München. Dabei erzeugt Pregabalin vor allem in hoher Dosierung sowie in Verbindung mit Alkohol oder Methadon einen „Kick“, der in den Missbrauch führt und weiter in einer Abhängigkeit enden kann.

Kontinuierlich steigende Anzahl

Insbesondere greifen „Patienten, bei denen bereits eine Suchterkrankung besteht, [...] häufig auch zu Pregabalin“ zeigen die Ergebnisse der im DMW publizierten Studie. So mussten zwischen den Jahren 2008 und 2011 nur null bis fünf Patienten mit missbräuchlicher Pregabalin-Einnahme behandelt werden. 2015 wurden bereits 105 Missbrauchsfälle dokumentiert. Dabei handelt es sich neben Patienten mit einer Pregabalin-Überdosierung auch um solche, die zu einer Entzugsbehandlung in die Klinik kommen. Eine ähnliche Entwicklung verzeichnete die klinikinterne Giftnotrufzentrale. 2008 zählte man drei Anrufe zu Pregabalin-Missbrauch, 2015 lag die Zahl bei 71.

Die Studienautoren stufen das kontinuierlich ansteigende Missbrauchspotenzial von Pregabalin als relevantes medizinisches Problem ein. Deshalb sei es wichtig, über das erhebliche Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzial von Pregabalin sowie über Symptome und Gefahren einer Pregabalin-Intoxikation informiert zu sein.

Pregabalin aufmerksam verschreiben

Lyrica machte bereits vor einigen Jahren mit einer erhöhten Anzahl von Missbrauchszahlen Schlagzeilen. Ebenso wurde die rauschhafte, euphorisierende, entspannende und sedierende Wirkung in diversen Drogenforen diskutiert. Viele Ärzte verschrieben Medikamente mit dem Wirkstoff ziemlich wahllos, so die Erfahrung von Uwe Schwichtenberg, stellvertretender ärztlicher Direktor und Chefarzt des Suchtmedizinischen Zentrums im AMEOS Klinikum Osnabrück. Angesichts der Fallzahlen von München gilt es umso mehr, die Verschreibungspraxis von Pregabalin sorgfältig zu überdenken.

Insbesondere sollte genauer bei Patienten den hingeschaut werden, die Pregabalin verlangen und lehrbuchmäßig Symptome aufzählen, die passgenau auf die Indikation des Wirkstoffs zugeschnitten sind. Und aufgepasst: Vielen Suchtpatienten sieht man ihre Erkrankung nicht an. Zudem sind sie sehr erfindungs- und trickreich, um an ihre Suchtmittel zu gelangen.

Autor: Dr. Christian Kretschmer (Arzt)

Stand: 05.10.2017

Quelle:

Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, AMEOS-Gruppe