Schwindel bei älteren Patienten: Risiko-Score sagt ungünstigen Verlauf voraus

Schwindel bei älteren Menschen kann für den Hausarzt eine Herausforderung sein. Da sich oft keine Ursache ermitteln lässt und der Schwindel auch von allein verschwinden kann, ist „watch and see“ eine häufige Strategie. Ältere Patienten, die ein hohes Risiko für einen ungünstigen Verlauf des Schwindels haben, können jetzt mithilfe eine neuen Risiko-Scores leicht identifiziert werden.

Arzt hält die Hand einer älteren Dame

Hintergrund

Über Schwindel klagen etwa 10% der älteren Patienten beim Hausarzt innerhalb eines Jahres. Schwindel kann die Teilnahme an sozialen Aktivitäten einschränken und depressive Entwicklungen begünstigen. Zudem erhöht Schwindel bei älteren Menschen das Sturzrisiko. Eine Ursache für den Schwindel lässt sich in vielen Fällen nicht ermitteln, zumal die Schwindelempfindungen bei Älteren meist multifaktoriellen Ursprungs sind.

Viele Hausärzte verfolgen zunächst eine „Watch-and-see“-Strategie, stellen Forscher der Universität Amsterdam fest. Dabei könnten ungünstige Verläufe von einer Intervention profitieren, z. B. könnten potenzielle, zum Schwindel beitragende Faktoren wie Mehrfachmedikation oder depressive Symptome gezielt behandelt werden. Daher haben die Forscher einen Risiko-Score entwickelt, der es dem Hausarzt ermöglicht, Patienten mit einer ungünstigen Schwindelprognose rasch zu identifizieren [1].

Zielsetzung

Ziel war es, ein Vorhersagemodell für einen ungünstigen Verlauf von Schwindel bei älteren Patienten in der Primärversorgung zu entwickeln und dieses extern zu validieren. Mithilfe des Prognosemodells soll ein einfach anzuwendendes Risikovorhersage-Tool erstellt werden, mit dem Patienten leicht identifiziert werden können, deren Schwindelprognose ungünstig ist und die daher von einer weiterführenden Diagnostik und ggf. Therapie profitieren.

Methodik

Der Studie liegen die Daten aus zwei prospektiven Kohortenstudien zugrunde: einer sogenannten Entwicklungskohorte mit 203 Patienten im Alter von ≥ 65 Jahren, die ihren Hausarzt wegen Schwindel konsultierten und eine erhebliche schwindelbedingte Beeinträchtigung hatten (Dizziness Handicap Inventory [DHI] ≥ 30), und eine Validierungskohorte mit 415 Patienten im Alter von ≥ 65 Jahren, die ihren Hausarzt wegen Schwindelanfällen jeglicher Schwere konsultierten.

Ein ungünstiger Verlauf wurde definiert als das Vorliegen einer erheblichen schwindelbedingten Beeinträchtigung (DHI ≥ 30) nach sechs Monaten. Der DHI ist ein häufig verwendeter Fragebogen, der geeignet ist, die Folgen von Schwindel auf das tägliche Leben zu erfassen und die Symptome zu objektivieren.

Ergebnisse

73,9% der Patienten in der Entwicklungskohorte und 43,6% in der Validierungskohorte zeigten sechs Monate nach der Basisuntersuchung einen ungünstigen Verlauf (DHI ≥ 30). Anhand mathematischer Modelle ermittelten die Forscher die Faktoren, die mit einem ungünstigen Verlauf verbunden waren. Prädiktoren für einen ungünstigen Verlauf des Schwindels sind demzufolge der DHI-S-Punktwert (DHI-S = Screening-Version des Dizziness Handicap Inventory mit 10 Multiple-Choice-Fragen), das Lebensalter, Arrhythmien in der Vorgeschichte sowie das Hochschauen als Auslöser für Schwindel.

Der aus dem Vorhersagemodell entwickelte Risiko-Score ist in der folgenden Tabelle dargestellt:

Prädiktor

Punktwerte

Alter in Jahren1 x Alter
DHI-S-Score in Punkten2 x DHI-S-Score
Arrhythmien in der Vorgeschichte 
Ja11
Nein0
Hochschauen als Auslöser für Schwindel 
Ja11
Nein0
Risiko für ungünstigen Verlauf =Summe ≥ 134
Kein erhöhtes Risiko =Summe < 134


Der Risiko-Score ergibt sich aus der Addition aller Punktwerte.

Ein Beispiel: Ein Mann im Alter von 78 Jahren mit einem DHI-S-Score von 14, Arrhythmien in der Anamnese und bei dem Schwindel nicht durch Hochschauen provoziert wird, hat einen Wert von (78 + [2 × 14] + 11 + 0) = 117.

Ein Wert von ≥ 134 entspricht einem hohen Risiko für einen ungünstigen Verlauf des Schwindels mit einer Spezifität von 91,9%.

Fazit

Forscher der Universität Amsterdam haben einen einfach anzuwendenden Risiko-Score entwickelt, mit dem Hausärzte ältere Patienten mit Schwindel und hohem Risiko für einen ungünstigen Verlauf leicht identifizieren können. Anhand von nur vier Prädiktoren unterscheidet das Modell zwischen Patienten mit und ohne hohem Risiko für einen ungünstigen Verlauf des Schwindels.

Autor: Dr. Gabriele Dufhues (Medizinjournalistin)

Stand: 12.10.2018

Quelle:
  1. Stam et al. (2018): Predicting an unfavorable course of dizziness in older patients. Annals of Family Medicine, DOI: 10.1370/afm.2289
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