Neue S3-Leitlinie zu Bruxismus

Die neue S3-Leitlinie zu Bruxismus fasst aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und soll zu mehr Sicherheit beim Umgang mit dem Phänomen Bruxismus beitragen.

Bruxismus

Schädigungen der Zahnhartsubstanz, vorschnelle Abnutzung von Füllungen, Brücken, Prothesen oder Implantaten, Kopf- und Gesichtsschmerzen, Störungen und Schmerzen im Kausystem (kraniomandibuläre Dysfunktionen, CMD): Wer über Jahre unbewusst mit den Zähnen knirscht, kann ernsthafte Folgen davontragen. Prinzipiell gilt Bruxismus nicht als Krankheit.

Gelegentliches Beißen, Mahlen oder Pressen im Schlaf- oder Wachzustand kann sogar nützlich sein, zum Beispiel um nachts Luft zu holen. Patienten mit Reflux produzieren durch einen Bruxismus mehr Speichel, die Wirkung der Magensäure wird abgemildert. Die dauerhafte mechanische Belastung der Zähne und des gesamten Kiefers durch Knirschen hinterlässt jedoch massive Schäden.

Erste S3-Leitlinie

Seit neuestem gibt es daher erstmals eine S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung des Bruxismus“. Sie fasst alle aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf abgesichertem Niveau zusammen. Ziel ist, behandelnden Zahnärzten und Ärzten mehr Sicherheit im Umgang mit dem häufigen Phänomen zu geben. Die ärztliche Behandlungsempfehlung wurde federführend durch die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie (DGFDT), die Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) sowie 30 weiteren Fachgesellschaften und Institutionen erarbeitet. Seit dem 6. Juni 2019 sind auf der Seite der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) eine Kurz- und eine Langfassung veröffentlicht. Zusätzlich können sich interessierte Laien und Betroffene in einer anschaulichen Patienteninformation zum Zähneknirschen mit Tipps zur Selbsthilfe kostenfrei informieren.

Beim Zähneknirschen wird die Kaumuskulatur übermäßig beansprucht. Langfristig nehmen alle Strukturen im Kiefer von den Zähnen über die Muskulatur bis hin zu den Kiefergelenken Schaden. Beim Bruxismus wirken Kräfte von bis zu 800 Newton auf die Zähne, das entspricht einem Gewicht von nahezu hundert Kilo. Müssen die Zähne dieser Last beispielsweise über lange Zeit standhalten, verschleißen sie. Als Reaktion auf die Strapaze weicht der Zahnschmelz, das gelbliche Dentin wird sichtbar. Die Zähne werden durch den Abrieb von Zahnsubstanz überempfindlich auf Heiß und Kalt, Süß oder Sauer. Zudem kommt es zu  schmerzhaften Muskelreaktionen oder eine morgendlichen Muskelsteifigkeit in der Kaumuskulatur der Wange und der Schläfe. Weitere Folgen von Bruxismus sind Gelenkschmerzen beispielsweise beim Kauen harter Speisen, bei weiter Kieferöffnung oder bei Seitwärtsbewegungen des Unterkiefers. Auch kommt es häufiger zu Geräuschen und zu Blockierungen im Gelenk. Betroffen ist hierzulande etwa jeder Fünfte. Meist tritt Bruxismus im zweiten bis dritten Lebensjahrzehnt auf. Wachbruxismus ist bei Erwachsenen häufiger als Schlafbruxismus. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.

Auslöser noch nicht eindeutig bekannt

Bisher sind die Ursachen von Bruxismus nicht eindeutig geklärt. Ging man früher davon aus, das ständige Knirschen vor allem durch fehlerhafte Zahnkontakte entsteht, machen Experten heute zentrale Faktoren verantwortlich. Dazu zählen vor allem emotionaler Stress, aber auch Angst- und Schlafstörungen, Sodbrennen, Schlafapnoe, Nikotin-, Alkohol-, Drogenkonsum, Nebenwirkungen von Medikamenten oder genetische Faktoren. Wachbruxismus scheint eher psychologisch bedingt, Schlafbruxismus eher durch zentralnervöse Störungen.

Diagnose ergibt sich durch Berichte und Klinik

Die Diagnose stellen Zahnärzte und Ärzte durch Schilderungen des Patienten, mithilfe eines kurzen Befundes (Screening) sowie durch die klinische Beurteilung der Kaumuskulatur, der Zahnhartsubstanz und der Bewertung des Zahnabnutzungsgrades. Auch Berichte von Angehörigen sind hilfreich, wenn der Betroffene im Schlaf knirscht. Typische Hinweise sind zudem sichtbare Schäden und Abnutzungserscheinungen an den Zähnen, Überempfindlichkeit der Zähne, Schmerzen in der Kaumuskulatur sowie Berichte über kurzzeitige Schwierigkeiten bei der Mundöffnung.

Bisher keine ursächliche Therapie bekannt

Derzeit gibt es keine ursächliche Behandlung oder Heilung des Bruxismus. Ziel der Therapie ist daher ein möglichst frühzeitiger Schutz der Zähne, die Linderung von Schmerzen sowie Entspannungsmethoden wie Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation, um Stress zu minimieren. Zudem erhalten Patienten Aufbiss-Schienen, Verhaltenstherapie und Biofeedback. Auch die Injektion von Botulinumtoxin kann erwogen werden.

Autor: Beate Wagner (Ärztin)

Stand: 18.06.2019

Quelle:
  1. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e. V., Pressemeldung, 06.06.2019
     
  2. S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung des Bruxismus“, AWMF-Registernummer 083 – 027, Stand 02.05.2019
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